Daniel Vasella hat sich eine neue Geldquelle erschlossen. Indem er nach seinem späteren Rücktritt vom Novartis-Präsidium erst mal nichts tun wird: «Für die Zeit nach seinem Amt als Verwaltungsratspräsident hat sich Dr. Vasella bereit erklärt … während mehrerer Jahre keine Aktivitäten aufzunehmen, die im Wettbewerb zu den Geschäften von Novartis stehen», steht im neusten Geschäftsbericht auf Seite 122.

Für die Beachtung dieses Konkurrenzverbotes - den Verzicht also, seinem langjährigen Arbeitgeber später zu schaden - bekommt Vasella eine «marktgerechte Vergütung» in der vermuteten Höhe von mehreren Millionen Franken. An der Novartis-Generalversammlung vom 22. Februar ist das Vergütungssystem mit diesem Passus angenommen worden - auch wenn beachtliche 38 Prozent der Aktionärsstimmen dagegen votiert haben.

Wechsel zur Konkurrenz sind nicht selten: Sally Bott wird neue Personalverantwortliche der britischen Grossbank Barclays. Bis zu ihrem sofortigen Rücktritt im Februar fungierte sie neben der Ausübung ihres Führungsjobs bei BP auch noch als Verwaltungsrätin der UBS. Und war dank dieser Funktion bestens über Pläne, Strategien, Visionen der Schweizer Grossbank informiert. Wissen, das die britische Konkurrentin durchaus interessieren könnte.

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Doch Bott darf nichts sagen. Obwohl bei der UBS weder «für Geschäftsleitungsmitglieder noch für exekutive und nichtexekutive Verwaltungsratsmitglieder Konkurrenzverbote bestehen», wie die Bank mitteilt. Immerhin lässt sich die UBS die Integrität ihrer Verwaltungsräte schriftlich bestätigen: «Verwaltungsratsmitglieder unterzeichnen am Anfang eine Erklärung, dass sie der Vertraulichkeit unterstehen. Diese Erklärung ist zeitlich nicht auf die Ausübung des Mandats befristet.» Bott hat diese Erklärung unterzeichnet. Ganz ohne Abfindung.

Es braucht einen Konsens

Konkurrenzverbote sind in der Schweiz sowohl auf Geschäftsleitungs- als auch auf Verwaltungsratsebene äusserst selten. Obwohl ein solches in jeder Gesellschaft absolut denkbar und auch leicht einzuführen wäre. So könnte im Organisationsreglement oder in den Statuten jederzeit ein Konkurrenzverbot eingeführt werden - sinnvoll auch in Verbindung mit einer Konventionalstrafe. Ebenso denkbar ist es, Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder für eine gewisse Zeit auf Mandate in gewissen Branchen, Regionen oder auch namentlich aufgelisteten Firmen verzichten zu lassen.

Knackpunkt ist, dass dazu bei beiden Parteien Konsens bestehen muss. Und daran scheitert das Vorhaben oft. Denn sinnvollerweise müsste eine Abmachung vor Arbeitsantritt festgelegt werden. Das Problem: Der gesuchte Mann oder die Frau kommt eventuell gar nicht, wenn er oder sie von vornherein in der künftigen Entwicklung gehemmt wird. Ausser es gibt eine Entschädigung dafür - im angelsächsischen Raum heisst dieses Vorgehen «gardening leave»: Ein, zwei Jahre zum vollen Lohn im Garten arbeiten, statt die Konkurrenz mit Wissen zu alimentieren. Das ist in gewissen Branchen durchaus üblich.

Darüber hinaus gibt es eine moralische Komponente: «So was tut man nicht.» Am Beispiel von Bott schreibt die UBS: «Allgemein geht man davon aus, dass sich ehemalige Verwaltungsratsmitglieder integer verhalten. Es geht bei solchen Personen auch um ihren eigenen Ruf. Zusätzlich gilt immer die Einhaltung des Bank- und Geschäftskundengeheimnisses, auch nach Beendigung des Mandats.»

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Auch das Obligationenrecht kennt eine weitgehende Treuepflicht. Laut Artikel 717 sind Verwaltungsräte verpflichtet, die Interessen der Gesellschaft zu wahren. «Diese Treuepflicht geht relativ weit und sie ist zeitlich unbefristet», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern und Mitglied des Instituts für Verwaltungsräte (SIVG).

Es geht auch um den eigen Ruf

«Für normale Verwaltungsräte im Mandatsverhältnis reicht diese Treuepflicht absolut aus. Für vollamtliche Verwaltungsräte wie Daniel Vasella, die einen Grossteil ihrer Arbeitszeit investieren, ist ein Konkurrenzverbot eher angezeigt», so Kunz. Denn sie seien für Mitbewerber a priori interessanter. Bezahlt werde dafür aber meist nichts. «Normalerweise werden Konkurrenzverbote vergütungslos vereinbart.»

Ob mit oder ohne Konkurrenzverbot: Wenn der alte Arbeitgeber seine Interessen verletzt sieht, kann er klagen. Das ist zwar schwierig zu beweisen. Trotzdem: «Man sollte zusehen, dass man auf der sicheren Seite ist und der alte Arbeitgeber keine juristische Handhabe hat», rät ein renommierter Jurist und Dozent. Denn ein paar Jahre mit der Unsicherheit leben zu müssen, ob der alte Arbeitgeber etwas Belastendes findet und klagt, hemme extrem und zwinge zur Zurückhaltung, gibt er seinen Studenten mit auf den Weg.

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Da mag es vom individuellen Standpunkt aus durchaus schlauer erscheinen, diesen riskanten Weg der auferlegten Zurückhaltung ganz zu meiden und sich die nötige Enthaltsamkeit vergolden zu lassen. Wie Daniel Vasella.