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Erfolg
«Und dann setzte ich die Bude in den Sand»

Vom Scheitern berichten vor Dutzenden Fremden: Viele Startup-Gründer könnten sich wohl Besseres vorstellen. Doch die «Fuckup Nights» erheben genau das zum Konzept – und erfreuen sich regen Zulaufs.

Von Andreas Güntert
am 01.07.2015

Die zierliche Dame tritt im properen Deuxpièces an. Sie hat den globalen Consulting-Slang drauf, zeigt beste Businessmanieren und versprüht Charme. Es könnte sich um eine Präsentation im Chefbüro eines SMI-Konzerns handeln. Wäre da nicht dieses Wort. Die erfahrene Beraterin platziert es schon in den ersten fünf Minuten dreimal. Ganz bewusst, genussvoll und mit diebischer Freude sagt sie es frei daher: «Fuck».

Die 30 Zuhörer im Zürcher Büro der Web-Firma Evernote werden das F-Wort noch oft hören an diesem Sommerabend. Es ist Programm. Und es stand am Anfang einer Bewegung, die sich im September 2012 in Mexiko-Stadt formierte. Fünf Freunde aus der Unternehmerszene wagten sich, befeuert von hochprozentigem Mescal, an ein Tabuthema: Jeder aus dem Quintett hatte beruflich schon mal einen «Fuck-up» hingelegt, also veritablen Mist gebaut.

Beginn einer globalen Bewegung

Und jeder kannte jemanden, der mit seinen Ideen ebenfalls abschmierte. Geschichten, die selten öffentlich werden – obwohl sich alle (Manager-)Welt gerne mit dem Satz zitieren lässt, dass man viel aus Fehlern lernen könne. Konkrete Beispiele blieben die Chefs aber meistens schuldig, bedauerte die Mescal-Runde.

Was bei einem alkoholschwangeren Amigo-Gate hätte bleiben können, nahm eine andere Richtung: Es war der Beginn der globalen Bewegung «Fuckup Nights» – eine Veranstaltungsreihe, bei der Teilnehmer erzählen, wie sie floppten, auf harten Boden fielen und dabei neben der Contenance auch Geld verloren.

Eine Viertelmillion versiebt

Bei der Dame im Deuxpièces war es eine Viertelmillion: «Nach 15 Jahren im Beratergeschäft wollte ich mein eigenes Business», erzählt sie und schildert, wie sie als Unternehmerin im Minengeschäft aktiv wurde. Das Ergebnis: «Totaler Fuckup.» Sie wurde getäuscht und aus- getrickst in einer Branche, welche sie nicht à fond kannte. Nach den üblichen Phasen des Misserfolgs – Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn und Ärger, Selbstverhandlung, Depression – rappelte sie sich wieder auf: «Ich erkannte, dass ich auf meine Fähigkeiten aufbauen, das richtige Team finden und mit beiden Füssen am Boden bleiben muss.»

Der Minenflop ist die erste von drei Geschichten, die an diesem Abend in Zürich serviert werden, garniert mit Powerpoint-Folien. Das Prozedere folgt dabei einem genormten Modus: Zehn Folien, die jeweils 40 Sekunden gezeigt werden, was eine Vortragszeit von 400 Sekunden oder knapp sieben Minuten ergibt, gefolgt von einer kurzen Fragerunde – so will es das «Fuckuper Manual», das weltweit Gültigkeit hat.

Anpreisen oder verkaufen ist untersagt

In der Kürze liege die Flop-Würze, erklärt Yannick Kwik, globaler Koordinator der Fuckup Nights: «Sieben Minuten ist das ideale Format, weil es die längste Zeitspanne ist, auf die sich Menschen wirklich fokussieren können.» Eine weitere Regel: Beim Fuckup-Auftritt soll nichts angepriesen oder verkauft werden – ausser einer Moral.

«Ich war zu lange alleine tätig und hatte mit meinen Eltern keinerlei Abmachungen getroffen», bilanziert die zweite Protagonistin, die erzählt, wie sie den elterlichen Betrieb übernahm, sich isoliert abrackerte, die Firma in ein Nachbarland zügelte, wo die finale Fuckup- Fratze lauerte: «Und dann setzte ich die Bude in den Sand.»

Zuschauer sparen nicht mit Applaus

Die Zuhörer, auffallend viele aus der Generation Y, fragen nach, wollen mehr von den Learnings wissen, sparen nicht mit Applaus. Im Publikum ist an jenem Abend auch Gregor Krähenmann, der an seiner ETH-Master-Thesis «Verarbeitung und Lerneffekte von Schweizer Unternehmern aus geschäftlichen Misserfolgen» arbeitet.

Die Fuckup-Nacht hilft ihm bei der Recherche: «Ein sehr inspirierender Anlass. Hier kommen Geschichten ans Licht, über die man sonst lieber nicht spricht in der Schweiz.» Krähenmann fasst die Quintessenz des Events in einen Satz ohne «Fuck»: «Rein lerntechnisch ist Misserfolg interessanter als Erfolg.»

Selbstmord aus Scham in Japan

Yannick Kwik beobachtet gewaltige Unterschiede: «In Japan begehen Leute Selbstmord aus Scham über Misserfolge, in den USA schreibt man sie stolz in den Lebenslauf. Trotzdem fällt uns auf, dass unsere Anlässe gerade in diesbezüglich konservativen Ländern wie Japan oder Deutschland sehr erfolgreich sind. Wahrscheinlich weil das etwas ganz anderes ist, als die Leute dort normalerweise vorgesetzt bekommen.»

Auch in der Schweiz stossen Fuckup Nights auf Interesse. Sie starteten in der Romandie, finden nun aber auch in der Deutschschweiz statt, mit einer Speerspitze in St. Gallen. Sie würden sich wohl noch mehr verbreiten, wenn sie nicht durch das böse F-Wort so provokativ besetzt wären. Naming-Verhandlungsspielraum sieht Kwik aber nicht: «Fuck-up» ist für uns nichts anderes als ein Begriff für eine vermasselte Sache. Ein grosser Teil des Erfolgs unserer Bewegung kommt durch ihren Namen, das ändern wir sicher nicht.» Wer Angst habe vor dem F-Wort, «der gehört wahrscheinlich nicht in unsere Zielgruppe».

Immer wissen, was man tut

Eine Zielgruppe, die sich einbringt. Nachdem drei Protagonisten ihre Flop-Beichte abgelegt haben in Zürich, melden sich zwei Freiwillige aus dem Publikum für den Misserfolgs-Striptease. Ihre Geschichten sind etwas kompliziert, die Lerneffekte daraus einiges einfacher. Was sich simpel anhört, ist wohl genau das, was im Gründerrausch allzu oft vergessen geht: Immer wissen, was man tut. Zuerst nachdenken, dann aktiv werden. Sein Team sorgfältigst wählen.

Das nahm sich auch die Dame im Deuxpièces zu Herzen. Sie hat sich als Beraterin selbstständig gemacht. Bisher ohne Fuckup.

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