Bis Ende April dieses Jahres wurden in der Schweiz 12500 Unternehmen gegründet - rund 2000 sind gemäss Dun & Bradstreet im selben Zeitraum Konkurs gegangen. Und: Allein in den kommenden Jahren suchen rund 50000 bestehende Unternehmen einen Nachfolger. Das heisst: Der Nachschub an fähigen Unternehmern darf nicht abreissen. Doch wie wird jemand Unternehmer und was braucht er oder sie dazu? «Ich glaube, es ist eine Frage der Persönlichkeit, ob man als Unternehmer handelt und Unternehmer ist», sagt kryptisch Michael Fischbacher, seit 2008 in der 6. Generation CEO der Christian Fischbacher Textil-Gruppe. Aber wie sieht sie denn aus, diese Persönlichkeit?

«Die Erforschung der Unternehmerpersönlichkeit steckt noch in den Kinderschuhen», stellt Manuela Stier fest. Die PR-Beraterin, Mitinitiantin und Projektleiterin der neuen Initiative «Lebenskonzept Unternehmertum» hat gemeinsam mit dem Familienunternehmensberater Leonhard Fopp und Wolfgang Becker, Wirtschaftsprofessor, Berater und Trainer in Bamberg, den Sonderband «Lebenskonzept Unternehmertum» herausgegeben.

Darin gehen rund 50 Autorinnen und Autoren den Fragen nach, welche Persönlichkeitsmerkmale die Unternehmer ausmachen, welche Motivation sie antreibt und wie es um die Rahmenbedingungen steht. Kein technisches Konvulut, sondern ein Spiegel des Lebens, denn neben zahlreichen Fachartikeln kommen schwergewichtig die Unternehmerinnen und Unternehmer selbst zu Wort, drei Dutzend Männer und Frauen, die von ihren persönlichen Erfahrungen erzählen.

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Mission: Entrepreneur

Gewisse Aussagen ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch all die ansonsten höchst unterschiedlichen Lebenskonzepte: Die Familie, die prägende, die Vorbilder liefernde. Die Nachhaltigkeit oder das langfristige Denken, das die Unternehmer von den quartalsabschlussbesessenen Managern unterscheidet, wie oft und gern betont wird. Auch und immer wieder: Der Freiheitsdrang, die Unabhängigkeit und - nicht zuletzt - der Spass. Aber auch Verantwortung; gegenüber Mitarbeitenden, Kunden, der Gesellschaft.

Die unternehmerischen Frauen sehen das Ganze ganzheitlicher und vermuten den unternehmerischen Kern mehrheitlich in den Genen, im Blut, in der Prägung zu Hause. Die unternehmerischen Männer sprechen eher von Engagement, Visionen, Leistungsbereitschaft, Wille. Johann Schneider-Ammann, Swissmem-Präsident und Inhaber der Ammann-Group in Langenthal, drückt es sogar so aus: «Ich bin von meiner Aufgabe fasziniert, weil ich nicht nur einen ?Job? mache wie ein Manager, sondern eine Mission verfolge.»

Unternehmertum verpflichtet

Unternehmer zu sein ist eine Leidenschaft oder eben ein Lebenskonzept und deshalb eine Verpflichtung. «Ein Unternehmer ist nicht kündbar oder abwählbar. Es gibt für ihn keine goldenen Fallschirme, Care-Teams oder gesellschaftlichen Auffangnetze», wie es Christiane Leister, Inhaberin und CEO von Leister Process Technologies in Kägiswil mit gegen 1000 Beschäftigten und Vetriebsnetzen in 90 Ländern ausdrückt.

Es gibt auch nicht «ein bisschen Entrepreneur», sagt Maximilian Büsser, Inhaber und Chief Creative Officer des Uhrenkonzeptlabors MB&F in Genf, und spricht von einer «unermüdlichen inneren Antriebskraft». Diese spürt auch Hans Bärfuss, der bis heute 14 Unternehmen gegründet hat. Am Anfang stand dabei immer die «zündende Idee» - die jedoch mitnichten von herausragender Kreativität oder gar genial, sondern marktorientiert und umsetzbar sein müsse. «Der Unternehmer lässt die Idee in Mehrwert für den Kunden aufgehen. Hier liegt der Unterschied zum Visionär, der seine Ideen ohne Rücksicht auf die unmittelbare Machbarkeit entwickelt.»

Unternehmer müssen aber nicht unbedingt eine eigene Firma gründen: 43% der Studierenden mit unternehmerischen Absichten planen das zwar so, 24% wollen jedoch ein bestehendes Unternehmen kaufen oder sich daran beteiligen, 20% wollen freiberuflich tätig sein und 6% die elterliche Firma übernehmen. Viele der Beispiele im Buch sind denn auch solche, die den Familienbetrieb weiterführen und in diesen Strukturen gross geworden sind.

Zuhause muss beginnen ...

Für Bianca Braun, Verwaltungsrätin bei Maxon Motor in Sachseln, ist dabei «ein «Hineinwachsen» in den Familienbetrieb förderlicher als der berühmt-berüchtigte Sprung ins kalte Wasser. Was das «Hineinwachsen» konkret bedeuten kann, umreisst Bernhard Wolf, heute Gesellschafter im Familienbetrieb Woco-Gruppe mit 2600 Angestellten: «In einer Unternehmerfamilie gross zu werden, ist kein Zuckerschlecken. Mit der Unternehmermentalität aufzuwachsen, dass nichts gut genug ist, man immer mehr erreichen kann. Mit 14 die erste 8-Stunden-Schicht, in den Schulferien Arbeitsaufenthalte in den verschiedenen Werken ?» Das Resultat ist dasselbe: Beide sind Feuer und Flamme für den Familienbetrieb.

Unternehmer werden ist also je nachdem nicht so schwer, Unternehmer sein dagegen sehr. Nicht alle sind dazu geeignet. Aber die meisten, die Erfolg haben, zeichnen sich durch verbindende Elemente aus. Ganz grob sind es diese: «Unternehmer brauchen eine Grundhaltung, auch Unternehmenstugenden genannt, welche auf einem zentralen Wertesystem aufbaut», sagt Christiane Leister. Und: «Die Wurzeln des Erfolgs liegen immer im persönlichen Engagement», so Hugo Mathys, VRP der Medizinaltechnikfirma Mathys AG in Bettlach. Ernesto Bertarelli nennt es schlicht: «Leidenschaft» - nichts anderes also als die Symbiose aus Engagement und Spass. «Denn Geldgeber investieren in Personen, nicht in Ideen», weiss Marc Hamburger, Geschäftsleiter von StartZentrum Zürich.

NACHGEFRAGT

Manuela Stier, Mitinitiantin, Projektleiterin Lebenskonzept Unternehmertum aktiv

Sie setzen sich als Mitinitiantin der Initiative «Lebenskonzept Unternehmertum» dafür ein, dass die rund 300000 Schweizer Unternehmer «wieder positiv positioniert» werden. Warum ist das nötig?

Manuela Stier: Weil ganz viele dieser (Familien-)Unternehmen vor einer Nachfolgelösung stehen und fähige Nachfolger benötigen, die bereit sind, dieses Lebenskonzept einzugehen. Verschiedene Studien bei Hochschulabsolventen und jungen Führungskräften belegen, dass «Unternehmer zu sein» nicht gerade deren erste Karrierewahl ist.Unternehmertum scheint also nicht genug attraktiv.

Aus welchem Grund?

Stier: Fehlender Leistungswille ist es vermutlich nicht, sonst würden die gleichen Befragten, für die das Unternehmertum nicht in Frage kommt, nicht eine Führungsposition in einem Unternehmen anstreben. Wir sind überzeugt, dass die Vorteile, die die Selbstständigkeit bietet, zu wenig bekannt sind. Viele junge Menschen haben weder zuhause noch während der Ausbildung die Möglichkeit, sich ein konkretes Bild von den Facetten des Unternehmertums zu machen.

Die Unternehmer sind eine höchst heterogene Volksgruppe, von PR-Beratern über Bauern bis zu Fabrikanten. Wieso sollen die alle zusammen lobbyieren?

Stier: Unsere Zielgruppe ist in der Tat heterogen. Allen Unternehmern gemeinsam ist, dass sie (auch in Zukunft) selbstständig arbeiten, ihre Ideen verwirklichen wollen - und schliesslich ihr Lebenswerk einmal in gute Hände geben möchten. In der Schweiz gibt es etliche Verbände und Organisationen, die sich für Unternehmungen einsetzen, aber keine Organisation setzt sich für den Unternehmer ein. Genau die Tatsache, dass unsere Unternehmer unterschiedliche und sehr persönliche Geschichten zu erzählen haben, wollen wir nutzen.

Die Erforschung der Unternehmerpersönlichkeit stecke in den Kinderschuhen. Wo wollen Sie ansetzen?

Stier: Eines unserer Ziele ist es, mit einer Hochschule aus der Schweiz, Deutschland und Österreich eine Studie durchzuführen, die genau dieser Frage auf den Grund geht. Zudem wollen wir erfahren, was den Menschen zum Unternehmer macht. Wird dieses Gut durch die Eltern weitergegeben? Oder machen es einfach die Werte aus, die uns in der Jugend durch Eltern und Lehrer vermittelt wurden?