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Gehaltsschere
Warum kein Gesetz gegen ungleiche Löhne hilft

Demonstranten für gleichen Lohn
Frauen demonstrieren für Lohngleichheit.Quelle: Getty Images

Es ist komplex, die Lohnkluft zwischen Mann und Frau per Gesetz zu bekämpfen. Das zeigen auch neue Studien, die Überraschendes abbilden.

Von Ralph Pöhner
am 06.04.2018

Gott kommt bekanntlich zum Einsatz, wenn etwas vollends unerklärlich ist. Insofern hatte SVP-Ständerat Hannes Germann schon einen Punkt, als er die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau in der letzten Session «gottgegeben» nannte – irgendwie. Vielen Menschen erscheint die Sache zwar sonnenklar: Die Chefs in den Management-Etagen sind eiskalt oder Chauvis, also diskriminieren sie, wo sie diskriminieren können. Oder aber: Den Frauen fehlt es an Ehrgeiz, sie verhandeln zu soft, also schlagen sie weniger heraus im Gerangel von Angebot und Nachfrage.

Doch betrachtet man die Sache breiter, zumal ökonomischer, so wird sie gottlos kompliziert – auch wenn meine Kollegin Karen Merkel das anders sieht. Mittlerweile liegen reihenweise Untersuchungen vor, die neben altbekannten Faktoren wie Ausbildung (Technik oder Soziales?), Baby-Pause, Old-Boys-Gemauschel und dem Ellenbogen erstaunliche Sub-, Teil- und Zusatzerklärungen bieten. 

Die Herren steuern dorthin, wo es mehr zu holen gibt

Man würde ja erwarten, dass die Lohndiskriminierung in der «Gig-Economy» endgültig ihr Ende findet. Dort bucht man – beispielsweise – anonym eine Autofahrt; ein Algorithmus verknüpft Kunde und Fahrer; und der Preis hat überhaupt nichts damit zu tun, wer fährt. Ökonomen der Stanford University werteten nun aber die Daten von 740 Millionen Uber-Trips aus. Und heraus kam, dass die durchschnittliche Fahrerin pro Stunde 7 Prozent weniger verdient als der Fahrer (was notabene ziemlich genau jenem Teil des Schweizer Lohngrabens entspricht, der sich nicht so recht erklären lässt).

Die Ökonomen fanden am Ende drei Erklärungen für den 7-Prozent-Graben: Erstens sind Männer erfahrener – oder anders: Frauen geben das Ubern rascher wieder auf. Zweitens spielt hinein, welche Routen man wählt: Männliche Fahrer suchten entschlossener nach lukrativen Auf- und Abladepunkten. Und dann war da noch, drittens, das Tempo: Die Männer drückten eher aufs Gas.

Wir haben hier also eine Art Marktwirtschaft in Reinform, und was sehen wir da? Die Herren steuern entschlossen dorthin, wo es mehr zu holen gibt. Und für einen schnellen Dollar gehen sie auch mal ein Risiko ein.

Der Fluch der Familienfreundlichkeit

Niemanden erstaunt, dass Frauen lieber eine Firma wählen, die Krippenplätze bietet, wo man flexible Arbeitszeiten hat oder auch mal im Homeoffice arbeiten kann – kurz: Sie haben ein Faible für familienfreundliche Betriebe. Doch diese Betriebe haben eine Kehrseite: Ihr Lohnniveau ist eher tiefer. Auch dazu gibt es eine aktuelle Studie, erarbeitet von Ökonomen und Statistikern der Duke Universität sowie der Uni Uppsala.

Mit schwedischen Daten zeigten sie auf, dass gerade in den familienfreundlichen Unternehmen am Ende weniger herausspringt für die Frauen. Die interne Lohnkluft ist zwar nicht grösser, im Gegenteil. Aber die Stellen sind dort standardisierter, sie sind austauschbarer – mit Grund: Eine Firma, die viele ähnliche Jobs aufweist, ist flexibler; und damit kann sie leichter Teilzeit-, Jobsharing- oder Homeoffice-Varianten schaffen. Nur: Diese Jobs sind oft schlechter honoriert als spezialisiertere Aufgaben. Und obendrein bieten sie weniger Karrierechancen.

Reicher heisst auch ungleicher

Ein beliebtes Denkmuster besagt: Je fortschrittlicher ein Land, desto gleichberechtigter die Geschlechter. Und so befremdet es doch, dass die Lohnkluft in der Schweiz grösser ist als – beispielsweise – in Pakistan oder Paraguay. Durchforscht man allerdings die Daten, so zeigt sich hier ein anderer Hebel, und der wirkt wuchtiger: Mit zunehmendem Reichtum eines Landes spalten sich die Gehälter wieder auf. Am nächsten beieinander Frauen- und Männerlöhne irgendwo in der Mitte, etwa in Schwellenländern.

Wie das? Plump gesagt: Es gibt Weltgegenden, wo die Frauen aus reiner Not arbeiten und oft furchtbar ausgebeutet werden. Es gibt – in der Mitte – Länder, wo der weibliche Anteil an der Beschäftigung plötzlich tiefer ist: Dort arbeiten meist nur Frauen, die wirklich darauf angewiesen sind, etwa weil sie verwitwet oder ledig sind. Diese Arbeitnehmerinnen aber suchen energisch nach den bestbezahlten Chancen. Und dann gibt es Staaten, wo ein schöner Anteil der Frauen eher zur Ergänzung, zur Abrundung und auch zur Selbstverwirklichung beruflich tätig ist. Für sie ist der Lohn noch ein Faktor unter vielen. Er ist unwichtiger als auch bei den Männern, Arbeit hat hier immer wieder mal die Züge einer Nebensache.

Dazu passt, dass der Anteil der Frauen an den Niedriglohn-Stellen ausgerechnet in reicheren Ländern am grössten ist. Und nicht etwa in Pakistan oder Paraguay

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Anteil Frauen bei Tieflohnstellen in Prozent (2015) | Quelle: Our World in Data

Mutterwunsch, Mutterstrafe

Ergo sehen selbst die Gleichstellungs-Champions in Skandiavien schlecht aus, wenn es um die Lohnkluft geht: Mit 15 bis 20 Prozentpunkten sind die Unterschiede im Norden ebenso gross wie hierzulande. Dies zeigt definitiv, wie schwer sich das Problem ideologisch und gesellschaftspolitisch bekämpfen lässt. Ökonomen aus Princeton, London und Kopenhagen stellten das Rätsel soeben in ein neues Licht, anhand des Beispiels Dänemark.

Denn dort sind sich Frauen- und Männerlöhne beim Einstieg in die Berufswelt wirklich nah: Kein dänischer Chef würde es noch wagen, derb zu diskriminieren. Zum Vergleich: In der Schweiz, so eine Nationalfondsstudie von 2013, verdienen junge Frauen schon im allerersten Job rund 7 Prozent weniger als Männer.

Lohnknick nach dem ersten Kind

Aber auch im Norden folgt der Backlash konsequent: Sobald das erste Kind zur Welt kommt, stürzen die relativen Einkommen der Arbeitnehmerinnen ab – und auf lange Sicht verdienen Mütter 20 Prozent weniger als Väter.

An sich ist das noch nicht verblüffend: Mama kümmert sich eher ums Kind als Papa, sie steckt öfter mal ein Stückchen zurück, verpasst also eher den nächsten Lohnschub und den übernächsten Karrieresprung. Dass wir es im Arbeitsmarkt eher mit einem Mutter-Mann-Graben als mit einem Frau-Mann-Graben zu tun haben, wurde ja schon oft bemerkt.

Nur: Die dänischen Angebote bei Kinderbetreuung, Elternurlaub oder Papazeit sind dermassen ausgebildet, dass Väter und Mütter aus Human-Resources-Sicht nun wirklich dasselbe sind. Trotzdem hatten sich Ausfälle bei den Löhnen der Mütter im beobachteten Zeitraum von 1980 bis 2013 sogar noch verstärkt. Die Forscher um den Princeton-Ökonomen Henrik Kleven mussten also am Ende händeringend eingestehen, dass ihre Daten wohl ganz viele ganz persönliche Wünsche der jungen Männer und Frauen spiegeln, die sich die Kinderbetreuung halt ein bisschen schief aufteilen. Zu untersuchen wäre einfach noch, so Kleven, wie sehr sich in dieser Einseitigkeit soziale Normen niederschlagen. Und wie sehr sie im Innern des Menschen angelegt ist.

Oder um es mit SVP-Mann Germann zu sagen: Ein bisschen scheint die Sache gottgegeben.

Auf diesen Text hat Karen Merkel, stellvertretende Redaktionsleiterin des Schweizer Wirtschaftsnetzes, eine Antwort verfasst. Lesen Sie hier ihren Beitrag.