Mit seinem Doktortitel in Finanzwissenschaften hätte es Timo Schläfer sicherlich weit gebracht bei Goldman Sachs. Doch der 34-Jährige gab die Welt der Milliardendeals und Millionenboni auf und gründete sein eigenes Unternehmen, Crypto Facilities, eine Handelsplattform für Derivate auf die Internet-Währung Bitcoin. «Das ist Neuland», sagt Schläfer. «Es ist eine grossartige Chance, an einer neuartigen Technologie mitzuarbeiten, die massives Potenzial hat.»

Bitcoins sind eine rein virtuelle Währung, die an speziellen Börsen gehandelt wird. Es steht aber keine Regierung oder Zentralbank dafür ein. Bisher hat die Cyber-Währung vor allem durch Betrugsfälle und Sicherheitslücken für Schlagzeilen gesorgt. Trotz des schlechten Rufs setzen einige Finanzexperten nun auf den Aufstieg der Währung: Hochbezahlte Wall-Street-Manager verlassen ihre Jobs, um Startups zu gründen, grosse Konzerne bauen eigene Bitcoin-Abteilungen auf. «Viele Leute kommen in die Bitcoin-Welt, weil sie inzwischen so gross geworden ist, dass man sie nur schwer ignorieren kann», sagt Jaron Lukasiewicz, Gründer der Bitcoin-Börse Coinsetter.

Bitcoin zieht Geld an

In diesem Jahr haben die Investitionen in Bitcoin-Firmen kräftig angezogen: Waren es 2014 noch insgesamt 339 Millionen Dollar, kam allein in der ersten Jahreshälfte mit 375 Millionen schon mehr als diese Summe zusammen.

Angel List, ein Online-Marktplatz für Startups, die Geld suchen, zählt 814 junge Bitcoin-Firmen auf der Suche nach Investoren auf, vor einem Jahr waren gut halb so viele gewesen. Und auch grosse Firmen suchen nach Bitcoin-Expertise: Im Juni stieg die Zahl der Stellenanzeigen für solche Jobs nach Angaben des Datenerhebers Wanted Analytics auf ein Rekord von 306 – zum Teil von grossen Namen wie Intel, Amazon oder Citigroup.

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Skandalnudel wird salonfähig

Allerdings ist der Markt nicht ohne Risiko. Eine ganze Reihe von Bitcoin-Börsen gingen Pleite – beim Konkurs des in Tokio ansässigen und einst grössten Bitcoin-Handelsplatzes Mt.Gox verloren Kunden 2014 über 450 Millionen Franken. Manche Börsen-Betreiber wurden verhaftet, der Vorwurf von Schneeballsystemen machte die Runde. Geldwäscher, Drogenhändler und Kriminelle nutzten Bitcoin-Plattformen wie Silk Road für ihre Geschäfte.

Dazu kommt die hohe Volatilität der Währung: 2013 war der Kurs der Bitcoins von weniger als 40 Dollar auf mehr als 1100 Dollar in die Höhe geschnellt, um danach ähnlich schnell wieder zu fallen. Derzeit kostet die Internetwährung weniger als 266 Dollar. Insgesamt sind etwa 14,5 Millionen Bitcoins in Umlauf. Doch die Branche löst sich vom Schmuddel-Image.

Hoffnung auf goldenes Investment

Den 31-jährigen Paul Chou, Gründer und Chef von Ledger X, einer Handels- und Abwicklungsplattform für Bitcoin-Optionen, lockte die Aussicht auf hohe Gewinne in der Zukunft in die Welt der Internet-Währung.

Der Ex-Goldman-Sachs-Händler hofft, dass seine Firma bald als erstes Unternehmen der Branche von den Aufsichtsbehörden zugelassen wird und damit professionellen Anlegern Zugang zu Bitcoin-Optionen ermöglicht. «Ich habe sehr grosse Gehaltseinbussen in Kauf genommen als Gegenzug für Anteile an einem Unternehmen, die irgendwann viel Geld wert sein können», sagte er.

Das «Besondere»

Eine Rolle spielt bei der steigenden Attraktivität der Bitcoin-Welt auch, dass viele Banken ihre Boni gekürzt haben. Spitzenleute suchten sich daher Alternativen, sagt Rick Henri Chan von Airbitz, einer Plattform für digitale Geldbörsen. Der 47-Jährige war vorher bei der Deutschen Bank, verdiente Millionen.

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Das Gehalt vermisse er. «Aber wir machen hier bei Airbitz etwas Besonderes. Und ich glaube, dass unsere Firma irgendwann viel mehr wert sein wird.»

(reuters/ise)