Der erste Compliance Officer in einer Schweizer Bank startete in den 1990er Jahren beim damaligen Schweizerischen Bankverein (SBV) in Basel. Seitdem erlebt das Berufsbild einen starken Aufschwung. Kaum ein grösseres Unternehmen verzichtet auf eine Compliance-Abteilung. Bei Weltkonzernen arbeiten inzwischen Dutzende Compliance-Mitarbeiter – Tendenz steigend.

Den Grund für den Aufschwung des Berufsbilds kann man einerseits durch äussere Einflüsse erklären: In den neunziger Jahren wurde die Finanzmarktgesetzgebung in den Bereichen Börsen- und Insiderdelikte sowie Geldwäscherei verschärft. Die Revision des Kartellgesetzes 2004 führte zu einem noch stärkeren Bedürfnis, alle Prozesse in Unternehmen möglichst genau auf Rechtskonformität überwachen zu lassen. Eine strengere Gangart von Finanzmarktaufsichtsinstitutionen wie der Finma rechtfertigen den Aufschwung des Compliance Officer.

Unübersichtlichkeit im Führungsalltag fördert kriminelles Verhalten

Auf der anderen Seite könnte man fragen, ob das offenbar massiv gewachsene Bedürfnis nach Aufpassen mit einer Veränderung des Verhaltens der Führungskraft zu tun hatte – und was genau dieses Verhalten positiv oder negativ beeinflusst – jenseits von strengeren Regulierungsvorschriften.

Eine allgemein anerkannte Meinung gibt es zu diesem Thema nicht, aber Erklärungsansätze. So gibt es etwa Experten, die an einem Zusammenhang zwischen Konjunktur und Anfälligkeit für Fehlverhalten forschen. Läuft die Wirtschaft, halten sich alle an die Regeln. Geht es abwärts, suchen viele einen Schleichweg. Noch wurden in der Schweiz aber Statistiken zu Wirtschaftskriminalität nie wissenschaftlich mit Konjunkturdaten verglichen. In Deutschland weisen Auswertungen der Häufigkeit von Delikten zwar jährlich ein Auf und Ab, aber nicht unbedingt eine Bindung an die Konjunktur auf.

Andere gehen davon aus, dass zunehmende Unübersichtlichkeit im Führungsalltag kriminelles Verhalten fördert. Niko Paech, Wirtschaftsprofessor an der Universität Oldenburg, erklärt etwa, dass globalisiertere Handels-, Produktions- und Vertriebsprozesse Verantwortungsabschiebungen von einzelnen Managern begünstigen. Die zunehmende Verflechtung der Wirtschaftsströme nach dem Kollaps des Kommunismus als Stressfaktor, der die Einsetzung so vieler Compliance Officer nötig machte? Tatsächlich bekennen sich kriminelle Manager viel häufiger zu Gier als zu Schusseligkeit oder intellektueller Überforderung.

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Ausbildner versuchen den Jungen moralische Denkmuster einzuimpfen

Bis die Frage, was genau Manager anfällig für Regelverstösse macht, geklärt ist, versuchen die Ausbildner des Führungsnachwuchses und auch von Compliance Officer den Jungen moralische Denkmuster einzuimpfen.

Der Rechtsexperte und Leiter des Zentrums für Wettbewerbsund Handelsrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erklärt, dass moralisch-ethische Aspekte in Ausbildungen für Compliance Officer schon lange berücksichtigt werden. «Die Herausforderung besteht darin, präventiv zu erkennen, warum diese Werte in bestimmten Situationen nicht gelebt werden.»Auch Vito Roberto von der Universität St. Gallen sieht ein ähnliches Problem. Junge Angestellte würden nach sechs Monaten ihre Verhaltensgrenzen an jene anpassen, die in der Organisation vorherrschen. Diese schnelle Anpassung an die Firmenkultur und das Chef-Verhalten belegt zwar nicht, dass Chefs moralisch abgestumpfter oder überforderter geworden sind. Die Auslöser für kriminelles Verhalten werden aber entscheidend von ihrer Vorbildfunktion getriggert und strahlen auf die ganze Organisation aus. Daran scheinen auch wachsende Compliance-Abteilungen und schärfere Gesetze nur sehr wenig zu ändern.

Diskussion zum Thema

Wie Führungskräfte im Spannungsfeld zwischen zunehmender Regulierung und dem Bedürfnis nach kreativen Freiheiten erfolgreich handeln können, ist Thema beim 41. SKO-Leader Circle, der am Mittwoch, 6. Juni, am neuen Standort des SIX Convention Point stattfindet. Adresse: Pfingstweidstrasse 110, 8005 Zürich. Unter der Leitung von «Handelszeitung»-Chefredaktor Stefan Barmettler diskutieren unter anderen Siegfried Gerlach, Monika Roth, Thomas Landolt und Beat Häfliger über ihre Erfahrungen und Empfehlungen. Anmeldung unter: sko.ch.

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