Weder Mann, noch europäisch oder amerikanisch, und erst noch nicht lange dabei: Wan Ling Martello, Sinoamerikanerin, 58, und vor vier Jahren als Finanzchefin zu Nestlé gestossen, entspricht nicht gerade dem Bild, das man sich von einem Nestlé-Konzernchef macht.

Zu wenig Stallgeruch, hiess es deshalb, als die Nachfolgespekulationen um Paul Bulcke Ende letzten Jahres Fahrt aufnahmen und der Name der Nestlé-Asienchefin erstmals kursierte.

Gleichauf mit Konkurrenten

Doch die Aussenseiterin holt auf. An der Bilanzmedienkonferenz ist 
sie das einzige Geschäftsleitungsmitglied, das neben Paul Bulcke und dem Finanzchef zu Wort kommt – ein bemerkenswerter Vorgang in einem Unternehmen, wo Traditionen und Symbolik eine wichtige Rolle spielen.

Inzwischen liegt Martello gleichauf mit klassischen Einmal-Nestlé-immer-Nestlé-Bewerbern wie Amerikachef Laurent Freixe und dem im vergangenen Jahr nach Vevey transferierten Ex-Amerikachef Chris Johnson. Wann der Entscheid fällt, ist unklar. Fest steht nur, dass Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck im Frühling 2017 zurücktritt und Bulcke wohl  nachrücken wird. Bulcke sagte dazu nichts, als er am Rande der Bilanz-Medienkonferenz dazu befragt wurde.

Schnelle Erfolge in Asien

Seit Martello Asien leitet, geht es wieder bergauf mit der 22 Milliarden Franken schweren Zone Nestlés. Nach drei Quartalen noch im Minus, schreibt AOA (Asien, Ozeanien und Afrika) Ende 2015, wenige Monate nach ihrem Amtsantritt, bereits wieder schwarz.

Auch in Sachen E-Commerce geht es Schlag auf Schlag. Kaum angekommen, nimmt die Nestlé-Frau Einsitz im Verwaltungsrat von Alibaba. Im Januar schliesst sie mit dem chinesischen Internetriesen einen Partnerschaftsvertrag ab. Ein Meilenstein, der beweist: Die ehemalige Finanzchefin kann nicht nur rechnen, sie ist auch operativ sattelfest. Martello geniesst intern und extern einen ausgezeichneten Ruf. Beobachter attestieren 
ihr Durchsetzungswillen, Entscheidungsfreudigkeit und Mut.

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Nach Drohungen unter Polizeischutz

Sie hat kein Problem, auch mal unbequem zu sein, wie dieser Vorfall zeigt: In den Anfängen ihrer Karriere steht sie als Controllerin in Ohio tagelang unter Polizeischutz, weil sie vom Mann einer Angestellten bedroht wird, der sie eine Bonuszahlung verweigert hatte. Martellos Profil dürfte gefragt sein, sollte das Nestlé-Modell eines mindestens 5-prozentigen Wachstums 2016 weiter erodieren – wonach es zurzeit aussieht.

Die mögliche Bulcke-Nachfolgerin bringt eine Reihe von Qualitäten mit, die für Nestlés Zukunft von Nutzen sein könnten. Sie weiss, wie sich grosse Organisationen steuern lassen. Sie ist krisenerprobt und hat Erfahrung mit E-Commerce – einer Herausforderung, die der Nahrungsmittel-industrie erst noch bevorsteht.

Global vernetzt

Die Asienchefin ist global vernetzt, und sie hat eine spannende Biografie über die Grenzen von Kulturen und Kontinenten hinweg – ein Plus bei einem Konzern, der 43 Prozent seines Umsatzes in aufstrebenden Märkten erzielt.

Wan Ling wird 1958 als Tochter chinesischer Einwanderer auf den Philippinen geboren. Ihre Eltern, ein Lehrer für chinesische Literatur und Geschichte und eine Zahnärztin, hatten Festlandchina vor der kommunistischen Übernahme 1949 verlassen.

Es ist das, was man ein strenges Elternhaus nennen könnte. «Meine Eltern waren sehr anspruchsvoll», erinnert sie sich 2005 in einem der wenigen Interviews, in denen sie über Persönliches spricht.

Weder Velo fahren noch schwimmen

In der chinesischen Schule wird sie vormittags in Englisch und nachmittags in Mandarin, der chinesischen Hochsprache, unterrichtet. Hinzu kommen Lektionen in Spanisch und in der philippinischen Nationalsprache Tagalog. Zudem spricht sie Foo-kien, den Dialekt der chinesischen Minderheit auf den Philippinen.

Sie sei jeden Tag von halb acht bis bis halb sechs und am Samstagmorgen in der Schule gewesen, erinnerte sie sich 2005. «Da war kein Platz 
für ausserschulische Aktivitäten.» Sie könne deshalb weder Velo fahren noch schwimmen. Man hat das Bild eines Mädchens vor sich, das in der Schule aufpasst und danach zuverlässig seine Hausaufgaben macht. Ein Kind, das früh gelernt hat, dass Ausbildung alles ist – vor allem, wenn man von auswärts kommt.

«Ich war immer in der Minderheit»

Als Jugendliche entscheidet sie sich für einen Studiengang in Rechnungswesen an der University of the Philippines. Die Ausbildung gilt als besonders anspruchsvoll. Später migriert sie mit ihren Eltern in die USA – der besseren Ausbildungsmöglichkeiten wegen. Ihren MBA macht sie an der Universität von Minnesota.

Martello ist als chinesisches Mädchen in den Philippinen aufgewachsen. Sie hat als ausländische Studentin in den USA studiert und als Chinesin in den USA und als chinesisch-amerikanische Managerin in der Schweiz Karriere gemacht. Eine wechselhafte moderne, globale Biografie – mit  einer Konstante, die sie 2015 gegenüber der «Frankfurter Rundschau» benannte: «Ich war immer in der Minderheit, aber das Verblüffende daran ist, dass ich mich immer dem Mainstream zugehörig fühlte.»

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