Dieses Jahr werden Stellen gestrichen». Nicht alle sagen es so unverblühmt wie Bruno Pfister, CEO von Swiss Life, im Interview mit der «Handelszeitung». Aber eines ist klar: Zum Stellenabbau wird es in einigen Unternehmen kommen in nächster Zeit. Entsprechend sorgenvoll blicken manche in die Zukunft. «Es melden sich bei uns deutlich mehr Angestellte als sonst, die fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren», bestätigt Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik von KV Schweiz.

Eine formal korrekte Kündigung kann nur sehr selten rückgängig gemacht oder angefochten werden - immerhin gewährt die Mitgliedschaft in einem Berufsverband oder einer Gewerkschaft aber moralische Unterstützung, beispielsweise Rechtsauskünfte über Sozialpläne, Kündigungsfristen oder die Bedingungen einer Freistellung. Eine Versicherung gegen Jobverlust gibt es nicht. Und, noch schlimmer: Wer nicht vorgesorgt hat, hat jetzt das Nachsehen.

In der Krise helfe nämlich «dasselbe, was einem in guten Zeiten hilft, seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt hochzuhalten», erklären alle Gesprächspartner der «Handelszeitung» einhellig. Also: Gute Qualifikationen, Gesundheit, Lernbereitschaft.

Die Frage, wer in einer Rezession zuerst gehen muss, will Brigitte Reemts, Partnerin bei der Outplacement-Beratung Dr. Nadig-Consulting, nicht beantworten. Sie warnt vor Verallgemeinerungen: «Jeder Fall ist ein Einzelfall.» Einzig eine Tendenz will sie beobachtet haben: «Oft sind es Leute, die jahrzehntelang auf demselben Sessel sassen, sich nicht weiterentwickelten und glaubten, es werde alles so weitergehen wie bisher.» Wer Vogel-Strauss-Politik betreibt, lebt und arbeitet sehr riskant, erklärt sie. Die Veränderung der Anforderungen müsse man mental und geistig nachvollziehen können. Das galt im Grundsatz schon länger, heute aber ganz besonders.

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«Plan B» vorbereiten

«Auf keinen Fall passiv darauf warten, bis einem das Unternehmen unter den Füssen wegbricht», warnt Reemts. Reagieren und Handeln empfiehlt auch Gisi, insbesondere denjenigen Berufstätigen, die Unsicherheit nur schwer ertragen können: «Sie sollten ihre Vorgesetzten direkt auf die nahe und mittlere Zukunft ansprechen.» Allerdings, räumt sie ein, können nur die wenigsten Chefs heute voraussagen, was morgen sein wird.

Wenn die Auskunft vage ist, bleibt nur: «Plan B vorbereiten.» Wer Alternativen hat, vergrössert seinen Handlungsspielraum und mindert damit auch die Angst. Die Fachleute empfehlen deshalb allen gefährdeten Berufstätigen: Den Arbeitsmarkt studieren und die eigene Situation gründlich überdenken. Gisi rät auch, offen mit Freunden und Bekannten über die Lage zu sprechen: «Das vergrössert das Netzwerk, auf das im Notfall zurückgegriffen werden kann.»

Langes Grübeln kann aber auch zu Lähmung führen. Oder, noch schlimmer: In jeden Apfel zu beissen, egal, wie sauer der gerade sein mag. «Viele Angestellte ducken sich oder werden unnötig servil», beobachtet Gisi. Dabei verspricht der vorauseilende Gehorsam ebenso wenig Erfolg wie die Verwandlung in den Abteilungskumpel oder die eierlegende Wollmilchsau. Auch bringt es wenig, in Präsentismus zu verfallen oder Überstunden zu leisten, die gar nicht verlangt werden.

«Das alles wollen die Vorgesetzten gar nicht», weiss Gisi. «In der Krise sind selbstständige, selbstbewusste, initiative Mitarbeitende gefragt.» Sie empfiehlt Angestellten, ihre Rechte weiterhin geltend zu machen: «Ohne Drohungen, mit Anstand, Respekt und guten Argumenten.»

Weiterbildung auf Vorrat?

«Krise als Chance»? Selten klang das Lieblingsmotto vieler Berater zynischer. Ein Körnchen Wahrheit steckt aber drin: Ist die Lage gänzlich unsicher, ist der Zeitpunkt günstig, um alles grundsätzlich in Frage zu stellen. Mache ich wirklich noch, was ich will? Kommen meine Fähigkeiten und Neigungen genügend zum Einsatz? Könnte ich mich jetzt verändern oder sogar verbessern? Das Unternehmen oder die Branche wechseln? Wer solche Fragen klar beantworten kann, ist in einer besseren Position, als wer ängstlich darauf wartet, dass das Beil fällt. Eine gute Ausbildung verkleinert das Risiko, arbeitslos zu werden. Bloss: Weder Bildung noch die sogenannte «Arbeitsmarktfähigkeit» lassen sich von einem Tag auf den anderen verbessern. Zu spät, um damit anzufangen, ist es aber auch in der Krise nicht. «Im Grunde kennen die meisten ihr Manko genau», sagt Franziska Stauffer, Beraterin am Laufbahnzentrum Zürich.

Weiterbildung könne nicht nur im klassischen Rahmen - via Kurs oder Seminar - erworben werden, weiss sie, «wichtig ist, dass jemand den fachlichen Input oder Austausch aktiv sucht und sich so à jour hält.» Gelegenheit dazu gibt es mannigfach: An Fachmessen, in beruflichen Netzwerken, Verbänden, in der Fachliteratur. Berufseinsteigern oder Umsteigern rät Stauffer, trotz Krise nicht die erstbeste Stelle anzunehmen, sondern eine zu suchen, die ihren Interessen und Fähigkeiten wirklich entspricht, diverse Praxisfelder abdeckt und vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten bietet.

Wer heute am Arbeitsplatz positiv auffallen möchte, konzentriert sich noch stärker auf das, was im Wirtschaftsleben ohnehin am Wichtigsten ist: Die Kunden und die anstehenden Aufgaben. Lässt sich die Kündigung nicht verhindern, mag zumindest als - wenn auch schwacher - Trost gelten: Man ist nicht allein betroffen.

 

 

NACHGEFRAGT Samuel Spörri, Senior Partner bei Krauthammer, Unternehmensberatung, Zürich


«Der Druck nach quantitativen Zielen erschöpft die Menschen»

Krauthammer hat in einer Studie ermittelt, dass rund 50% der Arbeitnehmenden im Beruf unter fehlender Selbstverbundenheit leiden. Wie kommt es dazu?

Samuel Spörri: Uns hat dieses Resultat auch überrascht, weil die Verbundenheit mit der eigenen Tätigkeit eine Grundvoraussetzung für hohe Leistungen ist. Das Ergebnis muss einem heute, da genau solche Leistungen gefordert sind, zu denken geben.

Je «selbstverbundener», desto leistungsfähiger?

Spörri: Unbedingt. Eine Person, die weiss, wer sie ist, wie sie auf andere wirkt und warum sie tut, was sie tut, ist im Einklang mit sich selbst. Früher sprach man in diesem Zusammenhang vom «inneren Frieden». Diese Art Wohlgefühl brauchen Menschen, um effektiv zu sein. Und sie brauchen von ihrer Organisation dafür einen gewissen Grad an Sicherheit und Geborgenheit.

Wie sollten Unternehmen denn gegenwärtig Sicherheit anbieten können?

Spörri: Ich bezweifle, dass dies nur mit der jetzigen Situation zu tun hat. Viele Unternehmen sind schon seit längerem einseitig am Messbaren interessiert. Der unerbittliche Druck nach quantitativen Ergebnissen erschöpft die Menschen aber. Zudem sind heutige Mitarbeitende erst bereit, etwas umzusetzen, wenn sie verstehen, worum es eigentlich geht.

Was sollen Unternehmen konkret tun?

Spörri: Ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen, für eine freundliche, vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre sorgen und sicherstellen, dass die Mitarbeitenden regelmässig die Chance erhalten, ihre Batterien wieder aufzuladen. Das Wochenende ist nicht automatisch Eigentum der Firma. Engagement ist wichtig - aber in Grenzen.