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Strauss-Kahn: Parade-Europäer unter Vergewaltigungsverdacht

Fachlich geachtet, doch nicht zum ersten Mal im Fokus bei Sexvorwürfen: Dominique Strauss-Kahn (Bild: Keystone)

Er galt als Held der Finanzkrise, Parade-Europäer und möglicher Kandidat für die französische Präsidentschaft - nun sieht sich IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn in den USA mit dem Vorwurf der versuchten

Veröffentlicht am 15.05.2011

Er wurde noch auf dem Flughafen in der Maschine festgenommen, mit der nach Europa fliegen wollte, um mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und der EU-Führung über das Schuldenproblem Griechenlands zu beraten.

Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird vorgeworfen, ein 32-jähriges Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel angegriffen und sie zum Oralsex gezwungen zu haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der heute 62-Jährige Strauss-Kahn mit Sexvorwürfen konfrontiert sieht. 2008 wurde gegen ihn wegen einer sexuellen Beziehung mit einer ihm untergebenen weiblichen Angestellten beim IWF ermittelt.

Die IWF-Führung bezeichnete das Verhalten des Chefs damals als "bedauerlich" und Ausdruck einer "schweren Fehleinschätzung". Das Direktorium befand aber, die Beziehung zwischen Strauss-Kahn und seiner Mitarbeiterin habe auf gegenseitigem Einverständnis beruht.

Strauss-Kahn, in dritter Ehe verheiratet, entschuldigte sich damals in einer E-Mail an alle IWF-Mitarbeiter für sein Verhalten. "Dieser Vorfall ist eine schwere Fehleinschätzung meinerseits, für die ich die volle Verantwortung übernehme", schrieb er. "Zugleich bin ich der Überzeugung, dass ich meine Position nicht missbraucht habe."

Möglicher Sarkozy-Herausforderer

Die jüngsten Vorwürfe gegen den IWF-Chef kommen inmitten einer scharfzüngigen Berichterstattung über ihn in den französischen Medien. Der Franzose führe einen Lebensstil, der von einer Vorliebe für Luxusautos und -anzüge geprägt sei, hiess es.

Einige sahen in den Meldungen aber auch eine gezielte Schmutzkampagne, da Strauss-Kahn zuletzt als stärkster potenzieller Herausforderer von Nicolas Sarkozy bei den Präsidentschaftswahlen 2012 galt.

"DSK", wie Strauss-Kahn in Frankreich gerne genannt wird, hatte bereits 2007 um die Unterstützung seiner sozialistischen Partei für eine Präsidentschaftskandidatur geworben, musste sich dann aber in den Vorwahlen seiner Parteigenossin Ségolène Royal geschlagen geben.

Führende Rolle während der Finanzkrise 2008

Nach der Präsidentschaftswahl setzte sich der ins Amt gewählte Sarkozy für die Kandidatur von Strauss-Kahn als Kandidat für den Chefposten beim IWF ein.

Politische Strategen sahen darin eine Chance für Sarkozy, einen möglichen Gegner bei den Präsidentschaftswahlen 2012 aus dem französischen Rampenlicht zu stossen.

Doch für seine Leistungen als IWF-Chef erntete Strauss-Kahn Respekt, was ihm einer möglichen Kandidatur für die französische Präsidentschaft wieder näher brachte. Er erhielt internationale Anerkennung für seine führende Rolle während der Finanzkrise 2008 und der anschliessenden globalen Rezession.

Respekt für EADS-Aufbau

Bereits als französischer Wirtschaftsminister von 1997 bis 1999 wurde er für seine Verdienste geachtet. Er bereitete Frankreich auf die Einführung des Euros vor, privatisierte Staatsunternehmen und reduzierte das Budgetdefizit.

Sein Ansehen als "Parade-Europäer" erarbeitete sich Strauss-Kahn auch dadurch, dass er beim Aufbau des Europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS half. Zuletzt übernahm "DSK" eine führende Rolle in der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise.

Seine Festnahme könnte nun auch den Fahrplan für die Eindämmung der Euro-Schuldenkrise durcheinander bringen. "Die Affäre kommt zu einem schlechten Zeitpunkt", sagte ein EU-Diplomat mit Blick auf die Verhandlungen über das Hilfspaket für Portugal und mögliche neue Hilfen für Griechenland, an denen der IWF beteiligt ist.

Im Bemühen, die Wogen zu glätten, erklärte der IWF, trotz der Vorwürfe gegen Strauss-Kahn bleibe er "vollkommen handlungsfähig".

Unterschiedliche Reaktionen in Frankreich

Strauss-Kahns Konkurrentin in der Sozialistischen Partei, Ségolène Royal, bezeichnete die Festnahme nun als "erschütternde Nachricht". Noch sei jedoch nichts bewiesen, sagte Royal dem Radiosender Europe 1. Erst müssten die weiteren Ermittlungen abgewartet werden.

Der ihm nahestehende Politiker Jean-Marie Le Guen erklärte, die Vorwürfe klängen nicht so, als ob sie etwas mit Strauss-Kahn zu tun haben könnten.

Die Chefin der rechtspopulistischen Partei Front National, Marine Le Pen, erklärte, Strauss-Kahn sei mit seiner Anklage "endgültig als Kandidat für das höchste Amt im Staat diskreditiert". Die Vorwürfe gegen den Strauss-Kahn wögen "sehr schwer", sagte sie.

Strauss-Kahns Frau: "Glaube nicht an die Anschuldigungen"

Der IWF-Chef ist Vater von vier Kindern. Er ist in dritter Ehe mit der gebürtigen New Yorkerin Anne Sinclair verheiratet, die in den 1980er Jahren eine beliebte wöchentliche Nachrichtensendung in Frankreich moderierte.

Sinclair hält es für ausgeschlossen, dass ihr Gatte in New York ein Zimmermädchen vergewaltigen wollte. "Ich glaube nicht eine einzige Sekunde an die Anschuldigungen, die gegen meinen Mann erhoben werden", schrieb sie in einer kurzen Stellungnahme an die französische Nachrichtenagentur AFP.

Alle Beteiligten sollten Anstand und Zurückhaltung wahren, so Sinclair. Sie sei überzeugt, dass die Unschuld ihres Mannes bewiesen werde.

(tno/sda)

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