«Guten Morgen!» – «Mahlzeit!» – «Guten Mittag!», dabei fleissig lächeln und mit dem Kopf nicken – ach ja, und nicht vergessen, den Kollegen die Tür aufzuhalten, auch wenn sie erst am anderen Ende des laaaaaangen Flurs angewatschelt kommen. 

Floskeln und übertriebene Höflichkeiten im Büroalltag nerven. Vor allem, wenn ich noch kaum die Augen aufkriege, weil ich einen dieser unmenschlichen Frühdienste abbekommen habe und ich auch nach 45 Minuten auf dem Fahrrad noch nicht ansatzweise wach bin. Ehrlich gesagt nerven sie mich aber auch, wenn ich gut geschlafen habe und meine Unaufmerksamkeit nicht auf das frühe Klingeln meines Weckers oder meine kaum geöffneten Augen erklären kann. 

Was mich an oberflächlichen Nettigkeiten stört, ist die Büropolitik

Ich habe das noch nie verstanden: Warum muss ich jedem Menschen, dem ich im Flur begegne, Aufmerksamkeit zollen? Warum muss ich grüssen und lächeln und Stimuli machen, wenn ich eine mir völlig unbekannte Frau auf der Damentoilette treffe? Als ob ich da nicht schon mehr über sie erfahren würde, als mir lieb ist! Warum muss ich Menschen die Tür aufhalten, die zwei vollkommen funktionstüchtige und verfügbare Hände haben und es selbst tun könnten?

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Klar, wenn ich mit drei Tassen Kaffee und eine Brezel beladen aus der Kantine komme, freue ich mich, wenn mir jemand die Tür aufhält. Aber das ist etwas ganz anderes. Was mich an oberflächlichen Nettigkeiten so stört, ist die darunter liegende Politik des Miteinanders: Wer hält wem die Tür auf? Wer sagt als erstes Hallo? Und schaut man sich dabei in die Augen? Und was, verdammt nochmal, mache ich, wenn ich der Person zum zweiten, dritten, vierten Mal am Tag begegne? Nochmal grüssen? Dieses Mal den Anderen die Tür aufhalten lassen?

Ich sage nicht «Gesundheit»

Ja, ich bin eine echte Niete, wenn es um Büropolitik geht. Ich mag keinen Smalltalk mit Menschen, die ich nicht kenne (denn ich MAG Smalltalk, ich rede eigentlich immer), ich vergesse grundsätzlich, wer Geburtstag hat und dass ich ja mal einen Kuchen zu meinem eigenen Geburtstag mitbringen könnte. Ich kaufe immer nur für mich Süssigkeiten. Wenn jemand was Süsses will, soll er doch selbst gehen. Ich sage auch nicht «Gesundheit», wenn jemand niest – ausser, ich bin wirklich super aufmerksam und denke gerade daran. Dann bin ich immer ganz stolz auf mich und grinse verschmitzt in mich rein. Als von ein paar Jahren die Knigge-Ansage kam, dass der Niesende sich entschuldigen sollte, war das für mich eine Befreiung.

Und trotzdem lasse ich mich hin und wieder auf die Spielchen ein. Ich nicke immerhin höflich, wenn mir einer im Flur begegnet oder verziehe die Mundwinkel. Ich frage meine engen Kollegen, ob ich Kaffee mitbringen soll und lasse mich manchmal im Fahrstuhl zu einer Bemerkung herab. Warum? Weil es leider nötig ist. Eine meiner BizzMiss-Kolleginnen hat es sogar «überlebensnotwendig»ƒ genannt und die andere fühlt sich beleidigt, wenn man beim Büro-Floskel-Tanz nicht mitmacht. Für mich ist es jedoch ein Mittel zum Zweck: Ich will nicht negativ auffallen, weil ich angeblich unhöflich bin oder gar unfreundlich. Ich bin wirklich sehr, sehr nett und würde sehr viel für meine Mitmenschen tun.

Floskeln sind aufgesetzt und falsch

Ich finde Floskeln nur aufgesetzt und falsch, politische Manöver, um sich selbst besser da stehen zu lassen. Ehrlich gesagt fühle ich mich manchmal sogar beleidigt, wenn Menschen mir mit dieser Oberflächlichkeit begegnen, anstatt einfach mal ehrlich zu sein. Warum darf ich nicht sagen, dass ein Baby fett und hässlich ist? Warum darf ich nicht sagen, dass der selbstgebackene Kuchen der Kollegin trocken ist? Bin ich die einzige, die das bemerkt?

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Also schlucke ich das Stück Wüste Gobi hinunter, lächle und nicke – dann denkt sie, ich stimme den Lobbekundungen der anderen zu. Lächeln und nicken, das scheint überhaupt eine gute Taktik zu sein, um im Büro zu überleben. Um nicht anzuecken und (negativ) aufzufallen. Mitspielen, Codes einhalten, Politik machen, gute Miene zum langweiligen Spiel.

Und ich bin der Schummler. Aber auch die braucht es in einem Spiel. Sonst wäre das ja langweilig.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bizzmiss – das Business-Magazin für Frauen mit den Schwerpunkten Karriere und Work-Life-Balance.