Fast jede Abteilung hat sie, jeder kennt sie: Die Nervensägen mit ihren abertausend dummen Fragen, die Schweigsamen, die den Mund nur öffnen, um ein Projekt zu torpedieren. Während Kollegen Allzumenschliches meist zähneknirschend dulden, kommen Chefs schon mal in Versuchung, sich des Problems ein- für allemal zu entledigen ? per blauen Brief. Aus juristischer Sicht kein Problem. «Kommt es zu einer Auseinandersetzung vor Gericht, merkt man aber oft, dass dem Konflikt ein ganz anderes Problem zugrunde liegt als das, worum offiziell gestritten wird», beobachtet Arbeitsrechtler Walter Sommer und bedauert: «Die wirklich heiklen Themen werden im Arbeitsalltag allzu selten rechtzeitig und angemessen angegangen.»

Mangelnde Wertschätzung

Dies ist auch die Erfahrung von Katja Müggler, Geschäftsführerin von Proitera. Ihr national tätiges Unternehmen bietet Firmen externe betriebliche Sozialberatung an ? eine Dienstleistung, die in den letzten Jahren immer stärker nachgefragt wurde. Im Beratungsalltag sei aber noch etwas zu beobachten, berichtet Müggler: Ein grosser Mangel an Wertschätzung. «Je stärker der Arbeitsdruck in einem Unternehmen zunimmt, desto öfter wird über mangelnde Anerkennung und Respekt geklagt.» Sind die «Schwierigen» also häufig übergangene Mitarbeitende? So sieht es Stefan Brülhart, Psychologe und Leiter des MAS-Lehrgangs «Leadership und Management» am IAP Institut für Angewandte Psychologie: «Schwierige Mitarbeitende sind häufig deshalb schwierig, weil sich die Organisation ? repräsentiert durch Vorgesetzte ? um ihre Bedürfnisse foutiert, sie als Mensch und Partner nicht ernst nimmt.»

Heisst das denn, der Chef muss der Therapeut seiner Mitarbeitenden sein? «Nein», widerspricht Brülhart: «Ein Therapeut geht der Frage nach, was Menschen krank macht und wie sie geheilt werden können.» Die Aufgabe von Führungskräften dagegen sei es, ihren Mitarbeitenden zu erklären, warum welche Ziele erfüllt werden sollen, und sie darin zu unterstützen, ihren Beitrag zu leisten. «Die Zielerreichung zu ?befehlen? ist wenig nachhaltig», weiss Brülhart, «schliesslich müssen die Mitarbeitenden diese Ziele innerlich mittragen können.» Führungskräfte sollten sich deshalb fragen: «Wie tickt meine Mitarbeiterin, wie kann ich sie für unser Ziel gewinnen?»

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Lieber sozialdoof als erfolglos

Hardliner, die bei den Leuten nicht so richtig ankommen und sich mit ihren guten Resultaten trösten, machen einen groben Rechenfehler. Zwar braucht es tatsächlich nicht für alle wichtigen Positionen im Unternehmen Sozialkompetenz. Eine hervorragende Fachkraft kann auch durch einsames Werkeln im stillen Kämmerlein zum Erfolg des Unternehmens massgeblich beitragen. Überall dort aber, wo in Teams gearbeitet wird, kommt es sehr wohl darauf an, wie das geschieht: Arbeiten die Teammitglieder für- oder gegeneinander? Tauschen sie Informationen schnell und grosszügig oder halten sie sie zurück? Besprechen sie sich bei Problemen rasch, oder kehrt jeder sein Häufchen unter den Teppich in der Hoffnung, es komme unter dem Schreibtisch seines Nachbarn wieder zum Vorschein? Mit der Zielvorgabe alleine ist die Führung noch nicht getan. Ab und zu muss eingegriffen, zurechtgerückt, geklärt werden ? nicht nur was die Fakten, sondern auch was die Softfaktoren betrifft. Möglicherweise dürfte es schon als positives Zeichen gewertet werden, wenn sich jemand aus eigenen Stücken dafür interessiert, wie er oder sie auf andere wirkt. In der Regel, so Mügglers Erfahrung, geschieht dies nämlich erst, wenn die Konflikte in allen Abteilungsecken schwelen: «Führungskräfte suchen meist dann Beratung, wenn sie wissen wollen, wie sie in einer schwierigen Situation richtig kommunizieren.» Und die Frage «Wie sage ich es meinem Mitarbeiter?» bedeutet dann in aller Regel eher: «Wie übermittle ich ihm die schlechte Botschaft?» Müggler rät diesen Chefs, sich stärker auf positive Botschaften zu konzentrieren und sie öfter und grosszügiger auszuteilen als negative.

Auch Brülhart hält es für wichtig, generell ? und nicht erst bei Schwierigkeiten ? mit Mitarbeitenden im Gespräch zu sein. Konkret: Im Alltag Interesse zeigen, Fragen stellen, herausfinden, wie das Gegenüber eine Sache sieht. Miteinander reden also. So einfach ist das mit der verflixten Sozialkompetenz? Genau. Und es kommt noch besser: «Das ist lernbar», bestätigen die befragten Experten. Besonders erfolgversprechend sind die täglichen, kleinen Schrittchen. Also Chef, worauf warten Sie? Verteilen Sie mal wieder Komplimente!

 

 

NACHGEFRAGT
«Sich kritisch anschauen können»

Judith C. Wirth, Coach und Buchautorin, Pfäffikon ZH

Nehmen wir eine konkrete Alltagssituation: Ein Team beschwert sich bei der Chefin über das unkollegiale Verhalten eines Kollegen. Wie geht sie vor?

Judith C. Wirth: Grundsätzlich gilt: Wer sich an etwas stört, sollte eine Möglichkeit suchen, dies unter vier Augen anzusprechen. Beschweren sich die Kollegen, sollte die Vorgesetzte dafür sorgen, dass sie sich untereinander einigen, unter Umständen mit Hilfe ihrer oder einer externen Moderation. Zur Kompetenz einer Führungskraft gehört, die eigenen Grenzen und Verantwortlichkeiten einschätzen zu können und die Mitarbeitenden zu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen.

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Gilt dies auch für so Heikles wie etwa den störenden Körpergeruch eines Kollegen?

Wirth: Ohne Zweifel: Eine Führungskraft muss heikle Themen ansprechen können ? sofern diese mit der Arbeit im Zusammenhang stehen und das Arbeitsklima beeinträchtigen. Eine ausgefallene Frisur fällt kaum darunter, störender Körpergeruch dagegen schon. Heikles anzusprechen erfordert Mut und ist für alle peinlich. Hilfreich ist oft, seine eigene Mühe mit dem Thema am Anfang des Gesprächs zu bekunden. Viele Leute sind aber dankbar, auf Störendes aufmerksam gemacht worden zu sein.

Empfiehlt sich also das möglichst sachliche Gespräch unter vier Augen?

Wirth: Bloss keine Angst vor Emotionen! «Sachlich» wird oft mit steril, maschinenmässig, störungsfrei verwechselt. Ich ziehe es vor, die Problematik auf eine Art und Weise zu beschreiben, bei der das Gegenüber die Chance hat, zu verstehen, was ich meine. Gleichzeitig muss auch klar sein, dass meine Sicht der Dinge nicht sakrosankt ist, sondern eine Ansicht, über die diskutiert werden kann ? aber auch muss!

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