Der Vorraum zum Restaurant «Blindekuh» in Zürich ist in beruhigendem Rotbraun gestrichen und mit marokkanischem Edelkalk verputzt. Nur wenig Licht dringt durch die farbigen Glasfenster. So wird der Besucher auf das Dunkel eingestimmt, das dahinter herrscht. «Ich bin ein sehr visueller Mensch», sagt der 47-jährige Stefan Zappa. Er hat die «Blindekuh» in Zürich 1999 zusammen mit drei blinden Freunden ins Leben gerufen. Anfang 2008 ist er für sein Werk vom World Economic Forum (WEF) zum Social Entrepreneur des Jahres ernannt worden.

Den Vorraum habe er selber gestaltet, sagt Zappa, der die Kunstgewerbeschule Zürich besuchte, eine Lehre als Hochbauzeichner gemacht und dann lange als selbstständiger Innenarchitekt gearbeitet hat. Hinter ihm im Gästebuch bei der Tür kann man die Urteile über das Restaurant nachlesen: «Sie haben mir die Augen geöffnet.» Oder «Das war ein einmaliges Erlebnis.»

Die Idee des Restaurants entstand an der Ausstellung «Dialog im Dunkeln» 1998 im Zürcher Museum für Gestaltung. Zappa arbeitete als Guide und lernte dabei den blinden Pfarrer Jürg Spielmann kennen. Sie beschlossen, ein Projekt zum Thema Dunkelheit für die Expo.01 einzureichen und parallel dazu ein Dunkelrestaurant in Zürich ins Leben zu rufen. Im gleichen Jahr gründeten sie zusammen mit Andrea Blaser und Thomas Moser – beide blind – die gemeinnützige Stiftung «Blind-Liecht». Weil er dafür eine Trägerschaft suchte, sei er, der zuvor abgesehen von Selbstbetroffenheit nichts mit Blindheit und Blindeninstitutionen zu tun gehabt habe, erstmals an den Schweizerischen Zentralverein für Blindenwesen gelangt. Schlüsselrolle bei der Finanzierung spielte der Hauptsponsor für das Expo-Projekt, Manor. Zwar ist der Detailhändler wegen der Expo-Komplikationen von der Landesausstellung abgesprungen, doch er war bereit, einen fünfstelligen Betrag in das Zürcher Projekt einzuschiessen.

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Die «Blindekuh» ist in einer Zeit entstanden, als Zappas Augenlicht so stark zurückgegangen war, dass es für ihn schwierig wurde, im Markt als Innenarchitekt zu bestehen, besonders wenn es um die Umsetzung auf der Baustelle ging. Allerdings betont er, dass es oft übersehen werde, dass das Raumvorstellungsvermögen Blinder sehr hoch sei. Wenig überraschend übt er neben der operativen Führung der Stiftung «Blind-Liecht», zu der die Blindekuh-Restaurants in Zürich und Basel gehören, auch noch bauliche Mandate innerhalb der Stiftung aus.

Immer mit Erblindung gerechnet

Während seiner Umbruchphase wuchs Zappa nach und nach in eine Vermittlerrolle zwischen Blinden und Sehenden hinein. Von 1998 bis 2002 studierte er Arbeits- und Organisationspsychologie – das Thema seiner Diplomarbeit war ein Eignungstest für blinde Arbeitssuchende. Die üblichen Persönlichkeitstests eignen sich nicht für Blinde, deshalb setzte er sich mit einem Sprach- und Stimmenanalyseverfahren auseinander, von welchem er darauf bei der Rekrutierung Sehbehinderter für die Expo profitierte.

Zappas Erblindung ist eine Spätfolge von Diabetes, die mit acht Jahren anfing. Dass er erblinden könnte, war ihm immer bewusst. Auf die Frage, wie die Sehbehinderung seine Sicht aufs Leben verändert habe, sagt er amüsiert: «Überhaupt nicht, ich sehe es immer noch genau gleich.» Er habe immer versucht, mit dem zur Verfügung Stehenden das Beste zu machen. Schon als Kind, als er Insulin spritzen musste und nichts Süsses essen durfte, habe er nicht für die Krankheit gelebt, sondern so gut wie möglich mit ihr.

Die «Blindekuh» in Zürich ist gut gebucht. Das Konzept des Restaurants im Dunkeln wurde bisher weltweit 18 Mal kopiert. Doch Verdienen mit einem Franchisekonzept liegt dem Social Entrepreneur fern. Denn im Gegensatz zu den Kopielokalen, wo auch Sehende mit Infrarotbrillen bedienen, geht es ihm in erster Linie darum, möglichst viele Sehbehinderte zu beschäftigen. Deshalb die Form einer gemeinnützigen Stiftung.

Verständnis für Ignoranz

Er zeigt auf den Arbeitsplatz beim Restaurant-Empfang. Dieser sei mit Sprachausgabe und Braillezeile ausgerüstet, solche Hilfsmittel würden übrigens von der IV übernommen, das müsse nicht der Arbeitgeber übernehmen. Dass die Schweiz punkto Blindenfreundlichkeit nicht top ist, verurteilt Zappa nicht. Da wären Kriegsmächte allein wegen Schuldgefühlen halt deutlich weiter. An was es auch in der Schweiz nicht fehlt, sind Hörbücher. Er konsumiert alles von Belletristik bis Wirtschaftsmedien wie die «Bilanz» – von der «Handelszeitung» gebe es leider noch keine Audioversion. Auf seinem Ipod hat er 164 Bücher geladen. Als Vorteil gegenüber dem Lesen könne er beim Hören auch noch den Haushalt machen. Zappa lebt mit seiner Lebenspartnerin und deren 23-jähriger Tochter zusammen. Wenn sie miteinander etwas unternähmen, führten ihn beide routiniert. «Das ist nicht selbstverständlich, einige Leute führen Blinde, als seien sie auch noch gehbehindert», stellt Zappa fest.

Die «Blindekuh», zumindest jene in Zürich, wird zwar von Gästen überrannt, doch sehbehinderte Angestellte zu finden, ist nicht einfach. Viele Sehbehinderte in der Schweiz seien im Pensionsalter oder hätten weitere Gebrechen. Hindernisse bei der Rekrutierung entstünden zudem durch die Invalidenversicherung. IV-Rentner dürften nur begrenzt arbeiten, wenn sie die Rente nicht verlieren wollen, stellt er nüchtern fest.

Der Name «Blindekuh» geht auf das gleichnamige Kinderspiel zurück. «Wir wollten unbedingt einen Namen, der einen spielerischen Zugang zu dieser Thematik bietet und allgemein bekannt ist», sagt Zappa. Sonst sei das Wort blind – blinder Passagier bis Blindschleiche – leider häufig negativ belastet. Bei den Gästen gehe es wie beim Spiel darum, sich die dunkle Welt zu ertasten. Oft fragten sie sich dann, wie die Kellnerin im Dunkeln drei Teller servieren könne und die Tische wieder finde. So kriegen die Gäste beim Essen im Dunkeln Einblick in die Welt und Fähigkeiten von Blinden.

Zappa selber liebt Entdeckungsreisen in andere Welten. Einer seiner unerfüllten Wünsche sei eine Weltreise an Orte, an denen er noch nicht gewesen sei, und zwar alleine, um andere Kulturen mit seinen zur Verfügung stehenden Sinnen zu erkunden.

«Blindekuh» Zürich ist rentabel

Das Restaurant in Zürich ist heute rentabel – ohne Beiträge des Blinden- und Sehbehinderten Verbandes (SBV). Die «Blindekuh» in Basel, welche 2005 eröffnet wurde, war 2007 noch rund 230000 Fr. im Defizit. Zappa denkt, es sei eine Frage der Zeit, bis Basel schwarze Zahlen erreicht. Die «Blindekuh» lebe von Mund-zu-Mund-Propaganda, und die wirke erst mit der Zeit – 90% der Gäste kommen wegen Empfehlungen Bekannter. Der Sehbehinderten Verband ist heute der wichtigste Geldgeber. Gastronomisch sieht sich Zappa nicht in direkter Konkurrenz mit anderen Restaurants. Beim Essen müsse die Qualität einwandfrei sein, aber die «Blindekuh» müsse sich nicht über fancy Food definieren. Das Essen sei ein Teil des Erlebnisses.

Die Ernennung zum Social Entrepreneur hat Zappa überrascht. Er hoffe, das habe nicht mit dem Blindenbonus zu tun, sondern weil man sich damit auseinandergesetzt habe und das Projekt wirklich als eine gute Sache sehe. Denn mit dem Restaurant versuchten die Blinden gegen diesen Bonus anzukämpfen und zu zeigen, was sie könnten und nicht wie bemitleidenswert Blinde seien. Zappa bedauert: «Es ist ein Phänomen, aber Blinde rufen häufig entweder Mitleid oder Bewunderung hervor.»