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Risiko
Warum Firmen gegenüber Populisten so still bleiben

Grafik: Handelszeitung/Bruno Muff

Protektionistische Politiker haben Aufwind und setzen Firmen unter Druck. Wie können Unternehmen dieser Entwicklung begegnen ohne ihre Marktposition zu gefährden?

Von Stefan Mair
am 26.01.2017

Es könnte das grosse Jahr der Nationalisten und Protektionisten werden. Im März will der EU-Gegner Geert Wilders in den Niederlanden zur stärksten politischen Kraft werden, im Frühjahr könnte Front-National-Chefin Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen abräumen und bei den Bundestagswahlen im Herbst will die Alternative für Deutschland in Berlin ­reüssieren. Le Pen und AfD-Exponentin Frauke Petry verkündeten bei einer ­gemeinsamen Veranstaltung kürzlich das «Jahr der Patrioten». Protektionisten sind in den USA, in Polen und in Ungarn ­bereits in Amt und Würden.

Gemeinsam ist vielen dieser auf­strebenden Politiker, dass sie sich immer wieder Firmen zur Brust nehmen und gegen «ausländisches Kapital» Kampagnen reiten. Sei es in den USA Donald Trump, der Autobauer per Tweet dazu zwingen will, ihre Produktionsanlagen nicht mehr in Mexiko zu bauen. Seien es die berüchtigten «Sondersteuern», die der Ungar ­Orbán gegen Tochterfirmen auslän­discher Konzerne erhebt, um ihnen das Leben schwer zu machen.

Gefürchtete Sondersteuern

Die Stärkung dieser protektionis­tischen, nationalistischen sowie oft un­berechenbar agierenden Politik stellt Schweizer Exporteure und Tochterfirmen vor Herausforderungen, die bisher nur aus Drittwelt- und Zweitweltländern bekannt ­waren. Wie sollen sie darauf reagieren? Welche Möglichkeiten gibt es, sich gegen solche Unwägbarkeiten abzusichern? Und sind Firmen verpflichtet, öffentlich gegen den Protektionismus einzutreten? Immerhin besitzt fast jeder international tätige Konzern einen ganzen Katalog an Corporate-Social-Responsability-Richtlinien, die das Firmen-Engagement für eine ­bessere Gesellschaft bewerben. Ist darin ­eigentlich der Kampf für offene Märkte ­inkludiert?

Das klassische Repertoire, sich gegen politische Unwägbarkeiten abzusichern, kommt von den Erfahrungen von Exporteuren mit den sogenannten Emerging Markets. Zurich, Swiss Re und viele andere Versicherer bieten Versicherungen ­gegen politische Risiken. Darunter fallen etwa Enteignungen durch Regierungen, die Weigerung einer Regierung, einen Vertrag einzuhalten, und im Extremfall die Unterbrechung der Geschäftstätigkeit durch ­Revolutionen oder kriegerische Auseinandersetzungen.

Public Affairs unter Druck

Aber solche Versicherungen helfen kaum gegen Abschottungspolitiken und gezielte Attacken gegen ausländische Konzerne (beispielsweise Sondersteuern für ausländisch dominierte Branchen in Polen). Müssen die Firmen also selbst ­gegen diese Politik Kampagne betreiben? Andreas Richner kennt sich mit dem Wechselspiel von Firmen und Politik bestens aus. Über Jahre hinweg verantwortete er die Beziehungen von Nestlé Suisse zu Behörden, Verbänden und Politikern. ­Zudem war er für Public Affairs bei Alpiq zuständig. Heute leitet er die Governmental-Relations-Abteilung der Beratungsagentur Farner. Er ist der Auffassung, dass sich ­Firmen durchaus politisch exponieren dürfen, auch wenn sie dazu keinerlei mora­lische Verpflichtung hätten. «Es gilt die Verpflichtung, sich für erfolgssichernde Rahmenbedingungen der Unternehmung einzusetzen.» Das könne bis zu ­Abstimmungsempfehlungen gehen.

«Ob das in einem populistisch, nationalistisch oder sozialistisch geprägten Umfeld erfolgt, ist dabei weniger erheblich.» Dieser Einsatz sei gerechtfertigt, weil es die erste Aufgabe von Firmen sei, ihr geschäftliches Interesse zu wahren und damit Eignern und Mitarbeitern ­gegenüber verantwortlich zu handeln. Eine politische Exposition, die nicht mit einer unternehmerischen Notwendigkeit verknüpft sei, sei hingegen risikoreich und deshalb eher zu vermeiden. «Politik ist nie gänzlich stabil und die Mehrheits­verhältnisse in einer Demokratie oder das wirtschaftspolitische Programm einer autoritären Regierung können rasch ändern.» Solange es bei einer einigermassen stabilen Rechtslage bleibt, können auch stärkere Ausschläge der politischen ­Pendel absorbiert werden.

Versicherungen prüfen

Die befragten Firmen sind weniger auskunftsfreudig darüber, ob sie sich gegen den Trend zum Protektionismus einsetzen wollen. Kurt Lötscher, der für ABB die ­Abteilung Government Relations leitet, will seine Tätigkeit «nicht nach aussen kommentieren». Marina Moresellino von Adecco will Fragen zum Thema nicht beantworten. Novartis und Roche äussern sich ebenfalls nicht. Ganz anders klingt das in den umfangreichen CSR-Reports der Grosskonzerne, in denen sie über den Wert von offenen Gesellschaften, Toleranz, internationaler Zusammenarbeit und der Förderung derselben schwärmen.

Und welche Optionen haben kleinere Unternehmen? KMU laufen immerhin ­weniger Gefahr, ins Fadenkreuz einer politischen Figur zu kommen. Alberto Silini, Leiter der Beratung bei Switzerland Global Enterprise (S-EG), sieht dennoch Möglichkeiten, sich in unberechenbaren ausländischen Märkten abzusichern: «KMU steht eine breite Palette zur Verfügung von ­Kreditversicherungen über Währungsabsicherungen, Investitionsversicherungen, Haftpflichtversicherungen oder Vermögensschadenhaftplicht bis hin zu Exportrisikoversicherungen, die etwa von der Serv angeboten werden. Vor jedem Markteintritt gilt es, genau zu analysieren, welche Risiken für das eigene Geschäft bestehen.»

KMU weniger im Fokus

KMU exponierten sich nach der Erfahrung von Silini im Ausland fast nie politisch. «Unabhängig von der Couleur der Regierung verhalten sich kleine und mittelgrosse Firmen unserer Erfahrung nach deshalb meist neutral zurückhaltend. Für nationalistische Politiker sind kleinere ­Exporteure denn auch keine wirkliche Zielscheibe und generieren etwa bei einer Attacke in den sozialen ­Medien weniger Aufmerksamkeit als ein gros­ser Autobauer. Kleine Exporteure sollten sich deshalb nicht auf grossspurige Ankündigungen etwa in Wahlkämpfen konzentrieren, sondern neue Gesetzesvorgaben stets auf dem Radar behalten, um bei einer eventuellen neuen Vorgabe schnell handeln zu können.

«Exporteure handeln, sobald konkret abzusehen ist, dass sich für sie ­etwas ändert, zum Beispiel in Form von neuen Regulierungen», so Silini. Solche Regulierungen haben Trump und Co. ­angekündigt und teilweise auch schon umgesetzt. Wird 2017 wirklich ein Jahr, in dem ein neuer Schub protektionistischer Politiker Einzug in Regierungskanzleien und Parlamente hält, wird es wohl langsam Zeit, über politische Risikoversicherungen für die erste Welt nachzudenken.

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