Er hört auf den Namen «Arnie» und denkt nicht in seinen wildesten Träumen daran, einen Briefträger zu beissen. Ganz einfach deshalb, weil er nicht nur gut erzogen, sondern der Hund des neuen Post-Verwaltungsratspräsidenten Peter Hasler ist. Dieser Schweizer Schäferhund scheint einen besonderen Platz im Herzen seines Meisters zu haben. Jedenfalls erwähnt Hasler ihn an erster Stelle, wenn von seinen Freizeitaktivitäten die Rede ist.

«Wissen Sie, mich belustigt jeweils, wenn Führungskräfte aufzählen, was sie so nebenbei an Interessen pflegen - Konzerte, Ausstellungen, Golf und und und. Wenn man seine Mandate ernst nimmt, bleibt kaum mehr Zeit für all das übrig. Und was da immer alles auf dem Büchertisch liegen soll …», sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit. Dabei kann er davon ausgehen, dass es welche gibt, in deren Ohren diese Aussage kratzen dürfte.

Immer wieder sagt Hasler Dinge, die davon zeugen, dass er nicht ängstlich darauf bedacht ist, ob er allenfalls anecken könnte. So etwa: «Die Marktöffnung steht nicht zuoberst auf der Traktandenliste.» Aha. Was führt diese denn an? «Die Sorge um unsere Wettbewerbsfähigkeit und die Flexibilität, uns Veränderungen anzupassen. Die Politiker können über die Liberalisierung oder das Restmonopol disputieren. Wir können mit beidem leben, wollen aber dazu sehen, dass die Strukturen mit den Anforderungen des Marktes Schritt halten, ihnen gar voraus sind.»

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Damit ist auch die Umwandlung der Poststellen angesprochen. Erinnert sich Hasler überhaupt noch an seine allerersten Kontakte mit der damaligen PTT? «Ja sicher. Das war zu meiner Schulzeit. Ich musste jeweils die Briefe mit dem Velo zur Post fahren.»

Hasler nutzt die Gelegenheit blitzrasch, um gleich noch um Verständnis für die Anpassung des Poststellennetzes zu werben. Wenn die Zahl der Briefe immer mehr abnehme, müssten Möglichkeiten gefunden werden, um den dadurch entstehenden Defiziten und drohenden Preiserhöhungen einen Riegel zu schieben.

Der Postbote als Poststelle

Eine davon hat er gleich selber getestet. Er ging mit Peter Siegenthaler vom «Hausdienst» in der Region Eriz auf Tour. Bei dieser Sparvariante geht es darum, dass der Postbote quasi zur Poststelle wird. Er bringt oder holt Briefe und Pakete und wickelt Ein- und Auszahlungen ab. «Es war eindrücklich, wie gross die Akzeptanz dieser Form unserer Dienstleistungen in der Bevölkerung ist», erzählt er.

Unnötig zu sagen, dass sich Siegenthaler und seine illustre Begleitung ziemlich wehren mussten, nicht in jede gute Stube gebeten zu werden. Einmal schalteten sie dann aber doch eine Pause ein. Daran, ob es nur einen Kaffee oder einen Kaffee Luz gab, will sich Hasler partout nicht erinnern. Doch man ist sich der Gefahr durchaus bewusst, dass der umfunktionierte Postbote zum Ansprechpartner für einsame Menschen wird. Hasler ist davon überzeugt, dass Lösungen wie diese, das gilt auch für die vieldiskutierten Agenturen, à la longue kundenfreundlicher sind.

Wo immer man nachhakt: Hasler findet einen Rank, um an die ernormen Fortschritte zu erinnern, welche die Post im Lauf der Jahre gemacht hat. «Niemand muss heute mehr Briefsäcke herumschleppen wie ich damals. Längst werden die Möglichkeiten der modernen Technik genutzt.» Was nicht nur die Rücken der Mitarbeitenden schont, sondern auch zeitsparend ist.

Von Haus aus Jurist

«Service public und Effizienz sind keine Gegensätze», lautet einer seiner Kernsätze. Um ein Beispiel gebeten, sagt er: «Ein Brief vom Unterengadin - am späten Nachmittag aufgegeben - ist am nächsten Morgen schon beim Empfänger im hintersten Walliser Tal. Und das für 1 Franken.» Die Bestrebungen Haslers, die Post in die Zukunft zu führen, sind glaubwürdig. Das gilt besonders für sein Credo zugunsten einer Transformation der Post in eine AG: «Die Post braucht klare Entscheide von der Politik.» Man spürt, dass er darauf brennen würde, diese Aufgabe anzugehen.

Dabei war sein Engagement als Verwaltungsratspräsident der Post nicht unbedingt vorgezeichnet. Das bekam er bei seinem ersten Medienauftritt auch zu hören. Spätestens damals schimmerte durch, dass er «von Haus aus» Jurist ist. Er sagte sinngemäss, dass er in seiner früheren Funktion als Arbeitgeber-Direktor «wie ein Anwalt» diese Seite vertreten habe. Dasselbe gelte nun für die Post. Er macht seinen Auftrag zur anwaltlichen Sache.

Was hat ihn bewogen, diesen Beruf zu wählen, wo doch sein Vater Architekt war? «Eigentlich haben mich seine Arbeiten begeistert, er nahm mich auch oft auf Baustellen mit. Seine Spuren sind heute noch sichtbar - etwa bei Schulhäusern in Uetikon am See oder in Herrliberg. Aber die Krux war: Ich war im Zeichnen eine Null.» Als es an die Berufswahl ging, befand Hasler, dass die Juristerei ihm am meisten Optionen offenliess. «Ein Arzt kann nicht in die Wirtschaft, ein Jurist hingegen schon.» Doch zunächst blieb er seinem Metier treu, wurde Gerichtsschreiber in Meilen und arbeitete anschliessend bei der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich - ein Lehrblätz der besonderen Art. Wahrscheinlich hat er vor allem dort seine vielgerühmte Sozialkompetenz erworben.

Nicht rückwärts schauen

Wenn Hasler schildert, was er damals erlebte, sind das filmreife Szenen - etwa die Inventaraufnahme in einer Messie-Wohnung, wo zwischen viel Gerümpel 50 000 Fr. versteckt waren. Oder das Begehren einer verwahrlosten Frau, die nicht mehr bevormundet werden wollte. Sie wurde vorgeladen, und Hasler staunte nicht schlecht, als eine gepflegte und aufgetakelte Dame erschien und erklärte, sie sei mittlerweile im horizontalen Gewerbe tätig ...

Für Aussenstehende hat es Hasler leicht, sich nach dem verunglückten Experiment mit seinem Vorgänger auf dessen Sessel zu setzen. Hasler verliert kein Wort über diese unappetitlichen Vorkommnisse und verdeutlicht, dass es nie seine Art gewesen ist, in den Rückspiegel zu schauen. «Mein Ziel ist es, uns in den vier Märkten Logistik, Kommunikation, Bank und öffentlicher Verkehr so zu positionieren, dass die Schweizer auch in 20 Jahren noch stolz auf ihre Post sein können.»

Die Post in der Hosentasche

Und schon wieder hat Hasler eine Gelegenheit gefunden, um Schleichwerbung zu machen. Auf seinem iPhone hat er etwas aufgeschaltet, was er jetzt nicht ohne Stolz präsentiert: «Wir sind Leader im E-Banking. Die Zahl der Kunden wächst monatlich im Tausenderbereich.» Damit beweist er auch, dass das iPhone dank einem ausgeklügelten Programm nicht nur zur Erledigung von Bankgeschäften dienen kann, sondern zur «Post in der Hosentasche» wird.

Auf die Frage, was ihn für dieses neue Amt prädestiniert, antwortet er rasch: «Ich bin Verwaltungsratspräsident des Unispitals und der Reka. Das sind zwar zwei völlig verschiedene Unternehmen, aber in dieser Position stellen sich dieselben Aufgaben: Es wird nicht erwartet, dass man Spezialwissen mitbringt, sondern es geht darum, strategische Weichenstellungen vorzunehmen.»

Was macht Hasler in seiner Freizeit? «Ich liebe es, im Garten zu arbeiten, Bäume auszustocken und neue zu pflanzen. Das Handwerkliche liegt mir sehr, das habe ich von meinen Vorfahren, die alle Baumeister waren.» Einen Estrich ausbauen? Kein Problem. Telefonleitungen verlegen? Ein Kinderspiel. Es sei denn, man überhöre, dass er das früher schon einmal probiert hatte, als es noch strafbar war. Aber da war er auch noch nicht VR-Präsident der Post.