Den Schweizer Angestellten wehte im letzten Jahr ein rauer Wind ins Gesicht. Mit 4,4% erreichte die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit zwölf Jahren. Kein Wunder, geht in vielen Betrieben das Gespenst der Kündigung um.

In der Folge wagen immer weniger Arbeitnehmer, ihrem Chef ein Arztzeugnis vorzulegen. Stattdessen erscheinen sie krank am Arbeitsplatz - Fachleute sprechen bei diesem Phänomen von Präsentismus. «Herrscht erhöhter Druck im Unternehmen, tritt auch Präsentismus vermehrt auf», konstatiert Christian Feldhausen, Sprecher der Krankenkassengruppe Groupe Mutuel.

Die Statistiken bestätigen den Zusammenhang. So drückte die Krise den Krankenstand etwa in Deutschland im letzten Jahr auf den niedrigsten Wert seit 40 Jahren. Für die Schweiz liegen zwar erst die Zahlen für 2008 vor. Doch sie zeigen gegenüber dem Vorjahr bereits einen Rückgang der Jahresabsenzen pro Vollzeitstelle um fünf Stunden auf rekordtiefe 67 Stunden an.

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Schulden, Stress, Burnout

Angst um die Stelle, Konflikte am Arbeitsplatz und physische oder psychische Leiden sind allerdings nicht die einzigen Ursachen für Jobpräsenz ohne Konzentration, Effizienz und Leistung, wie Stefan Boëthius, Geschäftsleitungsmitglied der Beratungsfirma ICAS in Wallisellen, erklärt: «Auch ernste private Sorgen können das Leistungsvermögen von Mitarbeitenden über Wochen und Monate stark reduzieren.» Zu den Dienstleistungen von ICAS gehört deshalb die externe telefonische Beratung solcher Mitarbeiter im Auftrag von Firmen.

«Wir spürten den krisenbedingten Anstieg des Präsentismus im letzten Jahr durch die Zunahme unserer externen Mitarbeiterberatung um einen Viertel», erklärt Boëthius. Meist gehe es dabei um Probleme, wie sie für eine Wirtschaftskrise typisch seien: Entlassung, Schulden, Stress, Depression, Burnout, zwischenmenschliche Spannungen am Arbeitsplatz. Darüber hinaus ziehe die Krise auch das Privatleben in Mitleidenschaft. Boëthius: «Wir stellen eine erhebliche Zunahme von Trennungen und Scheidungen fest.»

Werden solche Probleme in den telefonischen Beratungsgesprächen thematisiert, versucht das ICAS-Team, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Besonders wichtig ist gemäss Boëthius die Kommunikation: «Viele trauen sich nicht, mit ihrem Chef zu reden. Würden sie es tun, sähen sie oft, dass ihre Sorgen umsonst waren. Unsere Spezialisten coachen solche Mitarbeiter und helfen ihnen, sich auf das Gespräch mit dem Vorgesetzten vorzubereiten.» Gefordert ist aber auch die Unternehmensführung. Denn ein Absenzenmanagement, das auf Angst und Kontrolle basiert, verstärkt den Präsentismus. Ein plötzlicher starker Rückgang der Absenzen ist somit kein Grund für den Chef, sich auf die Schulter zu klopfen, sondern eher ein Warnsignal.

Als Gegenmassnahme empfiehlt die Groupe Mutuel ein modernes HR-Management, das Präsentismus durch einen proaktiven Führungsstil verhindert. Flankierend fordert die Krankenkassengruppe individuelle Unterstützungsmassnahmen für Mitarbeiter mit Problemen.

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Auch indirekte Folgen

Ohne solche Gegenmassnahmen kann Präsentismus zu einem Dauerproblem werden, wie verschiedene Studien zeigen. So verdoppelt sich laut einer holländischen Untersuchung der Prozentsatz der Mitarbeitenden, die trotz Krankheit arbeiten, mit dem Druck am Arbeitsplatz. Im Extremfall betreiben bis zu 90 % der Belegschaft Präsentismus.

Je nach Arbeitstätigkeit kann Präsentismus auch indirekte Folgen haben, die ein Unternehmen teuer zu stehen kommen: «Die Qualität der Arbeitsausführung und der Entscheidungen leidet. Ferner kann Präsentismus die Heilung oder die nötige Erholungsphase beeinträchtigen und damit neue Arbeitsausfälle verursachen, die dann noch viel länger andauern», betont Christian Feldhausen von Groupe Mutuel.

Statistische Angaben, inwieweit Präsentismus auch zu einer Zunahme von Arbeitsunfällen führt, sind laut Suva zwar nicht verfügbar. «Dass dieser Zusammenhang besteht, ist in der Literatur aber unbestritten», erklärt Suva-Sprecher Erich Wiederkehr. Insbesondere die Vorgesetzten seien deshalb gefordert, beim Umgang mit den Mitarbeitenden die nötige Umsicht walten zu lassen. Wiederkehr: «Eine Kultur des Dialogs ist langfristig sicher die bessere Lösung als eine Kultur des Drucks.»

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