1. Home
  2. Management
  3. Warum Xing künftig mit uns allen chatten will

Trend
Warum Xing künftig mit uns allen chatten will

Xing startet seine Whattsapp-Funktion: Das kann einen Vorteil im Wettbewerb mit Linkedin bringen. ZVG

Xing versendet künftig Jobangebote via Whatsapp. Das Karriereportal will noch näher an seine User rücken - und nebenbei drei eigene Probleme lösen.

Von Stefan Mair
am 14.08.2017

Ein ungewohnter Chatpartner will sich in den nächsten Wochen in unseren Handys einnisten. Künftig sollen wir nicht mehr nur mit Familie, Freunden oder Berufskollegen Whatsapp- Nachrichten austauschen können, sondern auch mit Karriereportalen. Den Anfang der Chatoffensive machte Xing vor wenigen Tagen. User des mit zwölf Millionen Mitgliedern grössten Karriereportals im deutschsprachigen Raum (Konkurrent Linkedin bringt es auf zehn Millionen) können künftig in einen Whatsapp-Dialog mit dem Anbieter treten. Ein Algorithmus sendet Nutzern dann Jobangebote zu, soll sie aber auch zu Fragen beim Thema Karriere und Bewerbung beraten. Ebenfalls geplant: Push-Meldungen für neue Jobs, bevor sie für andere Nutzerinnen und Nutzer sichtbar sind.

Xing springt mit der neuen Funktion auf einen grösseren Trend in der Wirtschaftswelt auf. Firmen passen sich an jene Menschen an, die durch stundenlanges, tägliches Chatten via Whatsapp, Facebook und Co. konditioniert sind. Dieses gelernte und täglich geübte Verhalten soll auch im Austausch mit einer Firma ­genutzt werden. Bereits heute können Kunden beispielsweise bei Swisscom Beratung über ein Chatfenster im Browser bekommen. Auch die Grossbank UBS ­arbeitet an einer Chatfunktion, mit der sich Kunden und Anlageberater austauschen können.

Oftmals Spam im Portal

Im Bewerbungsprozess ist diese Social-Media-Strategie vieler Unternehmen aber noch mangelhaft. Gerade in dieses Va­kuum möchte Xing vorstossen. «Viele ­Firmen halten sich für voll digitalisiert im Bewerbungsprozess, wenn sie E-Mail-Bewerbungen zulassen», sagt Dennis Teichmann, Gründer von Jacando, einer Firma, die Talent-Management-Systeme für Personaler anbietet. Er hat eine Studie über das Recruiting-Verhalten Schweizer Firmen durchgeführt. «Eine Bewerbung per Social-Media-Profil ist nur bei 16 von 100 untersuchten Firmen möglich; 60 setzen immer noch auf die Bewerbung per Post.»

Die Bewerbungsprozesse seien zudem oftmals nicht mobileoptimiert. Abbrüche mitten im Bewerbungsprozess sind häufig. Das neue Angebot von Xing soll hier vieles einfacher und schneller machen. Voraussetzung, um in den Dialog mit dem Karriereportal zu treten, ist die Mitgliedschaft im Netzwerk. Nach der Anmeldung über whatsbroadcast.xing.com erhält der Nutzer die Nachrichten des Portals. Es geht Xing aber nicht nur um die schnellere Information seiner Nutzer. Es geht auch um die Lösung einer ganzen Reihe von Problemen des Unternehmens: zunehmender Spam im Portal, der Rückstand hinter Linkedin im lukrativen B2B-Bereich und die Angst vor Google Jobs.

Störende Massenmails

Erstens will sich Xing zunehmend von seiner Desktop-Version emanzipieren und das Spam-Problem zurückdrängen. Viele Nutzer legen zwar irgendwann im Lauf ihrer Karriere ein Profil an, dieses verkommt dann aber oftmals zu ­einem CV-Friedhof oder zu einer Informationsschleuder mit irrelevanten Inhalten. Die ständigen «Neuigkeiten» und Aktualisierungen der anderen Nutzerinnen und Nutzer, mit denen man sich vor langer Zeit einmal verbunden hat, nun aber kaum mehr Relevanz besitzen, sind jedem Nutzer von Xing, aber auch anderen Portalen wie Linkedin bekannt. Zudem sind viele Massenmails im Xing-Netzwerk störend. «Massenmails, Multilevel-Marketing und Spam sind bei Xing inzwischen verboten», sagt Constanze Wolff, die das Buch «Xing für Dummies» geschrieben hat.

Wer Spam bekommt, kann dies jederzeit Xing melden, ohne dass der Absender davon erfährt», so die Expertin über die Gegenmassnahmen des Portals. Mit der Whatsapp-Funktion reduziert sich Xing auf das, was für die meisten Nutzer neben dem Netzwerken, das oftmals zu nichts führt, wirklich relevant ist: neu ausgeschriebene Stellen, auf die Kandidatinnen und Kandidaten sich einfach bewerben können. Der schwer kontrollierbare Spam der eigenen Nutzer wird damit einfach ausgeblendet.

Vertriebskanal für eigene Inhalte

Zudem baut Xing einen starken Vertriebskanal für seine Inhalte auf, die vom eigenen Redaktionsteam bis jetzt vor ­allem auf der Plattform «Xing Klartext» oder über den Newsletter ausgespielt werden und sehr populär sind. Zweitens ist es wichtig für Xing, seine Expertise im Bereich HR auszuspielen. Dieser Bereich ist das grosse, lukrative Geschäft für den Konkurrenten Linkedin. Dieses Netzwerk mit weltweit 460 Millionen Mitgliedern macht einen grossen Teil seines Umsatzes mit Beratungs- und HR-Tools für Personalabteilungen. Ein B2B- Geschäft, bei dem viel Umsatz zu holen ist und bei dem Xing hinterherhinkt. Wenn Karrieristen auf dem Portal künftig per Chat Beratung zu den Themen Karriere und Beruf erhalten, lernen diese das ­Portal als Dienstleister in diesem Bereich kennen.

Xing kann dadurch die grössten Probleme der Berufstätigen sammeln, analysieren, Lösungspakete an Firmen verkaufen oder, was noch vielversprechender ist – Firmen helfen, in eine Chatbeziehung mit ihren Mitarbeitern zu kommen. Eventuell mit dem Karrierenetzwerk als Datensammelmaschine in der Mitte. Xing muss in jedem Fall Firmen zuvorkommen, die den direkten Kontakt mit Bewerbern bereits suchen. Ein Beispiel dafür ist der Autobauer Daimler, der Jobinte­ressenten ebenfalls per Whatsapp-Chat Informationen über Aufgaben im Unternehmen gibt. Martin Maas, der die Idee für den Daimler-Chat hatte, sagt: «Es geht darum, neue Türen für die Kommunika­tion zu öffnen und in einen echten Dialog mit der Zielgruppe zu kommen.» Die flutartig eingehenden Fragen hätten sich bei der Whatsapp-Aktion vor allem um Trainee-Programme und Tipps für das ­Assessmentcenter bei einer Bewerbung gedreht, so Maas.

Frage nach Sicherheit

Und drittens ist die Chatfunktion auch ein Projekt gegen die Bedrohung, die ­allen Karriereportalen droht, wenn Google Jobs, die Jobsuchmaschine des Internet­riesen, erfolgreich wird. Dort sollen Jobangebote aus den Karriere- und Jobportalen abgesaugt und in entschlackter Form im Google-Ergebnisfeld zu finden sein – angereichert mit speziellen Service- und Sortierfunktionen wie dem berechneten Arbeitsweg vom derzeitigen Wohnort oder Filterfunktionen bezüglich Teilzeitstellen und Ähnlichem. Die grösste Bedrohung für Karriereportale dabei: zwischen Google und dem Endnutzer ­irgendwann überflüssig zu werden. Vor allem, wenn Nutzer ihren CV bei der Suchmaschine hinterlegen und Firmen ihre Jobs nur bei Google ausschreiben. Durch den Whatsapp-Kanal kommt nun ein Anbieter wie Xing aber so nahe wie nur möglich an den Endkunden und umgeht damit die potenziell bedrohliche Suchmaschine.

Ausgeliefert ist das Netzwerk hingegen natürlich den Gesetzen des Chatprogramms selbst. Und hier liegt ein kritischer Punkt in der Anwendung. Wer garantiert für die Sicherheit der Chatinhalte, wenn ein Mitarbeiter seine Jobprobleme dem Xing-Chatpartner mitteilt? Firmen, die populäre Chatdienste nutzen, geben die Kontrolle über die Inhalte des Dialogs partiell aus ihrer Kontrolle. Zudem ist fraglich, wie die Bewerbungsfunktion auf dem mobilen Gerät funktionieren wird, denn beim Bewerbungsprozess steht Xing dann in einem direkten Wettbewerb mit Google, das die One-Click-Bewerbung mit hinterlegtem CV versprochen hat.

Abzuwarten bleibt ebenfalls, ob das Thema Job und Bewerbung von Nutzern überhaupt in der Whatsapp-Welt gewünscht wird. Bereits jetzt werden Nutzer ja von Inhalten unzähliger Gruppen, bei denen sie Mitglied sind, belästigt. Der Versuch, den privaten Chatbereich mit beruflich seriösen Inhalten zu verschmelzen, ist eine der grossen Hoffnungen, aber auch der ungewissen Wetten in diesem neuen Xing-Angebot, auf das – wenn erfolgreich – alle anderen Portale aufspringen dürften. Die
Chat-Strategie soll drei wichtige Probleme von Xing lösen.

Anzeige