Als Gründer und ehemaliger Leiter des Instituts für Unternehmertum und KMU an der Hochschule für Wirtschaft Freiburg sind Sie eine der treibenden Kräfte dieser Materie an den hiesigen Fachhochschulen. Was ist eigentlich Ihr persönlicher Bezug zum Thema Entrepreneurship?
Rico Baldegger*: Entrepreneurship war für mich von Kindesbeinen an ein Thema: Meine Mutter war Unternehmerin. Später habe ich dann selber mehrere Firmen gegründet oder mitbegründet. Das hat mir viel Spass gemacht, mich aber auch mit einigen Sorgen konfrontiert. Das war die Basis für mein Engagement an der Fachhochschule. Hier kann ich dazu beitragen, dass die jungen Leute mit allfälligen Sorgen im Unternehmerleben gut umgehen können.

Kann man überhaupt lernen, eine Unternehmerpersönlichkeit zu sein?
Grundlegende Charaktereigenschaften kann man nur beschränkt ändern. Wir können die Fähigkeiten aber deutlich erhöhen. Wir können inspirieren und ermutigen. Und Ängste nehmen, indem wir den Studierenden mitgeben, wie man mit schwierigen Situationen umgeht und Lösungen findet.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die ideale Förderung von Jungunternehmern aus?In welcher Phase sollten diese abgeholt werden?
Eigentlich immer! Wir müssen bereits Kindern die Augen dafür öffnen, dass Unternehmertum eine Option ist und was sie bedeutet. Das beginnt beim Verkaufen des Sirups an die Nachbarn. Das Potenzial ist meistens da. Aber es ist auch nie zu spät: Wirtschaftlich wichtiger als das Startup-Thema ist das Führen von Wachstumsprozessen beispielsweise nach einer Nachfolgeregelung oder das unternehmerische Führen in grossen Organisationen. Mit diesen Tätigkeitsfeldern befassen sich in der Regel beruflich erfahrene Menschen ab 40 Jahren.

Noch heute haben etliche Unternehmer keinen Hochschul-Hintergrund, sich die Kenntnisse also selber angeeignet undzum Teil erst später einen Weiterbildungs-Master wie MAS oder EMBA gemacht. Denken Sie, dass in dieser Hinsicht in den nächsten Jahren ein Wandel stattfinden muss?
Die Hochschulen – Universitäten, ETH sowie Fachhochschulen – haben eine wichtige Rolle in der Ausbildung von Unternehmern. Der klassische Weg verläuft aber nicht so, dass jemand «fertig ausgebildet» wird und dann unternehmerisch startet. Aus- und Weiterbildungen finden heute während des ganzen Arbeitslebens immer wieder statt. Die Schweiz hat da mit dem dualen Bildungsmodell einen grossen Vorteil. Vor lauter Pendenzen und Führungsaufwand sollte mandie Weiterbildung aber nicht vergessen. Nicht wegen der Titel, sondern wegen der Erneuerung des Wissens und des Austauschs mit anderen. Da gibt es noch Potenzial. Auch für uns als Anbieter.

Wie hoch schätzen Sie den Stellenwertein, der an Schweizer Hochschulen der Fachrichtung Entrepreneurship zurzeit beigemessen wird?
Als wir uns vor 15 Jahren das Thema zum Leitstern gemacht haben, waren wir und die HSG ziemlich alleine auf dem Markt. In den letzten Jahren sind viele weitere Anbieter auf den Geschmack gekommen und haben Lehrgänge entwickelt.

Zwischen den Fachhochschulen scheint ein regelrechter Konkurrenzkampf um die Vorreiterrolle im Bereich Entrepreneurship stattzufinden. Warum?
Bei diesem Wettbewerb geht es nicht um eine Vorreiterrolle im Sinn, dass man die Mitbewerber ausstechen will. Das Thema interessiert offensichtlich die Studierenden, deshalb werden dezentral Angebote geschaffen. Es hat genügend Platz für alle auf dem Markt. Insbesondere auch, weil Entrepreneurship ein lokales Thema ist. Netzwerke und die regionale Verankerung spielen eine grössere Rolle als bei einer internationalen Managerausbildung.

Schlafen die zehn Universitäten und die beiden ETH diesbezüglich?
Das nehme ich nicht so wahr. Insbesondere die ETH in Zürich und die EPFL in Lausanne sind sogar ausgesprochen präsent im technischen Bereich. Wir sollten unsere Zeit nicht damit verbringen, uns gegenseitig zu bekämpfen, sondern gemeinsam noch mehr machen. Genau das ist Entrepreneurship. Das Gegenteil von Neid und Missgunst.

Wie ist das «CTI Entrepreneurship»-Programm einzuordnen, sprich das Trainingsprogramm des Bundes für Gründer und jene, die zu gründen gedenken?
Das Programm ist gut. Es fokussiert aber stark auf den Hightech-Bereich. Damit holt man nur einen kleinen Teil der Wirtschaft ab. Betriebswirtschafter lernen in den Programmen nicht viel Neues, sie kennen Businesspläne und den Marketingmix bereits. Auch das Gewerbe ist weitgehend ausgeschlossen. Wobei man nicht jedes Restaurant begleiten kann – der Fokus muss weiterhin auf Projekten mit Impact liegen.

Und was sind Ihre unternehmerischen Zukunftspläne?
Zum Unternehmertum gehört auch, nicht alles zu verraten ... Wir wollen noch besser Menschen aus- und weiterbilden, die international in Rollen, die Entrepreneurship erfordern, erfolgreich sein können. Dazu gehören nicht nur Unternehmer, sondern auch Führungskräfte von Grossfirmen und Verwaltungen. Wir werden etwas für die ganz Jungen auf die Beine stellen. In den Weiterbildungen wollen wir das Thema «Führen von Wachstumsprozessen» noch präsenter machen. Wir müssen schon sehen: Uns Schweizern geht es viel zu gut. Wir müssen wieder mehr Hunger nach Wachstum und Entwicklung haben.

*Rico Baldegger ist Direktor sowie Professor für Strategie, Unternehmertum und Innovation, HSW-FR, Freiburg. Die Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR) wurde 1991 mit Fokus auf Entrepreneurship gegründet. Unter dem Dach der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) ist sie die einzige Business School im Land, die einen dreisprachigen Bachelor-Studiengang in Betriebsökonomie (Französisch, Deutsch, Englisch) anbietet.