Wer «Expat» hört, denkt in der Regel an Horizonterweiterung, kulturelle Erlebnisse, fremdländische Kollegen und Arbeitsplätze an Orten, wo andere Ferien machen. Sicherheitsberater dagegen denken an Überfall, Kidnapping, Raub und Sabotage. Der selbstständige Sicherheitsausbilder Jürg Steiner kann die Liste der ganz alltäglichen Gefahren für Leib und Leben, die im Ausland drohen, beliebig verlängern: Erdbeben, Chemieunfälle, Carjacking, Erpressung ? sogar «banale» Verkehrsunfälle können sich in einer unvertrauten Umgebung zur Katastrophe entwickeln.

«Unternehmen, die mit risikoreichen Ländern wie dem Irak oder Simbabwe Geschäfte machen wollen, wissen in der Regel, was sie erwartet», weiss Patrick Djizmedjian, Pressesprecher der Beratungsorganisation Osec. In gewissen Branchen gehört das Thema Security ohnehin untrennbar zum Tagesgeschäft. Grossbanken wie UBS und Credit Suisse etwa schulen ihre reisenden Mitarbeitenden und Expats ganz grundsätzlich und umfassend ? je nach Funktion, Destination und Bedarf. «In einzelnen Ländern geht es vorwiegend um Sicherheit, in anderen sind gesundheitliche Aspekte wichtiger», präzisiert UBS-Pressesprecher Andreas Kern.

Richtlinien ständig anpassen

Beim ABB-Konzern, für den permanent Mitarbeitende rund um den Globus im Einsatz sind, beobachtet eine eigens dafür eingerichtete, mehrere Personen umfassende Abteilung die Weltlage ständig. Die Situation in kritischen Ländern wird dabei in klar definierte Sicherheitslevels eingestuft. «Travel Security» sei ausserdem zuständig für das Sicherheitsdispositiv des Konzerns und erstelle Sicherheits- und Verhaltensrichtlinien, die die einzelnen Ländergesellschaften zu befolgen hätten, erklärt Lukas Inderfurth, Pressesprecher von ABB Schweiz.

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Diese werden ständig aktualisiert ? wie beispielsweise nach dem Zwischenfall in Libyen, bei dem im Juli zwei Schweizer festgehalten wurden, einer davon ein ABB-Mitarbeiter. Auf der Homepage des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, wo sich neben allgemeinen Reiseinformationen auch spezifische Hinweise zu einzelnen Reisezielen finden, heisst es heute denn auch unmissverständlich: «Bis zur Klärung der Lage wird von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Libyen abgeraten.»

Die Versicherungsbranche bietet Auslandreisenden oder Expats ? respektive deren Arbeitgebern ?vor allem Produkte im Vorsorgebereich (Alter, Tod, Invalidität) an. Wenn im Angestelltenverhältnis Landesgrenzen überschritten werden, können diese schnell eine beachtliche, den Laien überfordernde Komplexität bewirken. Für «country hoppers», Berufstätige, die nur für kurze Zeit in einem bestimmten Land verweilen, bevor sie in ein nächstes weiterreisen, bieten die meisten grossen Versicherungen spezielle Lösungen an.

Die Nachfrage nach individuellen Vorsorgelösungen sei seit Jahren stabil, heisst es in der Branche, und sie entwickle sich parallel mit der Entwicklung einzelner Regionen wie Osteuropa oder Indien. Den Extremfall versichern spezialisierte Broker wie beispielsweise die Zürcher SRB Assekuranz Broker AG. Ihre «Kidnapping- und Ransom»-Versicherung deckt dabei nicht nur einen allfälligen Lösegeldbetrag ab, sondern garantiert auch dafür, dass im Notfall ausgewiesene Spezialisten zur Verfügung stehen, die eine entführte Person lokalisieren oder den Kontakt mit den Entführern herstellen.

Sorglosigkeit ? Killer Nummer 1

Jürg Steiner, der mit seinem Unternehmen Swiss Marshal sowohl Privatpersonen mit ihren Kindern als auch Firmen in Sachen Sicherheit berät, setzt in seiner Arbeit auf die jeweils individuellen Kundenbedürfnisse und vor allem: Auf Praxis statt Theorie. «Je mehr praktische Erfahrung im Umgang mit überraschenden und schwierigen Situationen vorhanden ist, desto mehr Handlungsmuster und damit auch clevere und angemessene Verteidigungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung.»

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Gemeinsam mit seinen Kunden analysiert er zuerst, welche potenziell heiklen Situationen beim bevorstehenden Auslandaufenthalt überhaupt zu erwarten sind. Dann wird das jeweils richtige Verhalten besprochen und eingeübt. Dabei gehe es um mehr als nur rein technisches Wissen oder das Abhaken von Checklisten. Am Beispiel des bewaffneten Raubüberfalls erklärt Steiner: «Um ein Sicherheitsverständnis zu entwickeln, müssen Sie sich in die Rolle des Angreifers hineindenken und seine Reaktionen antizipieren können.» In seinen Trainings mache er unter anderem auch erfahrbar, welchem physischen und psychischen Stress Opfer und Täter während und nach einem Überfall ausgesetzt seien.

Als Crash-Kurs für Auslandreisende empfiehlt sich die (englische) Broschüre «Staying alive». Sie wird vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz im Download angeboten. Zwar richtet sie sich an Freiwillige von Non-Profit-Organisationen, die in Kriegsgebieten Einsätze leisten, doch vieles von dem, was darin erklärt und empfohlen wird, dürfte sich auch für «normale» Reisende als nützlich erweisen.

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Im Wissen, dass die persönliche Sicherheit primär vom eigenen Verhalten abhängt, wird dort am Schluss denn auch nicht «viel Glück» gewünscht, sondern: «Take care» ? Pass auf dich auf!

NACHGEFRAGT
Peter Houppermans, Inhaber IT-Sicherheitsfirma Houppermans GmbH, Erfinder des «Electronic Bodyguards»

Gibt es Sicherheit im Zusammenhang mit IT überhaupt?

Peter Houppermans: Es ist technisch durchaus möglich, um eine Person herum eine Art Fort Knox aufzubauen ? allerdings zum Preis der Lebensqualität. Uns ist es wichtig, die Menschen sicherer zu machen, ohne ihr Leben unnötig zu komplizieren. Dabei gehen wir immer vom Worst Case aus. Wer auf das Schlimmste vorbereitet ist, kann sozusagen rückwärts arbeiten und sich Schritt für Schritt absichern.

Wo liegen die grössten Gefahren im Bereich der IT?

Houppermans: Nur selten dort, wo man sie vermutet. Bei einer Reise in ein instabiles Regime ist das Risiko für jedermann offensichtlich. Weniger offensichtlich ist es bei einer Reise in die USA. Ein Laptop kann dort von den Grenzbeamten nicht nur untersucht, sondern auch beschlagnahmt werden ? völlig legal. Was mit dem Gerät gemacht wurde, wenn es nach zwei Wochen retourniert wird, weiss niemand. Daher mein grundsätzlicher Rat: Wer reist, lässt wertvolle Informationen zu Hause.

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Wie ist es mit anderen Geräten?

Houppermans: Dass mobile Telefone meist nicht sehr sicher sind, gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen. Manche von ihnen können ? ohne dass der Benutzer es merkt ? wie ein Abhörgerät eingesetzt werden. Die wahre Katastrophe aber ist ihr Verlust. Wer ein Blackberry verliert, auf dem die Kundendaten der letzten drei Jahre gespeichert sind, ist in einer wirklich peinlichen Situation ? auch seinem Kunden gegenüber. Für alles Elektronische lautet mein Rat: So wenig Information wie möglich darauf abspeichern.

Die Beschäftigung mit Sicherheit weckt oft ein Gefühl von Paranoia. Wie gehen Sie damit um?

Houppermans: Das ist Berufsrisiko. Wer keinen Sinn für Humor hat, sollte diesen Job nicht tun. Einer der Vorteile ist, dass man immer beide Seiten eines Arguments in Betracht ziehen und häufig Perspektivenwechsel vornehmen muss. Ein grosser Teil unserer Arbeit dreht sich ja darum, zu überlegen, was ein Angreifer tun würde. Das ist eine geistig anspruchsvolle und befriedigende Arbeit.

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