Am Morgen ist im Internet ein Dokument aufgetaucht mit dem Namen Dr. Borer Consulting im Briefkopf - der Beratungsfirma von Thomas Borer, ehemaliger Schweizer Botschafter in Berlin. Das Papier ist das Drehbuch zu einer grossen Lobby-Aktion im Sinne des russischen Milliardärs Oleg Deripaska im Streit mit seinem Konkurrenten Wladimir Potanin. Eingebunden werden sollen prominente Schweizer und Schweizerinnen, in- und ausländische Journalisten sowie die US-Börsenaufsicht.  

Deripaska wirft Potanin vor, über die St.-Galler-Kantonalbank-Tochter Hyposwiss Geld gewaschen zu haben. Doch die Schweizer Behörden, allen voran die Bundesanwaltschaft, haben bisher kein Verfahren gegen Potanin eröffnet. 

«Handelszeitung Online»: Herr Borer, heute Morgen ist ein Papier von Ihnen an die Öffentlichkeit gekommen. Das dürfte Sie wenig gefreut haben, oder?
Thomas Borer: Erstens ist das kein Papier von mir, sondern der Entwurf eines jungen Mitarbeiters, der gewisse Überlegungen angestellt hat. Ausserdem habe ich öfter mit Situationen zu tun, die mich wenig freuen. Was mich aber viel mehr besorgt ist, dass wir hier einen offensichtlich schweren Fall von Geldwäscherei haben über 3 Milliarden US-Dollar und die zuständigen Schweizer Behörden das nicht einmal im Ansatz untersuchen.

Sie nutzen mit ihrem Plan den aktuellen Druck auf den Finanzplatz und fallen der Schweiz somit in den Rücken.
Ich setze mich immer für den Finanzplatz Schweiz ein – allerdings für einen sauberen und transparenten Finanzplatz. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass man Warner wie mich nicht ignorieren und unangenehme Aspekte nicht einfach unter den Teppich kehren kann. Beispiel nachrichtelose Vermögen, Beispiel Steuerhinterziehung. So etwas holt den Finanzplatz immer wieder ein, kostete Geld und schadet der Reputation nachhaltig. Und auch dieser Fall hat das Potenzial, genau das zu tun.

Aber Sie wollen gleich Deutschland und die USA auf die Barrikaden bringen – zwei Länder mit denen die Situation im Steuerstreit sehr angespannt ist.
Ich bringe sie nicht auf die Barrikaden. Aber eine Transaktion von 3 Milliarden, die in grossvolumigen Überweisungen über Konten der Hyposwiss gelaufen ist sowie über Offshore-Gesellschaften, die zu diesem Zwecke gegründet und dann schnell wieder geschlossen wurden, muss man sich genauer anschauen. Dabei stützte ich mich auf Rechtsgutachten von eminenten, international anerkannten Professoren. Diese kommen zum unzweifelhaften Schluss, dass sowohlbezüglich der Vortat - ungetreue Geschäftsbesorgung - als auch der übrigen Voraussetzungen zur Geldwäscherei konkrete Anhaltpunkte vorliegen, die die Aufnahme eines Strafverfahrens zwingend nahelegen. Und wenn die Schweizer das nicht machen, besteht grosse Gefahr, dass ausländische Behörden dies beanstanden.

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Sie haben gesagt, Sie bringen niemanden auf die Barrikaden. Aber in dem Papier sind deutsche und englischsprachige Journalisten genannt - und sogar die US-Börsenaufsicht SEC.
Auch für meine Mitarbeiter herrscht in der Schweiz Gedankenfreiheit. Und ich habe die US-Börsenaufsicht nicht informiert. Aber ich sage voraus - auch wenn für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung gilt -, dass es sich um einen der grössten Schweizer Geldwäscherei-Fälle handeln könnte. Wenn wir diese Untersuchung nicht in die Hand nehmen, werden andere Behörden dies tun. Es wäre naiv, das nicht anzunehmen.

Das Ganze bekommt eine besondere Brisanz, wenn man sich die aktuellen Spannungen und Verhandlungen etwa mit Deutschland und den USA anschaut.
Die aktuellen Verhandlungen zeigen uns doch aufs Beste, dass wir mit Schlaumeiereien nicht davon kommen. Wieso sind wir denn in solchen Schwierigkeiten? Wir haben vorbildliche Gesetze und in manchen Fällen wie bei ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mubarak handeln wir auch richtig. Aber in anderen verschliessen wir unsere Augen. 

Was für Reaktionen haben Sie heute bekommen?
Ich habe von einigen Bürgern E-Mails bekommen, die Bedenken haben, was am Finanzplatz geschieht.

Sie wollen sagen, dass Sie positive Reaktionen bekommen haben und das nur von Bürgern?
Es sind Journalisten, die kritische Fragen stellen. Diese sollten aber kritische Fragen bezüglich der Inaktivität der Schweizer Behörden stellen.

Sie behaupten ernsthaft, Sie hätten keine Reaktionen bekommen aus Wirtschaft oder Politik?
Nein, nicht die geringsten.

Als ehemaliger Botschafter sind Sie heute für Herrn Deripaska tätig. Wie ...
... Ich diskutiere nicht öffentlich über meine Mandate. In diesem Fall geht es nicht um Deripaska oder Potanin.

Sie wollen sagen, Sie machen das aus eignem Interesse und nicht im Auftrag?
Ich mache das aus vielerlei Interessen. Aber in erster Linie geht es in diesem Fall um ein Interesse an einem sauberen Finanzplatz Schweiz.

Sie sagen die ganze Zeit, das Papier stammt von einem Mitarbeiter, Sie sagen nichts dazu, ob Sie für Herrn Deripaska tätig sind – da muss man doch skeptisch werden.
Ich bin nicht mehr im Staatsdienst und muss nicht über meine Klienten reden. Skeptisch sollten Sie bezüglich der Nichtanhandnahme von Strafverfahren im hier dikutierten Fall sein.

Kann man Herrn Deripaska mehr trauen als Herrn Potanin?
Das ist kein Urteil, das Sie, ich oder Schweizer Gerichte fällen müssen. Darum geht es hier nicht. Es geht ausschliesslich um einen Fall von vermeintlicher Geldwäscherei, in den Herrn Potanin verstrickt ist und der über eine kleine Schweizer Bank abgewickelt wurde, durch Schweizer Bankiers und Schweizer Anwälte. Und das kann uns nicht gleich sein. Davor kann sich die Bundesanwaltschaft, die Finanzmarktaufsicht, die Steuerbehörde die Augen nicht verschliessen.

In wieweit kannten Sie das Papier, wussten davon, kannten die Formulierungen?
Ich habe es angeschaut und mit dem Mitarbeiter diskutiert, was zu ändern und zu verbessern wäre.

Was kam dabei heraus?
Ich habe gerne Mitarbeiter, die Ideen entwickeln und aktiv sind.