London, Cannes oder Ibiza: Bald können Fluggäste aus der Schweiz diese Destinationen so oft anfliegen, wie sie wollen. Denn die erste «All-you-can-fly»-Airline startet im Oktober aus Zürich und Genf. Mitglieder zahlen einen monatlichen Beitrag (rund 3520 Franken) und können danach ohne Limite fliegen. Das Flatrate-Modell hat für Reisenden gewisse Vorteile: Über die Surf-Air-App können sie einen Flug innert 30 Sekunden buchen. Die Buchung kann jederzeit geändert oder storniert werden. Am Flughafen müssen Gäste zudem nur 15 Minuten vor Abflug erscheinen und können in einem separaten Terminal einchecken.

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Warum die Schweiz für Surf Air besonders interessant ist und was die Vorteile zum Privatjet-Business sind, erklärt Surf-Air-Europa-CEO Simon Talling-Smith im Interview.

Herr Talling-Smith, wie viele Flüge sollen ab Herbst aus der Schweiz starten?
Simon Talling-Smith*: Zunächst werden wir acht Mal pro Tag abheben - drei Mal von Zürich nach London, einmal nach Cannes. Dasselbe gilt für Genf.

In jedem Flugzeug haben nur acht Personen Platz. Wie viele Mitglieder brauchen Sie, damit sich eine Strecke lohnt?
Für jedes Flugzeug braucht es circa 200 Mitglieder, damit die Kosten gedeckt sind. Zu Beginn werden wir in der Schweiz drei Flugzeuge einsetzen – brauchen demnach also rund 600 Mitglieder, um profitabel zu werden.

Mitglieder können ihren Flug bis zur letzten Sekunde umbuchen oder stornieren. Führt dies zu Leerstand auf den Flügen, die ohnehin schon wenige Sitzplätze anbieten?
Bis jetzt hatten wir keine Probleme damit. Die App zeigt Kunden an, wie viele Sitze noch verfügbar sind. Die meisten unserer Mitglieder buchen ohnehin zwei bis drei Tage im Voraus.

In Kalifornien richtet sich ihr Angebot vor allem an Geschäftsreisende. Sieht das in der Schweiz ebenso aus?
Ja. Wir richten uns an Leute, die oft reisen und die von grossen Flughäfen, langen Schlangen beim Check-in und beim Security-Check frustriert sind – oftmals sind dies Geschäftsreisende. Mit uns können sie von einem separaten, kleineren Terminal fliegen. Sie müssen erst kurz vor Abflug auftauchen und können einen eigenen Sicherheitscheck durchlaufen. Hier kommt es selten zu Stau, da maximal fünf oder sechs Personen gleichzeitig fliegen.

In Kalifornien ist Surf Air seit 2013 tätig. In einem Interview sagten Sie der Financial Times, das Europa interessanter für Ihr Business sei. Wieso?
Der Frust unter Geschäftsreisenden ist hier grösser. Die Menschen in Europa leben dichter aufeinander und es gibt mehr Businesszentren in Flugdistanz. Gleichzeitig hat sich die Reiseerfahrung in den letzten fünf bis zehn Jahren in Europa extrem verschlechtert – vor allem für Premium-Kunden. Billig-Airlines haben die Konkurrenz im Markt befeuert, es werden mehr Flüge zu geringeren Preisen angeboten. Dadurch sind die Flughäfen überfüllt. Ein Flug von 1,5 Stunden kann wegen langen Wartezeiten schnell zu einer sechs- oder siebenstündigen Tortur werden. Surf Air könnte diese Reisezeit signifikant reduzieren. So geben wir Geschäftsleuten Zeit zurück.

Sie rechnen damit, im ersten Jahr in Europa 1000 Kunden zu akquirieren. Wie viele davon in der Schweiz?
Ich rechne damit, dass wir in der Schweiz bis Ende Jahr mehrere hundert Mitglieder haben. Wir haben viel Resonanz aus der Schweiz erhalten, viele Leute sind an unserem Angebot interessiert. Viele Schweizer Geschäftsleute fliegen jede Woche nach London und verlieren viel Zeit an Flughäfen. Surf Air könnte das für sie ändern.

Die Anzahl potenzieller Kunden würde die Schweiz zu einem der Kernmärkte in Europa machen, wenn nicht zu dem Kernmarkt.
Es ist schwierig vorauszusagen, welcher Markt am wichtigsten wird – die Schweiz ist auf jeden Fall ganz oben dabei. Wir rechnen damit, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren zementieren wird.

Sie planen in Europa zweimotorige Flugzeuge einzusetzen – entweder die Cessna CJ4 oder die Embraer Phenom 300. Wieso setzen Sie nicht wie in Kalifornien auf Schweizer Pilatus PC-12-Jets?
Der PC-12 ist ein einmotoriges Propellerturbinen-Flugzeug. Unsere Strecken in Europa sind länger als jene in Kalifornien. Auf diesen dürfte ein zweimotoriges Flugzeug den Passagieren mehr Komfort bieten. Die EU erlaubt zudem in verschiedenen Ländern nicht, einmotorige Flugzeuge für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Diese Regulierung sollte sich jedoch in Zukunft ändern. Wenn dies in ein paar Jahren eintritt, werden wir definitiv auch Pilatus-Jets für kürzere Strecken einsetzen.

Surf Air ist nicht die einzige Airline, die auf privatere Luxusflüge setzt. Fly Club Air oder die australische Firma Airly setzen auf ein ähnliches Model. Was macht Sie besser als die Konkurrenz?
Im Gegensatz zu anderen Anbietern, die versuchen, Kunden mit freien Flugzeugen zu verbinden, sind wir eine richtige Airline mit eigener Flotte.

Bei Privatjets können Sie selbst bestimmen, wo dieser hinfliegen soll. Bei Surf Air sind die Routen vorbestimmt. Ist dies ein Nachteil für Kunden?
Es wird immer Menschen geben, die sich totale Freiheit wünschen und selbst bestimmen wollen, wann und wohin sie fliegen. Diese Personen werden aber auch eine höhere Zahlungsbereitschaft haben als andere. Ausserdem haben wir gemerkt, dass die meisten Leute ohnehin zwischen relativ wenig Städten hin- und herfliegen. Sollte Surf-Air-Kunden eine Destination im Angebot fehlen, können sie diese auf eine Warteliste setzen lassen. Kommt genügend Nachfrage zustande, bauen wir unser Streckennetz dementsprechen aus.

Die Briten haben für einen Austritt aus der EU gestimmt. Der europäische Hauptsitz von Surf Air liegt in London, ein Grossteil ihrer Flüge gehen in die britische Hauptstadt. Wie beeinflusst die unsichere politische Situation ihr Geschäft?
Es ist schwierig, Prognosen abzugeben. Die politische Situation entwickelt sich rasant. Derzeit beobachten wir die Lage nur und halten unsere Krisenpläne bereit. Generall sehen wir aber durch den Brexit keine grossen Veränderungen für unser Geschäft. Wir sehen uns als europäische Airline. Wir sitzen zwar in London, sind aber in vielen europäischen Märkten tätig. Mit der Zeit wollen wir das sogar noch ausbauen.

*Simon Talling-Smith ist CEO von Surf Air Europa. Vor seiner Tätigkeit bei Surf Air war er bei British Airways als Vizepräsident von Amerika und als Präsident von Travelzoo tätig. Talling-Smith war ebenfalls Vorsitzender des Britisch-Amerikanischen Business Council. Er hat in Oxford studiert und lebt mit seiner Familie in London.