Wenn Eltern ihre Kinder mit ins Büro bringen, erhoffen sie sich wertvolle Lektionen für das spätere Leben der Kleinen. Sie sollen den Sinn und das Glück von Arbeit begreifen. Aber ist das realistisch? Sicher ist, dass sogenannte «White collar»-Jobs, also Bürojobs, für Kinder eine Art Blackbox darstellen. Sie sind meistens nicht in der Lage, sich im Kopf eine Vorstellung davon zu machen, was Eltern den ganzen Tag tun.

Claudia Roebers, Entwicklungspsychologin an der Uni Bern, erklärt daher: «Es ist absolut sinnvoll, wenn alle Familienmitglieder Einblick in das Leben der anderen erhalten: So wie die Eltern mit in die Schule gehen, um sie besser zu verstehen, können Kinder mit ins Büro.»

Wissen, wo die Eltern sind

Die Professorin und Mutter Roebers hat ihre Kinder deswegen mit in den Hörsaal der Uni Bern genommen. Sie haben sich dort die Projektoren angeschaut und die gestaffelten Sitzreihen. «Wenn ich jetzt zu Hause über die Arbeit spreche, fragen sie: ‹Warst du wieder in dem Raum, in dem wir auch waren?›» Laut der Entwicklungspsychologin ist das aus zwei Gründen gut: «Erstens tröstet es Kinder in Konfliktsituationen, wenn sie wissen, wo ihre Eltern sind. Zweitens schafft es in normalen Situationen eine gemeinsame Basis für die Beziehung.»

Laut Andreas Hirschi, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie in Bern, geht es vor allem darum, welches Konzept von Arbeit die Eltern vermitteln: «Wird Arbeit als notwendiges Übel kommuniziert oder ist sie etwas Erstrebenswertes und vielleicht sogar Selbstverwirklichung?», fragt Hirschi. «Sätze wie ‹Das ist eh alles nur Ausbeutung› helfen Kindern wenig, sich selbst auf einen Beruf vorzubereiten.»

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Wichtige Lerneffekte

Die Einflüsse, die das Büro auf Kinder haben kann, unterscheiden sich nach Meinung der Experten je nach Altersstufe: Zwischen sechs und neun sind Kinder dabei, Arbeit als einen zentralen Lebensbereich zu erkennen. Bei einem Bürobesuch nehmen sie auf dieser Altersstufe aber nur Gerüche, Ausstattung und Geräusche wahr. Der wichtigste Lerneffekt ist dann auch schon, dass der Nachwuchs begreift, dass Eltern ein Leben ausserhalb von zu Hause haben und in welchem Setting sie sich dabei befinden. Bürobesuche in dieser Phase sind in den Ferien zu empfehlen. Denn es ist sinnlos, in dieser Altersstufe zu hoffen, dass Kinder von sozialer Interaktion zwischen den Eltern und ihren Mitarbeitern etwas lernen.

Erst im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren werden sich Kinder des sozialen Status von Menschen bewusst. Bei einem Bürobesuch auf dieser Stufe werden Kinder sensibel auf die Position der Eltern im Büro reagieren. Sie nehmen die Dynamik des Büros und die Einstellung und Stimmung der Eltern gegenüber dem Job deutlich wahr. Die Interessen der Kinder konkretisieren sich. Es ist hilfreich für Kinder, wenn die Eltern mit ihnen darüber sprechen, was sie an ihrem Job mögen. Das regt Reflexionen über die eigenen Fähigkeiten an. In dieser Altersstufe können sie den Nachwuchs schon mal in eine Sitzung setzen, damit Interaktion beobachtet werden kann.

Umgang mit Frustrationen

Die eigenen Interessen und Kompetenzen mit den Anforderungen diverser Berufe in Verbindung zu bringen, gelingt erst im Alter zwischen 13 und 15 Jahren. Hier können Kinder noch am ehesten vom Bürobesuch profitieren, Eltern können ihren Söhnen und Töchtern beibringen, welche Interessen in welchen Berufen ausgelebt werden können. In diesem Alter lernen sie auch, wie Eltern mit Rückschlägen umgehen. Eine strenge Ermahnung vom Chef, auf die sie in Anwesenheit des Sohnes oder der Tochter mit Wut und Hysterie reagieren, sollte jedenfalls vermieden werden. Vielmehr muss das Kind begreifen, dass Rückschläge überwunden werden können.

Wichtig sei es auch, den beruflichen Horizont der Kinder zu erweitern. Etwa indem Kinder auch das Büro von Freunden oder Verwandten kennenlernen.

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Eltern sollten es mit der Heranführung der Kinder an die Arbeitswelt aber nicht übertreiben. «Es ist wichtig, dass Eltern keine erzieherischen Allmachtsphantasien entwickeln», sagt Professor Hirschi. «Man kann die Kinder nur bis zu einem gewissen Grad fördern.» Krampfhafte Bürobesuche mit quengelnden Sechsjährigen, durch die Mitarbeiter gestört würden, seien daher zu vermeiden, behutsame Besuche mit für soziale Strukturen sensiblen Elfjährigen hingegen durchaus zu empfehlen.