Studien sagen es uns immer wieder: Frauen führen besser. Und Unternehmen mit drei und mehr Frauen an der Spitze sind wirtschaftlich erfolgreicher als der Durchschnitt; nämlich laut McKinsey bei der Eigenkapitalrendite (ROE) mit 11,4% gegenüber 10,3% und beim Ebit mit 11,1% versus 5,8%. Der Grund: Die organisatorische Exzellenz des Unternehmens ? sprich die Führung ? ist ganz einfach besser, wenn mehr Frauen mitreden.

Also sollten Chefetagen eigentlich voll sein von Frauen: Aber noch immer beträgt europaweit der Anteil von Frauen in Leitungsgremien von kotierten Gesellschaften 11%. Die Schweiz steht mit knapp 4% kurz vor den Entwicklungsländern und Italien mit 3%.

«Das hat mit den Bedingungen zu tun, unter denen die Frauen antreten: Sie tragen neben dem Job viel mehr Verantwortung für den privaten und persönlichen Bereich», sagt Elli Planta, Präsidentin der UBS-Arbeitnehmervertretung.

Die Luft wird für alle dünner

Kadervermittlerin Angelika Bräm spricht Klartext (siehe auch «Nachgefragt»): «Frauen geben zu schnell auf. Sie haben im Gegensatz zu den Männern manchmal einfach zu wenig Kampfgeist, um ihre Ziele zu verfolgen.» Als Inhaberin der Frauen-Kadervermittlung Evalution sieht sie immer wieder, dass sich Frauen von beruflichen Widerständen allzu schnell ins Bockshorn jagen lassen. «Dabei», so Bräm, «wird die Luft ? je höher man die Karriereleiter hinaufklettert ? für alle dünn.» Auch Männer werden auf ihrem Karriereweg ausge-bremst. Aber sie steigen viel eher über die Steine, die im Weg liegen. Oder sie räumen diese beiseite.

Frauen tun das weniger: Zwar sind inzwischen 55% der europäischen Studienabgänger weiblich, aber bloss 67% aller Frauen arbeiten Vollzeit gegenüber 93% der Männer. Und beim Mentoringprojekt, das Bräm für die Wirtschaftsfrauen Schweiz auf die Beine gestellt hat, meldeten sich begeisterte Wirtschaftsführer und Bundesräte als Mentoren. Junge Frauen als Mentees zu motivieren, war dagegen, laut Bräm, schwierig.

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Selbst in Branchen, in denen eine regelrechte Feminisierung der Angestellten stattfindet, ist der Anteil der Top-Managerinnen kümmerlich. So sind in der Schweizer PR-Branche zwar rund 50% der Arbeitenden weiblich. Bei den nichtakademischen Ausbildungsgängen beträgt der Frauenanteil sogar bis zu 90% der Absolvierenden. Trotzdem sind die Leitungsstellen noch immer zu zwei Dritteln von Männern besetzt. «Frauen haben im Hinterkopf eben noch immer die Idee der Bequemlichkeit und denken an die Möglichkeit einer Familie», stellt PR-Unternehmerin Edith Weibel fest. Sie selbst zählt laut «Bilanz» zu den zehn Top-Public-Relations-Frauen in der Schweiz.

Dass die Organisation des Haushaltes traditionellerweise Frauenaufgabe ist und deshalb oft zwangsläufig zur Doppelbelastung führt, ist ihres Erachtens allerdings schwierig zu ändern. «Schon in der Steinzeit gingen die Männer jagen und die Frauen führten den Haushalt. Es wäre illusorisch zu meinen, man könne das einfach ändern.»

Den Hormonen trotzen

Aber sogar in Unternehmen, die sich explizit die Frauenförderung auf die Fahne geschrieben haben und alles tun, um ihre Strukturen frauengerecht zu machen, ziert sich das weibliche Geschlecht. «Und auch die jüngere Generation der Frauen fällt oft in vertraute weibliche Verhaltensmuster zurück, wenn entscheidende Planungen für die Laufbahn oder verschiedene Lebensphasen auftauchen», beobachtet Helena Trachsel, Leiterin des Diversity Managements beim Rückversicherungskonzern Swiss Re.

Bei Swiss Re wurde bereits 1995 das exemplarische Chancengleichheitsprojekt «Taten statt Worte» gestartet. Trotzdem sank der Frauenanteil im oberen Kader zwischen 1999 und 2001 von 20 auf 8%. Da in den letzten Jahren die Hierarchieordnung neu strukturiert wurde, sind für die Zeit danach keine Zahlen mehr erhältlich. Fakt bleibt aber: Es ist schwierig, Frauen ins Senior-Management zu befördern. «Obwohl wir gleichwertig Männer und Frauen ins Auswertungsverfahren aufnehmen, werden wenig Frauen für diese Funktionen ausgewählt», so Trachsel. Bei den Schlüsselstellen ? nämlich den technischen Rückversicherungsabteilungen, wo Naturwissenschaftler, IT- und Finanzfachleute gefordert sind ? sind ambitionierte Frauen noch immer eine Minderheit geblieben.

Man könnte achselzuckend sagen: «Wenn die Frauen nicht wollen, sollen sie doch zuhause bleiben.» Damit würde man die These der kanadischen Psychologin Susan Pinker stützen. Sie gibt den Hormonen die Schuld für die weibliche Trägheit.

Die Situation als schicksalsgegeben hinzunehmen wäre trotzdem falsch: «Bei den heutigen Scheidungsraten und der Regelung der Unterhaltszahlungen sind auch Frauen gezwungen, ihr Geld zu verdienen, um Abhängigkeiten zu vermeiden», nennt die Bankerin Elli Planta von der UBS das entscheidende Argument für eine zwingende Veränderung. Sie selbst begann ihr Studium und ihre Berufslaufbahn als geschiedene Frau und allein erziehende Mutter mit Ende 30.

NACHGEFRAGT Angelika Bräm, Geschäftsführerin der Kadervermittlung EVALUTION und Vorstand der Wirtschaftsfrauen Schweiz


«Frauen sagen oft: ?Das ist mir zuwider?»

Wie oft erleben Sie, dass stellensuchende Frauen sich eher als Männer vor Hindernissen in einem neuen Job scheuen oder im alten Job zu früh aufgegeben haben?

Angelika Bräm: Ich stelle immer wieder fest, dass Frauen bei den politischen und taktischen «Spielen» schlecht abschneiden. Sie haben vielfach nicht den Kampfgeist der Männer, die sich tagsüber zwar bekämpfen, aber abends trotzdem miteinander ein Bier trinken gehen und neue Allianzen schmieden. Frauen sagen oft: «Das ist mir zuwider.»

Liegt das allein an den Hormonen?

Bräm: Ein Grund hat bestimmt mit unserer Sozialisierung zu tun. Kleine Mädchen werden auf den Schoss genommen und getröstet, wenn sie sich das Knie aufschlagen. Bei Knaben sagt man: «Beiss die Zähne zusammen.»

Was müsste sich ändern?

Bräm: Es wäre nicht schlecht, wenn Eltern ihre Töchter nicht so in Watte packen würden. Es geht dabei nicht nur darum, das «Kämpfen» zu lernen, sondern auch darum, im richtigen Moment mal die Ellbogen zu benützen.

Sollten sich die Frauen auch selbst an der Nase nehmen?

Bräm: Man muss den Frauen auch hin und wieder den Spiegel vorhalten: Das Ausbremsen in der Karriere würde ich in vielen Fällen nicht allein an der Frauenfrage aufhängen. Es betrifft Männer genauso. Es gibt immer nur ein paar wenige, die es ganz nach oben schaffen. Und auch die ecken immer wieder an ? egal welches Geschlecht sie haben.

Was raten Sie den Frauen?

Bräm: Jemand, der Karriere machen will, muss Widerstände aushalten können. Erst wenn Frauen vermehrt im Top-Management vertreten sind, können sie Strukturen und Rahmenbedingungen ändern. Frauen müssen auch mehr auf sich aufmerksam machen und sagen, was sie wollen. Sie müssen sich ein Netzwerk aufbauen und sich bewusst sein, dass Headhunter sie erst kennen müssen, bevor sie angesprochen werden können. Ich denke dabei beispielsweise auch an Meldungen bei Stellenwechseln in Wirtschaftszeitungen etc., da trifft man meistens nur auf Meldungen über Männer.