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Vaterschaftsurlaub: Kinderzeit zur Imagepolitur

Immer mehr Unternehmen auch in der Schweiz geben frisch gebackenen Vätern mehrere Tage oder gar Wochen frei. Das ist nicht nur gut für die junge Familie – sondern auch fürs Firmenimage.

Von Helga Wienröder
am 24.06.2008

Schweizer Firmen, die noch keinen Vaterschaftsurlaub anbieten, der über das gesetzliche Minimum von einem einzigen Tag hinausgeht, werden wohl bald Seltenheitswert haben. Schliess-lich wird in den Chefetagen und bei Human-Relations-Verantwortlichen Sozialkompetenz zunehmend als Wert an sich erkannt. Eine Schweizer Studie über familienfreundliche Politik wie auch Forschungsergebnisse der amerikanischen Clark Universität ziehen dieselbe Bilanz: Väter ? und natürlich Mütter ? sind meist bessere Führungskräfte als Kinderlose.

Papi-Bonus: Tendenz steigend

So setzen in der Schweiz vor allem grosse Unternehmen auf familienfreundliche Personalpolitik ? und dazu gehört auch der Vaterschaftsurlaub. Und sie ernten bereits die Früchte ihrer zukunftsgerichteten Entscheidung: Gemäss einer Untersuchung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements und der vier grossen Schweizer Unternehmen Migros, Novartis, Raiffeisen und Schweizerische Post, die 2007 gemeinsam mit Bundesrat Joseph Deiss die betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse familienfreundlicher Unternehmensführung publiziert haben, resultiert ein Gewinn von 8% auf familienpolitischen Massnahmepaketen. Die Nutzeffekte für Unternehmen entstehen durch höhere Rückkehrquoten von Beschäftigten nach der Geburt eines Kindes, oft durch Rückkehr in höhere Pensen und durch häufigere unternehmensinterne Karrieren.

Label mit Ausstrahlung

In jüngster Zeit häufen sich deshalb die Erfolgsmeldungen von Unternehmen, die das Label «familienfreundlich» von der Fachstelle «Familie UND Beruf» oder das markenrechtlich geschützte Zertifikat «familienbewusst» verliehen bekommen haben. Wer sich mit einem dieser Labels schmücken darf, spricht gerne darüber: Auch die Bank Coop wurde vor einem Jahr als erstes Finanzinstitut der Schweiz als «familienbewusstes Unternehmen» zertifiziert. (siehe «Nachgefragt»)

Ob Stadtverwaltung, Grossverteiler oder Chemiemulti: Das Interesse steigt. Seit April dieses Jahres haben frischgebackene Papis in Pharma-Unternehmen neu eine ganze Woche frei. Bundesangestellte dürfen seit Anfang dieses Jahres ebenfalls fünf Tage bei ihrem Nachwuchs bleiben. Bei der Migros bekommen junge Väter sogar zwei Wochen bezahlten Urlaub und auf Wunsch zwei weitere Wochen unbezahlt. Coop ist seit 2008 mit fünf Ta-gen dabei. SV Schweiz, Marktführerin in der Gemeinschaftsgastronomie, machte angehenden Papis zum 1. Januar 2008 ebenfalls ein Geschenk: Einen Vaterschaftsurlaub von fünf Tagen. Ebenfalls seit Jahresbeginn gewährt der Stadtrat von Winterthur einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von zehn Arbeitstagen; gegenüber den drei Tagen zuvor ein echter Quantensprung.

Zwei Wochen bei Swiss Re

Zeit zum Windelnwechseln bekommen auch junge Väter bei der SwissRe: Bereits seit einem Jahrzehnt sind es volle zwei bezahlte Wochen. Und das Angebot wird auf allen Ebenen genutzt ? im vergangenen Jahr machte gar ein Geschäftsleitungsmitglied Gebrauch davon, berichtet SwissRe Media Consultant Brigitte Meier.

Etwas knapper fällt die Babypause für Papis bei IBM aus. Nur drei Tage werden zugestanden, so Susan Orozco von den Media Relations, aber natürlich könne ein Vater ja noch unbezahlten Urlaub beantragen. Die Post steht ihren Vätern bloss zwei Tage zu.

Die Industrie ist noch nicht ganz so fortschrittlich wie die Grossverteiler und Finanzdienstleister: Schindler Management Ltd und die ABB Schweiz beispielsweise bezahlen ihren Vätern nur einen einzigen Tag.

 

 

NACHGEFRAGT thomas schär, Leiter Financial Planning, Bank Coop AG, Basel, Vater von zwei Buben


«Unbezahlten Urlaub können sich nicht alle Väter leisten»

Thomas Schär hat vom zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub der Bank Coop profitiert und arbeitet nun seit zweieinhalb Jahren 80%.

Bei der Geburt Ihres Sohns Nico haben Sie vom Papi-Bonus der Coop-Bank profitiert: Zwei Wochen bezahlte Vaterschaftspause.

Thomas Schär: Dazu habe ich noch Ferien genommen und hatte insgesamt sechs Wochen Zeit fürs Baby und die Familie.

Die Bank Coop offeriert die Möglichkeit, zum Vaterschaftsurlaub noch einen Monat unbezahlten Urlaub zu nehmen. Wie kommt das an?

Schär: In vielen Fällen ist das nicht umgesetzt worden, weil sich nicht alle Väter eine solche Saläreinbusse leisten können. Jetzt ist es auch möglich, den unbezahlten Monat über ein halbes Jahr zu verteilen und während dieser Zeit nur 80% zu arbeiten, was eine gute Variante ist.

Vor zweieinhalb Jahren haben Sie Ihren Job ganz auf 80% reduziert. Wie war das möglich in einer Führungsposition mit Mitarbeitern in Basel, Zürich und Bern? Waren Ihre Vorgesetzten von der Idee begeistert?

Schär: Natürlich wurde ich gleich gefragt, ob ein reduziertes Pensum überhaupt machbar sei. Doch konnte ich meine Vorgesetzten davon überzeugen, dass meine Mitarbeiter sehr selbstständig arbeiten und untereinander kommunizieren ? oder mich jederzeit per Handy erreichen können.

Kannten Sie Vorbilder, die ebenfalls ein reduziertes Pensum haben?

Schär: Viele Kollegen finden Teilzeitarbeit zwar eine super Idee, aber zuletzt bleiben sie doch bei 100%. Oft glauben sie, dass dies mit ihrer Position unvereinbar sei und von der Firma her nicht getragen würde. Letzten Endes zählt aber die eigene Einstellung.

Warum gibt es noch immer so wenige Männer, die ihre Rolle als Vater so früh ernsthaft wahrnehmen?

Schär: Vielleicht eben, weil eine Lohnkürzung für viele Männer finanziell nicht tragbar scheint. Nebst weniger Lohn, Einschränkung und Verzicht, benötigt es aber auch eine Portion Mut, um über den eigenen Schatten zu springen, an sich zu glauben und nicht nur auf die Arbeitskollegen zu hören.

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