Interview mit dem Organisations- und Arbeitspsychologen Andreas Zimber

Warum schaffen es so viele Büroarbeiter nicht, den Verlockungen des Internets zu widerstehen?
Andreas Zimber:
Prinzipiell geht es darum, dass unsere Psyche hin und wieder ein wenig Abwechslung braucht. Vor allem wenn wir überbelastet oder mit monotonen Tätigkeiten beschäftigt sind, wie es im Büro vorkommen kann, wird Abwechslung als angenehm empfunden.

Ein wenig auf Facebook oder Twitter rumzuklicken ist also doch nicht schlecht?
Soziale Netzwerke sind als Abwechslung nur bedingt geeignet, vor allem wenn unsere Arbeit viel Kopfarbeit und Kommunikation enthält. Denn solange man am Computer sitzt, kann sich das Gehirn nicht wirklich entspannen. Da bringt es viel mehr, kurz aufzustehen, in die Teeküche oder einmal eine Runde nach draussen zu gehen.

Wie kann man sich trotzdem vor der Ablenkungsfalle retten?
Da gibt es viele Optionen. Wer zum Beispiel dazu neigt, sich zu verzetteln, sollte bewusst Abwechslung in seinen Tagesplan einplanen, damit es in regelmässigen Abständen Zeit für ein wenig Zerstreuung gibt.

Wie kann man sich vor externen Unterbrechungen wie E-Mails schützen?
Da wird es dann schon weitaus schwieriger. In unserer Evolutionsgeschichte haben wir gelernt, bei Veränderungen in der Umwelt unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Diese Reaktion ist Millionen Jahre alt und diente früher zum Überleben.

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Und diese Reaktion setzt sich im Büroalltag weiter fort?
Im Arbeitsalltag müssen wir uns zwar nicht vor Raubtieren oder anderen Gefahren fürchten. Doch es gibt immer viele kleine Veränderungen, die um unsere Aufmerksamkeit kämpfen: Eine eintreffende E-Mail, das Telefon oder jemand, der bei uns vorbeikommt. Da verliert man sehr schnell die Orientierung.

Was hilft dann?
Das Einzige, was dabei hilft, ist, sich klare Prioritäten zu setzen. Also: Welche Aufgabe erledige ich als erste? Doch auch hier ist Vorsicht angesagt, denn auch das Priorisieren nimmt mentale Energie in Anspruch. Wenn man dies vermeiden will, soll man auf jeden Fall systematisch versuchen, sich gegen externe Unterbrechungen abzuschirmen. Viele Unternehmen arbeiten zum Beispiel bereits daran, den internen E-Mail-Verkehr einzuschränken und so für eine Entlastung zu sorgen.

Inzwischen gibt es Psychiater, die sagen, je mehr wir Computer, Smartphones und Tablets benutzen, desto schneller verblöden wir. Leben wir bald in einer Welt, in der die Menschen die Konzentrationsfähigkeit eines Goldfisches haben?
Was wir jetzt beobachten, ist dann doch eine relativ junge Entwicklung, deren Tragweite sich im Moment noch nicht in voller Gänze erfassen lässt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Informationsgeschwindigkeit vervielfacht. Was das mit unserer Psyche im Endeffekt macht, werden wir wahrscheinlich erst in einigen Jahren sehen. Doch man darf auch nicht vergessen: Die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns ist aussergewöhnlich.

Tool-Tipps

BRB
Die App BRB ist der Anrufbeantworter für die Welt der Sozialen Medien. Wer für einige Stunden konzentriert arbeiten, aber seine Freunde auf keinen Fall ohne Antwort auf Nachrichten lassen will, kann mit BRB Push-Nachrichten auf WhatsApp, Instagram, Facebook und Twitter senden. Alle Abwesenheitsnotizen können personalisiert werden.
Erhältlich bei www.brbapp.com.

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Digital Detox
Wer während der Arbeitszeit kaum von seinem Handy wegkommt, sollte sich mit Digital Detox beschäftigen. Die Android-App schaltet das Handy für eine vorher festlegbare Zeit (von 30 Minuten bis zu einem Monat) unwiderruflich aus. Harter Tobak für so manchen Handy- Süchtigen, aber vielleicht die beste Entzugstherapie.
Erhältlich im Google Play Store.

Freedom
Diese App für Windows, Mac und Android sperrt Nutzer vom Internet aus. Für eine vorher festlegbare Zeit blockiert die App jeden Zugang zum Netz und ermöglicht damit Arbeiten, die keine Ablenkung auf Facebook oder Twitter dulden. Besonders geeignet für Studenten, die sich in dicke Wälzer vertiefen müssen.
Erhältlich in allen Stores.

Concentrate
Das Programm ermöglicht eine individuell abgestimmte Form des konzentrierten Arbeitens. Es müssen Tätigkeiten definiert werden, für die notwendige und nicht notwendige Programme und Websites festgelegt werden. Beginnt man mit einer Tätigkeit, werden die einen Programme geöffnet, die anderen blockiert. Damit bleibt man auf der Spur.
Erhältlich im Apple Store.

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Isolator
Mehrere offene Fenster und zu viele Objekte auf dem Arbeitsbildschirm verringern die Konzentration massiv. Isolator ist eine Applikation, die es ermöglicht, nur ein wichtiges Fenster hell darzustellen, der Rest des Bildschirms wird verdunkelt. Damit wird fokussiertes Arbeiten unterstützt und die Ablenkung durch bunte Icons oder Farben verhindert.
Erhältlich im Apple Store.

Controlled Multi-Tab
Ein Tool für Selbstbegrenzung während der Arbeit ist Controlled Multi-Tab Browsing. Die Erweiterung des Chrome-Browsers ermöglicht es, eine Höchstzahl an geöffneten Tabs festzulegen, wodurch man gezwungen wird, sich während der Arbeit auf die wichtigsten Fenster zu konzentrieren und nicht wild und unkoordiniert neue Fenster zu öffnen.
Erhältlich im Chrome Web Store.

Rescue Time
Wer seine Arbeitsleistung einer grundlegenden Evaluation unterziehen will, ist bei Rescue Time richtig. Das Programm läuft im Hintergrund und zeichnet die Zeit auf, die man mit Programmen, Apps oder Internetseiten verbringt. Am Ende der Woche liegt ein detaillierter Report vor, der den Arbeitsverlauf und die grössten Zeitfresser aufzeigt. Das ideale Tool zur Selbstoptimierung.
Erhätlich bei www.rescuetime.com.

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Time Out
Es gibt Programme, die ans Arbeiten erinnern, aber genauso wichtig sind Programme, die an Pausen erinnern. Time Out läuft unauffällig im Hintergrund und erinnert in vorher festlegbaren Abständen daran, dass es Zeit für Ruhe oder etwas Ablenkung ist. Durch das Tool Time Out wird man angehalten, wirkliche Pausen zu machen und sich nicht auf Facebook neuen Eindrücken auszusetzen.
Erhältlich im Apple Store.

Anti Social
Wer sich partout nicht den ständigen Blick auf Soziale Netzwerke abgewöhnen kann, sollte, bevor er das ganze Internet mit einer App blockiert, einzelne Soziale Netzwerke für einen festlegbaren Zeitraum ausschalten. Einmal blockiert ist die entsprechende Seite dann nicht mehr aufrufbar, nur ein Totalabsturz des PC stoppt die App. Gut gegen zeitfressendes Chatten.
Erhältlich bei www.anti-social.cc.

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