Die Idee tönte verlockend. Zudem wollte Fritz Müller schon lange einmal eine Beiz führen. Branchenerfahrung hat er zwar nicht und eine Ausbildung in Gastronomie fehlt ihm. Aber er hatte sowieso nichts als Ärger am Arbeitsplatz, er verdient schlecht, hat kaum Freizeit und fühlt sich ständig gestresst. Also packt er die Gelegenheit beim Schopf, kündigt seine Anstellung und macht sich selbstständig.

Fritz Müller könnte auch Hans Meier heissen; die Chancen, dass er mit seinem Geschäft Erfolg hat, sind trotzdem schlecht. Zum einen hat er sich für seinen Schritt in die Selbstständigkeit nicht vorbereitet, zum andern kennt er als Branchenfremdling den Markt nicht. Zudem ist seine Motivation nicht die beste: «Wer sich selbstständig macht, weil er am Arbeitsplatz Probleme hat, hat schlechte Karten», erklärt Norbert Winistörfer, Professor an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.

Die Motivation ist aber von entscheidender Bedeutung: Wer sich selbstständig macht, weil er mehr leisten, Innovationen verwirklichen oder ein bisher unbefriedigtes Kundenbedürfnis abdecken will, hat viel bessere Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein. Auch wenn ein lang gehegtes Lebensziel verwirklicht werden möchte, stehen die Chancen gut, dass das Projekt gelingt, wenn es gezielt vorbereitet wird.

Anzeige

Auf jeden Fall sollte der Schritt in die Selbstständigkeit immer einem inneren Drang folgen. Oder wie es Winistörfer formuliert: «Der Entscheid sollte nicht primär durch äussere Faktoren bestimmt werden.»

Unternehmertyp gefragt

Von grosser Bedeutung für das Gelingen ist auch der Charakter des Firmengründers. Ist er risikobereit, kann er Druck aushalten und sich stets neu motivieren? Kann er auf andere Menschen zugehen, sie begeistern und von seinen Ideen überzeugen? Winistörfer weiss, dass genau hier viele Unternehmer ein Problem haben. Dabei ist diese Fähigkeit unumgänglich: Niemand ist bereit, ein Projekt finanziell zu unterstützen, wenn er nicht davon überzeugt werden kann. Ob jemand auf Leute zugehen kann, zeigt sich auch in seinem Beziehungsnetz. Und darauf kann niemand verzichten, der sich selbstständig machen will. Vom Netzwerk hängt letztlich ab, welche Aufträge jemand hereinzuholen vermag. Dabei zählen nicht nur die brancheninternen Kontakte, sondern auch der Kollegenkreis, denn manchmal erfahren Kunden über Zweitkanäle von einer Firma. Und schliesslich kommt kein Firmengründer um fundierte Fachkenntnisse herum. Auch nicht im betriebswirtschaftlichen Bereich: «Ein Unternehmer muss Kennzahlen lesen können und wissen, wie man Finanzierungslücken überbrücken kann», sagt Winistörfer. Zudem muss er die Kunden und ihre Bedürfnisse kennen, spüren, welches Produkt Chancen haben könnte und die nötigen Marktanalysen vornehmen. Denn die beste Idee nützt nichts, wenn kein Markt dafür vorhanden ist.

Solche Abklärungen können recht aufwendig sein. Das erfährt zurzeit auch Babette Wackernagel Batcho aus Basel. Die ausgebildete Musikerin mit Weiterbildung als Musikschulleiterin möchte eine Musikschule für behinderte und nicht behinderte Jugendliche gründen. Seit zweieineinhalb Jahren ist sie nun mit einer Bedürfnisabklärung beschäftigt. Ihr Problem: «Aus Datenschutzgründen ist es schwierig, zu Adressen von Behinderten zu kommen.»

Durststrecken unumgänglich

Um bei solchen Schwierigkeiten nicht zu kapitulieren, braucht es eine gute Portion Durchhaltewillen. Das gilt auch für die Zeit nach der Firmengründung, wenn einmal nicht alles rund läuft. Es braucht einen langen Atem, bis eine neue Firma etabliert ist; in der Regel dauert das mehrere Jahre. Da kann es zu Durststrecken kommen, auf die jeder Selbstständigerwerbende gefasst sein sollte. Immerhin geht es darum, diese dann auch auszuhalten ? psychisch wie finanziell.

Dass Durststrecken zur Belastung werden können, hat auch Daniel Bircher erfahren, der vor dreieinhalb Jahren zusammen mit einem Partner die Firma Truecom Partners AG gründete. Im ersten Jahr war stets genügend Arbeit da, dann gingen verschiedene Projekte zu Ende. Als der Informatiker plötzlich ohne Aufträge dastand, kam er gehörig ins Schwitzen und aktivierte alle Kontakte, um wieder zu Arbeit zu kommen. Zwei Monate dauerte das. «Das hat mich mehr beschäftigt, als ich gedacht hätte.» Seither sind seine Auftragsbücher wieder voll.

Auch Frustrationen sind nicht zu vermeiden. Sie können sich etwa einstellen, wenn man feststellt, dass das eigene Produkt immer wieder vorgestellt werden muss, weil es noch unbekannt ist. Oder wenn man mit vielen kleinen Aufträgen Vorlieb nehmen muss, weil die grossen länger als erwartet ausbleiben. Oder wenn mühsam erarbeitete Pläne kurzfristig geändert werden müssen, weil sich die Si-tuation ganz anders entwickelt hat.

Es gäbe also viele gute Gründe, sich nicht selbstständig zu machen. Dennoch würden sich nur wenige der rund 600000 Selbstständigerwerbenden in der Schweiz wieder anstellen lassen. Stattdessen freuen sie sich über die Selbstverwirklichung, den Sinn und die Befriedigung der Arbeit.

 

 

NACHGEFRAGT Norbert Winistörfer, Professor an der Hochschule für Wirtschaft, Olten


«Für Selbstständigerwerbende ist jeder Kunde ein Chef»

Drei von zehn neu gegründeten Firmen verschwinden innerhalb der ersten zwei Jahre wieder, die Hälfte wird nicht mehr als fünf Jahre alt. Was machen sie falsch?

Norbert Winistörfer: Eine absolute Voraussetzung fürs Gelingen ist es, die Stärke der Konkurrenz und die Kundenbedürfnisse einschätzen zu können. Vermutlich haben diese Firmen den Markt falsch beurteilt, die Durststrecke unterschätzt oder nicht damit gerechnet. Sie konnten zu wenig abschätzen, was auf sie zukommt.

Was sollten Selbstständigwerbende unbedingt vermeiden, um zu überleben?

Winistörfer: Der Schritt in die Selbstständigkeit sollte nicht blauäugig geschehen. Man sollte sich nicht aufs Geratewohl in ein Abenteuer stürzen, sondern sich Zeit nehmen und sein Vorhaben reifen lassen. Man sollte vorgängig den Kontakt zu andern Unternehmern suchen.

Wann ist eine Firmengründung zum Scheitern verurteilt?

Winistörfer: Wenn die falsche Person zum falschen Zeitpunkt mit dem falschen Produkt auf einen übersättigten Markt kommt. Noch schlimmer ist es, wenn für dieses Vorhaben das Pensionskassenguthaben bezogen wird.

Welchen Irrtümern sollte man nicht erliegen, wenn man sich selbstständig machen will?

Winistörfer: Dass man endlich keinen Chef mehr haben wird und über mehr Freizeit und Lohn verfügen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Selbstständigerwerbende arbeiten mehr, haben weniger Freizeit und verdienen oft sogar weniger. Zudem ist für einen Selbstständigerwerbenden jeder Kunde ein Chef.

Wenn Arbeitslose keine Stelle mehr finden, machen sie sich oft selbstständig. Wie gross sind ihre Erfolgschancen?

Winistörfer: Der äussere Druck muss nicht nur negativ sein: Unter Umständen kann ein Arbeitsloser durch seine Situation einen Energieschub bekommen, den er sonst nicht gehabt hätte. Wenn er gut ausgebildet ist, Berufserfahrung mitbringt und eine gute Geschäftsidee hat, dann kann es durchaus klappen.