Die Mitarbeiter einer Werbeagentur brüten seit Stunden über einem Problem. Morgen soll ein Konzept präsentiert werden. Dann platzt der Chef in die Runde: Ob sie vielleicht eine Plakatidee für einen Neukunden hätten? Die wolle er am nächsten Morgen gerne vorstellen. Die Mitarbeiter legen ihre Arbeit beiseite, krempeln die Ärmel hoch und entwerfen eine Reihe von Plakaten. Am nächsten Morgen legen sie drei konkrete Vorschläge vor. Verwundert kratzt sich der Chef am Kopf. Ein erster kreativer Gedanke hätte ihm für das erste Kundengespräch eigentlich gereicht, sagt er. Frust bei den Mitarbeitern.

Kommunikation geht baden

Hauptstressfaktoren am Arbeitsplatz sind Zeit- und Termindruck. Wenn der Druck gerade besonders gross ist, geht die Kommunikation gerne mal baden. «Missverständnisse wie diese kommen immer vor, wenn Menschen zusammen arbeiten», sagt Wolf Dietrich Gross, Kommunikationsberater, Trainer und Coach. Ob in der Verkaufabteilung eines grossen Unternehmens, in einer Medienagentur oder im Spital: Wer aufmerksam auf andere zugehen kann, arbeitet besser, effektiver und stressfreier.

«Aufmerksamkeit kann man üben», sagt Gross und hat mit seinem Partner, dem Gestalttherapeuten Werner Arnet, auch gleich ein Seminarkonzept erarbeitet: Sinne schärfen. «Ziel ist es, sich zu sensibilisieren und sein Gegenüber anders wahrzunehmen.» Zu Beginn steht die Frage: Wie reagieren wir auf Stress? Und: Wie wach sind unsere Sinne dann noch?

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Zwölf Menschen zwischen 26 und 60 Jahren wollen es wissen. Im Schnupperkurs sitzen Freiberufler und Führungskräfte. Die Teilnehmer arbeiten in unterschiedlichen Branchen - doch Stress kennen sie alle, verursacht durch ein Zuviel an Arbeit, Ängste oder scheinbar unlösbare Probleme.

«Der Mensch lässt sich von einem Mangeldenken leiten», sagt Gross. Ich schaff das nicht, habe keine Zeit, beim letzten Mal ging ich baden - wer immer wieder negativ denkt, gerät tatsächlich unter Druck. Stress und Angst erschweren die Wahrnehmung. Doch wie schafft man es, die Ängste beiseite zu schieben? «Nur wer präsent ist, nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Energien», sagt Gross und leitet über zur ersten Übung.

Das Gluckern der Heizung hören

Wer bereits andere Kommunikationsseminare besucht hat, kennt die Vier-Ohren-Theorie des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun. Gemeint sind vier Wahrnehmungsebenen, die innerhalb einer Kommunikation angesprochen werden: Worum geht es eigentlich in einem Gespräch? Was will der andere von mir? Wie stehe ich in den Augen des anderen da und wie mag der sich fühlen? Kommunikation transportiert nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen.

Ganzheitliche Wahrnehmung und Selbstreflexion. Einige Teilnehmer sind zunächst irritiert. Der Titel klingt in ihren Ohren irgendwie esoterisch. Doch die Übungen sind recht konkret: Was höre ich, wenn niemand etwas sagt? Stille. Das Gluckern der Heizung. Kann ich mich selber hören? Die Übungen drehen sich ums Hören, Sehen, Fühlen. Wie klingt die Stimme von X, wenn er auf die Frage von Y antwortet? Ruhig und tief oder eher flatternd und aufgeregt?

Körpersprache verstehen, zwischen den Zeilen lesen und die psychische Verfassung des Gegenübers erahnen - all dies verschafft Verhandlungsvorteile. «Auch bei der Kommunikation innerhalb eines Unternehmens schlummert eine Menge Potenzial», sagt Gross. In seinem Pädagogischen Institut für emotionale Kompetenz möchte Co-Trainer Werner Arnet berufstätigen Menschen «zeigen, wo sie noch wachsen können». Auch Gross sagt: «Allmählich wächst die Erkenntnis, dass die Qualität der Zusammenarbeit auch davon abhängt, wie wir miteinander umgehen.» Die technischen Voraussetzungen mögen in vielen Unternehmen sehr ähnlich sein. «Doch im Zwischenmenschlichen unterscheiden sich die Unternehmen voneinander.» Gross und Arnet haben den Workshop als Inhouse-Seminar für Teambildung konzipiert. Nähe schaffen, Vertrauen stärken und Präsenz üben - das ist das Ziel.

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Für ein Teamprojekt mögen die Teilnehmer nun gewappnet sein. Aber was ist in zwei Monaten? Alte Gewohnheiten sind bis dahin längst zurückgekehrt. Der Chef nervt aufs Neue mit zusätzlichen Aufgaben. Doch wenn wieder einmal die Zeit knapp ist, erinnern sie sich bestimmt an den einen oder anderen Tipp. Zum Beispiel an den folgenden: «Den Augenblick wahrnehmen, das können wir überall üben: In der Bahn oder bei einem Spaziergang im Park.» Also, Augen und Ohren auf - und tief durchatmen.