Ein international aktives Unternehmen ist ohne Mitarbeitende, die ständig in aller Welt unterwegs sind, nicht vorstellbar. Und die Zahl der professionellen Jetsetter nimmt zu. Nach einer Studie der Beratungsfirma PwC steigt die Zahl der mobilen Arbeitnehmer von 2014 bis 2020 um 50 Prozent an.

Wie sehr müssen sich Firmen aber um diese international aktive Belegschaft kümmern? Reicht eine Versicherung und ein täglicher Anruf, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist? Oder braucht es umfassendere Massnahmen von Firmen, um keinen Rechtsstreit zu riskieren und das Wohl der Mitarbeiter zu sichern?

«Es ist festzuhalten, dass Arbeitgeber wahrscheinlich umfangreichere Verantwortlichkeiten haben, als einige von ihnen erwarten würden», erklärt der Lausanner Anwalt Michel Chavanne. Dies gelte etwa bei den Verantwortlichkeiten, die auch für das Umfeld des Reisenden und seine Angehörigen gelten. «Jeder Arbeitgeber muss seine Prävention nachweisen können. Arbeitgeber müssen eine Rechtsberatung und Informationen über Arbeitsbedingungen einholen sowie Betriebsumgebungen analysieren, damit sie bei einem Unfall oder Problem sowohl präventive Massnahmen treffen als auch angemessen reagieren können», so der Rechtsexperte.

Ein Beispiel dafür, wie umfangreich diese Vorsorgemassnahmen sein können, ist das Industrieunternehmen Georg Fischer. Jedes Jahr werden dort von den 14 800 Mitarbeitenden 45 000 Reisetage generiert. Eingerechnet sind hier nur Flugreisen. Auto- oder Bahnfahrten kommen oben drauf. Die Federführung bei der Reisesicherheit liegt beim HR des Unternehmens. Eng zusammengearbeitet wird mit dem Versicherungsanbieter Chubb und einem spezialisierten Sicherheitsanbieter.

Reiseverhalten der Jungen als Gefahr

Das Programm deckt alle Elemente der Fürsorgepflicht ab, die rechtlich vorgeschrieben sind, und geht teilweise darüber hinaus. In einem ersten Schritt werden Reisende an Standorte mit erhöhtem Risiko erfasst. Reisende haben über das Intranet, das Internet und eine hierfür bestimmte mobile Applikation Zugang zu Online-Reisesicherheitsinformationen. Eine Liste von Länderrisikobewertungen wird um Standorte mit Einreiseverboten erweitert. Auf der Präventionsseite können Reisende zu Orten mit höherem Risiko spezielle Briefings oder andere geeignete Leistungen erhalten – bis hin zur Bereitstellung eines GPS-Ortungsgeräts.

Anzeige

Zusätzlich pflegt das Unternehmen eine Liste von genehmigten Hotels an wichtigen Standorten. Reisende zu Orten mit hohem Risiko werden ausserdem gebeten, sich bei ihrem Sicherheitspartner zu Überwachungszwecken online zu registrieren. Eine zu diesem Zweck eingerichtete 24/7-Hotline rundet das System ab. Sollte etwas passieren werden, Mitarbeiter von einem medizinischen Team oder durch einen Einsatz der engagierten Sicherheitsfirma vor Ort betreut und eventuell abgeholt.

So halten Sie die Fürsorgepflicht ein

Bewusstsein steigern
Alle Unternehmensebenen sollten einer zentralen Koordinationsstelle in Sicherheitsfragen zuarbeiten.

Reiserisikomanagement ausbauen
Für eventuelle Rechtsstreitigkeiten ist es von Bedeutung, dass Sie schriftlich nachweisen können, dass Sie Notfall-, Risiko- und Einsatzpläne erstellt haben und diese realistisch umsetzbar sind.

Risiko bewerten
Jeder Mitarbeiter und jede geschäftliche Reise hat ein anderes Risikoprofil. Das Risikoprofil muss ständig aktualisiert und angepasst werden.

Nachverfolgung sicherstellen
Sie müssen ständig wissen, wo sich Ihre Mitarbeiter in Risikozonen befinden. Nutzen Sie dafür GPS-Tracker und verbieten Sie spontane Airbnb-Buchungen oder Ähnliches.

Mitarbeiter-Notfallsystem
Im Krisenfall müssen Sie auf medizinische oder sicherheitstechnische Dienstleister zugreifen können, wenn Ihre Firma dies nicht selber leisten kann.

24-Stunden-Service

Die Vermögensverwaltungsfirma Schroder Adveq änderte ihre Fürsorgestrategie für Mitarbeitende nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010, als der Flugverkehr über Europa stark beeinträchtigt wurde und Reisende tagelang in fernen Ländern strandeten. Heute arbeitet Schroder Adveq mit dem Reiseversicherungsanbieter Expatpartners und mit International SOS zusammen, einem Spezialisten für medizinische und Sicherheitsunterstützung für Mitarbeiter im Ausland. Zwar hat die Firma nur 100 Mitarbeiter, davon sind aber 34 Vielreisende, die also ständig unterwegs und damit Risiken ausgesetzt sind. Ihnen steht heute eine mobile Applikation zu Reisesicherheitsinfos und ein 24 Stunden und sieben Tage die Woche erreichbares Supportcenter zur Verfügung.

Anzeige

Aurore Chatard, Regional Security Manager der Firma International SOS, die ein Partner der Schweizer Exportförderungsorganisation Switzerland GlobalEnterprise ist, sieht als häufiges Problem von Firmen, dass sie das Risikoprofil ihrer reisenden Mitarbeiter oft zu wenig anpassen. Das liege auch am sich verändernden Reiseverhalten von jüngeren Mitarbeitenden. «Junge Leute sind digitale Transportund Wohnlösungen gewohnt. Bei Geschäftsreisen sind diese Möglichkeiten aber begrenzt und Reisende dürfen nicht immer dieselben Mittel wie bei Privatreisen nutzen.» Die Hotel-Evaluierungen von Georg Fischer seien empfehlenswert. «Unternehmen sind besonders in Hotels im Ausland erheblichen Risiken ausgesetzt.» Das zeige etwa die Geiselnahme im Raddisson Blu Hotel in Bamako 2015 mit zwanzig Toten.

Marco Taddei, beim Arbeitgeberverband zuständig für internationale Angelegenheiten, sagt: «Natürlich ist Risiko eine Frage der Wahrnehmung und jedes Unternehmen hat eine spezifische Risikofreudigkeit. In einem traditionell versicherungsbasierten Markt ist das Verständnis, dass Risiken nicht alleine durch Versicherungen eingedämmt werden können, für eine Firma unerlässlich, um ein effektives Risikomanagementprogramm starten zu können.» Zudem würden die jüngsten Terrorattacken in Europa zeigen, dass Risiken näher an der Heimat liegen können, als wir oft denken.

Angehörige miteinbeziehen

Zusammengefasst hat der Arbeitgeber gegenüber Mitarbeitenden im Ausland vor allem vier Pflichten: Informations-, Präventions-, Überwachungs- und Eingriffspflicht. Vor allem die Pflicht, in einem Gefahrfall wirklich vor Ort eingreifen zu können, wird unterschätzt. «Je grösser die Risiken für den Arbeitnehmer sind, desto mehr muss das Eingreifen des Arbeitgebers für den Arbeitnehmer, der die Anweisungen seines Arbeitgebers einhalten muss, konsequent und bestimmt sein», so Anwalt Michel Chavanne.

Anzeige

Die Fürsorgepflichten erstrecken sich zudem zwar nicht explizit auf Angehörige. Aber welche Firma will die Partnerin oder den Partner des Arbeitnehmers in einer Gefahrensituation zurücklassen? Die Einbeziehung aller Angehörigen in den Sicherheitsplan ist empfehlenswert.

Haben sie in ihrer Fürsorgepflicht versagt, drohen den Arbeitgebern und ihren Vertretern – insbesondere den Entscheidungsgremien – verschiedene Strafen. In Zivilverfahren wird dies hauptsächlich die Wiedergutmachung des entstandenen Schadens und des immateriellen Schadens nach sich ziehen. Strafen können nicht nur von den Verwaltungsbehörden, sondern auch vom Strafverfolgungssystem verhängt werden – und tatsächlich ist es nach Unfällen oder Vorfällen nicht unüblich, dass die Strafverfolgungsbehörden Untersuchungen durchführen, die mit strafrechtlichen Sanktionen geahndet werden können. Im Streitplan muss der Arbeitgeber nachweisen können, dass er die geeigneten und geforderten Massnahmen getroffen hat, etwa durch die vollständige Dokumentation und die Ausarbeitung von geeigneten Massnahmen, wie die Beispiele von Georg Fischer und Schroder Adveq zeigen.

Georg Fischer verbietet Mitarbeitern aus Sicherheitsgründen, gewisse Hotels zu buchen.