Sabine Single (48) arbeitet als Managerin bei Hewlett Packard. Dort hat sie ein Zeitkonto, jahrelang sammelte sie Überstunden und Urlaubstage für ihr Sabbatical an. Eine entsprechende Vereinbarung gab es bereits im Betrieb. Sie war deshalb während ihrer Auszeit kranken- und sozialversichert und bekam weiterhin ihr reguläres Gehalt. Ein Rückkehrrecht ins Unternehmen gab es zwar, allerdings keine Zusicherung auf einen vergleichbaren Posten. Single war von Juni 2011 bis Oktober 2013 im Sabbatical.

«Man verschiebt immer alles viel zu sehr auf später, wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Aber den gibt es nie. So ging es auch mir. Ich hatte immer Fernweh, aber für viele Reisen fehlte mir die Zeit. Sozial engagieren wollte ich mich auch. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich mit all meinen Träumen warte bis zur Rente und dann eventuell gar nicht mehr in der Lage sein werde sie umzusetzen – oder ob ich das nicht besser jetzt angehe. Mein Vorgesetzter versuchte natürlich, mich zum Bleiben zu bewegen. Aber er verstand schnell, dass ich mich anders entschieden hatte – wohl, weil ich mich nicht beirren liess.

Geld für ein Kinderhaus in Uganda

Man sollte sehr klar in seiner Entscheidung sein, sonst lässt man sich vielleicht mit einem neuen Jobangebot vom Ziel abbringen. Viele Verwandte und Bekannte, denen ich von meinem Plan erzählt hatte, fanden den Plan zwar toll. Aber oft habe ich auch gehört: ‘Uh, das ist aber mutig’ oder ‘Wie kannst Du den guten Job denn sausen lassen?’. Es kommt halt darauf an, ob man sehr auf Sicherheit bedacht ist oder nicht. Dass ich nicht auf meinen alten Posten zurückkehren konnte, hat mich nicht gestört – ich war schon zwei Jahre in dieser Position und war reif für eine Veränderung. Ich war allerdings flexibel, was den Beginn des Sabbaticals anging. Wenn meine Nachfolge nicht rechtzeitig geklärt gewesen wäre, hätte ich auch noch gewartet.

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Und dann bin ich gereist. Nach Südafrika, Indien, Argentinien, Chile, Sri Lanka, auf die Seychellen, Malediven und in viele andere Länder. Viel allein, manchmal mit meinem Partner oder mit Freunden. Vor allem aber habe ich mit den SOS-Kinderdörfern meinen zweiten Traum umgesetzt und Mal-Events mit Kindern veranstaltet. Ich habe vorher schon gemalt und bin über Kollegen an die Kinderdörfer herangetreten. Zwölf Workshops in vier Ländern habe ich mit denen auf die Beine gestellt, übrigens mit Hilfe meines Arbeitgebers, der das gesponsert hat. Wir haben Gemälde und Grusskarten hergestellt, von dem Erlös – bisher rund 70.000 Euro – wird ein neues Kinderhaus in Uganda gebaut. Meine Reisen habe ich so gelegt, dass ich zu den Events das Land bereist habe.

 «Was macht Dich glücklich?»

Und noch ein Projekt habe ich umgesetzt: Mein Buch «Lebensträume», das inzwischen im Handel ist. Dafür habe ich auf meinen Reisen ganz unterschiedliche Menschen interviewt und ihnen immer dieselben drei Fragen gestellt: «Was ist für Dich das Wichtigste im Leben?», «Was ist Dein Lebenstraum?» und «Was macht Dich glücklich?». Meine Erfahrungen haben mir insgesamt geholfen, mein Leben in Deutschland neu einzuschätzen – was wichtig ist und was nicht. Eine gewisse politische Stabilität, Chancengleichheit, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Sicherheit, gesunde Ernährung, fliessend Wasser – das gab es nicht in allen Ländern, die ich besucht habe.

Ein Problem, einen Job im Anschluss zu finden, hatte ich übrigens nicht. Ich war ja schon 20 Jahre vorher bei Hewlett Packard und habe innerhalb weniger Tage drei Angebote für Management-Positionen im Unternehmen gehabt. Ich konnte mir meinen nächsten Job also aussuchen, musste dafür aber ein wenig früher zurückkehren als geplant.»

Michaela Pawelzik (36) hatte für ihre sechs Monate Sabbatical im Jahr 2012 eine komfortable Ausgangssituation: Der Mutterkonzern ihres Arbeitgebers, ein Automobilzulieferer, hatte festgelegt, dass die Mitarbeiter ein Sabbatical nehmen dürfen, wenn sie vorher eine entsprechende Zeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben. Dafür  erhalten sie während des Sabbaticals weiter Gehalt und sind kranken- und sozialversichert. Pawelzik, die schon seit mehr als zehn Jahren im Betrieb war, hatte im Anschluss die Garantie, einen gleichwertigen Job zu bekommen – allerdings nicht mehr ihre alte Position.

«Jeder hat ja Träume. Ich wollte unbedingt einen Roman schreiben. Gedichte, Drehbücher – das alles hatte ich schon geschrieben, aber ein Roman fehlte mir noch. Der sollte in Berlin spielen – in der Stadt wollte ich immer mal wohnen. Hatte ich schon lange vor, aber habe ich nie realisiert. Und reisen wollte ich natürlich auch, eine bestimmte Fortbildung schwirrte mir im Kopf und, ja, abnehmen wollte ich auch schon lange. Alles Dinge, die ich nie oder nie ganz umgesetzt hatte. Und dann habe ich eines Tages im Büro einen Ausdruck der Betriebsvereinbarung des Mutterkonzerns für ein Sabbatical gefunden. Was für ein Zufall – ich hatte von dieser Möglichkeit schon seit Jahren geträumt. Im Januar 2011 habe ich darauf meinen Chef angesprochen, zwei Monate später habe ich ihn zu einer Entscheidung gedrängt.

Für ihn war das Neuland, denn ich war die Erste in unserem Geschäftsbereich, die den Antrag stellte. Aber ich habe ihn überzeugt, wohl, weil ich wirklich sehr authentisch darin war, dass ich das wirklich will. In den Monaten, bevor ich wegging, habe ich noch meine Nachfolgerin eingearbeitet. Dass ich nicht wieder in meine alte Abteilung zurückkehren würde, fand ich völlig in Ordnung – schliesslich hatte ich da schon 13 Jahre gearbeitet und wollte mich ohnehin verändern. Nebenbei habe ich mein Sabbatical geplant.

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Beruflich lohnte es sich

Ich habe meinen Tisch vollgepackt mit Karteikarten: Welche Reisen ich machen will, welche Weiterbildungen, welche Freunde ich besuchen will, wann ich schreibe und wann ich Korrektur lese – nach Monaten sortiert. Umgesetzt habe ich so einiges: Ich habe einen Workshop in Comedy-Schreiben besucht, drei Wochen in Berlin gewohnt und die Orte besucht, an denen meine Hauptfigur leben sollte, und nicht zuletzt eine Fortbildung im Gesundheitsmanagement absolviert. Und ich habe viel über mich gelernt: Dass ich doch keine Profi-Autorin werden will. Eigentlich hatte ich 300 Seiten geplant, aber das war zu ehrgeizig und zum Schreiben musste ich mich zwischendurch zwingen.

Dass ich Berlin zwar schön finde, aber nicht dort leben will. Das ich meine Ängste überwinden kann und eine Autotour allein durch die Schweizer Berge überlebe. Dass ich mich – anders als gedacht – nicht einfach einschränken kann. Bestimmte Lebensmittel, bestimmte Marken brauche ich einfach zum Wohlfühlen im Alltag. Deswegen konnte ich auch nicht mit weniger Geld auskommen als vorher – ich habe zu meinem Gehalt noch 60 Prozent meines Puffers auf meinem Sparbuch verbraucht. Aber dafür war er ja da. Dass mit der Ernährungsumstellung und dem Abnehmen hat geklappt – aber erst nach dem Sabbatical. Um das umzusetzen musste ich offensichtlich erst andere Träume realisieren. Beruflich hat sich das Ganze für mich übrigens gelohnt. Ich habe mich nach meiner Fortbildung initiativ bei meinem Arbeitgeber beworben und durch die neue Qualifikation eine Stelle bekommen, die es bisher noch gar nicht gab. Die Zusage hatte ich zwei Tage vor Ende der Auszeit. Inzwischen haben noch zwei Kollegen ein Sabbatical angetreten – ich denke, so eine Möglichkeit wird in Zukunft immer wichtiger werden, um Mitarbeiter zu halten.»

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Bizzmiss – das Business-Magazin für Frauen mit den Schwerpunkten Karriere und Work-Life-Balance.