Uwe Tännler kennt sich aus in der Schweizer Wirtschaftswelt. Der Präsident des Verbands Swiss Marketing trifft jedes Jahr Hunderte von Managern verschiedener Branchen. «Der Kleidungsstil ist in den vergangenen Jahren sicher lockerer geworden», sagt Tännler. Während Krawatten für viele Manager und Angestellte früher vielerorts zum guten Ton gehörten, bleibt der Binder heute häufig im Schrank. «Das ist auch okay. Ohne Krawatte lässt es sich alltags einfach besser arbeiten, ganz einfach weil man nicht ständig die Luft abgeschnürt bekommt.»

Der Trend zu legererer Kleidung ist im Geschäftsleben vielerorts erkennbar, Menschen kleiden sich zunehmend bequem, die Funktion rückt in den Vordergrund. «Es gibt weniger Konventionen allein um der Konvention willen», sagt Gabriele Schlegel, Chefin der auf Firmenkultur und Mitarbeiterführung spezialisierten Unternehmensberatung Business Behaviour.

Kein Freibrief für Freizeidress

Auch wenn die Funktion beim täglichen Griff in den Kleiderschrank immer mehr im Vordergrund steht, haben Manager und ihre Mitarbeiter damit keinen Freibrief, in bequemem Freizeitdress im Meeting oder beim Kundentermin aufzutauchen. Schliesslich ist anständige Kleidung kein Selbstzweck und keine Frage des guten Geschmacks – Anzug und Kostüm erfüllen im Geschäftsalltag eine wichtige Funktion: Sie signalisieren dem Gegenüber, dass man es wertschätzt und sich Mühe gibt, seinen Job gut zu machen.

Ob das dann tatsächlich der Fall ist, ist freilich eine andere Frage, letztlich entscheidet die fachliche Arbeit und nicht die Kleidung. «Aber die äussere Erscheinung prägt nun mal immer noch den ersten Eindruck», sagt Schlegel. Und den zu widerlegen, ist häufig viel Arbeit.

Auswahl der passenden Kleidung ist eine Herausforderung

Das passende Outfit ist im Business so gesehen vor allem eines: Ein effizientes Werkzeug, um meinen Gesprächspartner wohlgesonnen zu stimmen. Die Kunst im Berufsalltag besteht heute darin, sich da bequem zu kleiden, wo es niemanden stört – und bei Bedarf eben doch wie aus dem Ei gepellt dazustehen.

So gesehen ist die Auswahl der passenden Kleidung heute schwieriger als in der Vergangenheit. Es lohnt also ein Blick auf den Look, der neuerdings das Strassenbild in Wirtschaftsmetropolen prägt: Banker in London und Zürich zum Beispiel tragen Turnschuhe zum piekfeinen Nadelstreifenanzug, Managerinnen aus den USA tragen flache Ballerinas zum Business-Kostüm. Allerdings nur auf dem Weg zur Arbeit: Im Rucksack oder in der grossen Handtasche haben sie ihr Büro-Profi-Schuhwerk à la rahmengenähte Budapester und Business-Pumps dabei, um sich im Büro umzuziehen.

Schicker nicht automatisch besser

«Das Tauschen des Schuhwerks im Büro ist völlig in Ordnung», sagt Benimm-Expertin Schlegel. Niemand müsse sich auf den letzten Metern vor dem Firmeneingang auf einer Parkbank umziehen. «Wenn mir dann tatsächlich der Chef oder ein Kunde in der Eingangshalle über den Weg läuft und mich in dem etwas legereren Outfit sieht, ist das kein Problem», sagt Schlegel. Denn es gehe nicht darum, dass niemand ohne einwandfreies Business-Outfit zu sehen sein dürfe. Sondern dass man während der Arbeitszeit eine professionelle Einstellung vermittle.

Die richtige Kleidung ist vor allem beim Treffen mit Kunden nach wie vor wichtig. Schicker ist dabei nicht automatisch besser: Wer überkandidelt beim Verkaufsgespräch auftaucht, kann leicht arrogant wirken. Wenn ein Versicherungsvertreter zum Beispiel mit schwarzem Anzug und Krawatte in der Werkstatt eines Handwerkers aufkreuzt, wird er womöglich gar nicht ernst genommen.

Lieber zu schick als underdressed

Im Zweifel gilt aber auch heute noch: Lieber etwas zu dick auftragen als umgekehrt. Denn mit zu schicker Kleidung ist es leichter, einen Fehlgriff kurzfristig zu beheben: Ein Sakko ist rasch ausgezogen und ebenso eine Krawatte, wenn man vor Ort bei einem Termin merkt, dass man es doch etwas übertrieben hat.

Wer hingegen in Jeans und Kurzarmhemd unterwegs ist und dann einem mit Schlips und Kragen ausstaffierten Kunden gegenübersteht, kann sich nicht mehr anpassen und ist der peinlichen Situation ausgeliefert. 

Schriftlicher Dresscode

Wenn man tatsächlich einmal zu leger unterwegs ist, etwa weil ein Kunde unerwartet im Nadelstreifenanzug zum Termin erscheint, hilft nur noch eines: Tief durchatmen. «Manche Menschen werden dann unsicher und sind für den Rest des Termins unkonzentriert, weil sie mit sich hadern. Das bringt aber nichts», sagt Business-Beraterin Schlegel. «Der erste Eindruck ist dann zwar möglicherweise negativ, wenn der Kunde es denn tatsächlich so wahrnimmt. Aber diesen Eindruck muss man dann selbstverständlich auf fachlicher Ebene widerlegen.»

Angesichts der grösseren Freiheit kann es für Unternehmen durchaus Sinn machen, schriftlich einen Dresscode zu fixieren. Im angelsächsischen Raum sind solche Vorgaben von Firmen durchaus üblich. «Ich halte das für sinnvoll», sagt Schlegel. Allerdings empfiehlt die Expertin, aufzuschreiben, was Mitarbeiter nicht tragen dürfen. Und nicht umgekehrt vorzuschreiben, was sie anziehen sollen. «Dieser Weg ist einfach eleganter, weil er die Mitarbeiter weniger gängelt», sagt die Expertin. Erwachsene Menschen lassen sich schliesslich ungern sagen, was sie anziehen sollen. «Hinweise darauf, was man als Repräsentant einer Firma nicht tragen soll, sind hingegen durchaus nachvollziehbar und oft angebracht.

Vier Augen Gespräch anstatt öffentliche Blossstellung

In vielen Schweizer Unternehmen gibt es solche schriftlichen Vorgaben allerdings nicht, die Schweizerische Post zum Beispiel schreibt lediglich ihren Zustellern vor, welche Kleidung sie zu tragen haben. In allen anderen Positionen vertraue man auf das Urteil der jeweiligen Vorgesetzten, heisst es aus der Pressestelle in Bern.

Ob mit oder ohne offiziellen Dresscode – wenn ein Chef einen Mitarbeiter tatsächlich einmal wegen seiner Kleidung tadeln muss, gilt der gleiche Grundsatz wie bei allen kritischen Themen: Immer unter vier Augen besprechen, niemals vor Publikum. Im Gespräch sollte sich der Chef darauf beschränken, seine Vorstellung davon zu artikulieren, wie Repräsentanten des Unternehmens seiner Meinung nach auftreten sollten. Und nicht kopfschüttelnd lospoltern: «Mein Gott, wie Sie schon wieder rumlaufen.» Das gilt auch dann, wenn dem Chef der Satz so oder so ähnlich schon Dutzende Male durch den Kopf gegangen ist.

Mode als Statement

Schliesslich ist die Kleidung immer auch ein Stück weit Ausdruck der eigenen Persönlichkeit: «Als ich noch jung war, habe ich viel häufiger Krawatte getragen als heute», sagt Marketing-Verbandspräsident Tännler. «Das liegt auch daran, dass ich in meinem Job selbstbewusster geworden bin und die Kleidung weniger zum Unterstreichen meiner Führungsposition brauche.»

Das heisst aber nicht, dass Tännler ganz auf einen Binder verzichtet. Er setzt ihn allerdings gezielter ein: «Wenn ich eine Veranstaltung mit tausend Gästen mit einer Rede eröffne, habe ich natürlich eine Krawatte an», sagt der Verbandschef. Wenn einem so viele Menschen zuhören, will man schliesslich alles richtig machen und diese Haltung auch kommunizieren. Gesten wie das Tragen der Krawatte helfen dabei zweifellos. «Das ist auch eine Frage des Respekts», sagt Tännler. Und der lässt sich oft mit nonverbaler Kommunikation in Form der richtigen Kleidung schneller und leichter vermitteln als mit Worten.

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