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Wie Apple die eigenen Mitarbeiter drangsaliert

Apple: Beim Grosskonzern geht es nicht allen Mitarbeitern gut. Keystone

Die Österreicherin Daniela Kickl arbeitete drei Jahre bei Apple in Irland. Der vermeintliche Traumjob entpuppte sich rasch als Albtraum. Nun hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen vorgelegt.

Von Gabriel Knupfer
am 17.03.2017

Mit grossen Erwartungen nahm die Wiener Informatikerin Daniela Kickl 2014 einen Job in der Apple-Europa-Zentrale in Irland an. Doch hinter der glänzenden Fassade taten sich Abgründe auf. Die Hoffnungen auf eine erfüllende Arbeit und Entwicklungsmöglichkeiten im Konzern zerschlugen sich schnell.

Statt der von Apple gepredigten Firmenkultur der Innovation und Kreativität traf Kickl auf ein Klima der Überwachung und Angst. Dennoch blieb sie drei Jahre im irischen Cork, zunächst in der Abteilung «Technical Support» und später in der Abteilung «Customer Support». Nun hat sie ihre Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben.

Arbeiten in der «chicken factory»

In «Apple intern» schildert Kickl auf 288 Seiten ihre Zeit bei Apple, von der Vorfreude über die ersten Enttäuschungen bis hin zum Beinahezusammenbruch, Wechsel der Abteilung und ins Homeoffice. Sie berichtet von der um sich greifenden Frustration bei sich und den Kollegen in der «chicken factory», wie der Arbeitsraum der so genannten Advisors intern bezeichnet wird.

Der Druck auf die Angestellten ist enorm. Die Klozeit der Berater dürfe unter keinen Umständen mehr als 8 Minuten am Tag betragen. «Apple überwacht nicht nur unsere Pausen, sondern auch unsere Toilettenzeiten sekundengenau, was auf dem Weg dorthin kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt erlaubt.»

«Business needs» und «common sense»

Unter ständiger Beobachtung der Manager haben die Berater wie Rädchen in einer Maschine zu funktionieren, schreibt Kickl. Eigeninitiative sei nicht gefragt und Kreativität ebenso wenig. Was zähle, seien Zahlen. Das gehe so weit, dass die Teams immer wieder neu gemischt und platziert würden, um bleibende Freundschaften zu unterbinden.

«Wir sollen keine Freundschaften mit unseren Nachbarn schliessen. (...) So etwas lenkt nur von der Arbeit ab, und wer von der Arbeit abgelenkt ist, verursacht schlechtere Zahlen.» Entscheide, welche die Mitarbeitenden direkt betreffen, werden nicht begründet, sondern mit dem Verweis auf «business needs» oder «common sense» durchgesetzt.

Lohnausfall bei zu vielen Absenzen

Arbeitsausfälle und Verspätungen werden von Apple grundsätzlich als «incidents» («Vorfälle») gewertet. Dabei ist es egal, ob der Nicht-Arbeitsantritt selbstverschuldet ist oder aufgrund von Krankheit oder Unfall passiert. «Die Konsequenzen zu vieler incidents sind mannigfaltig. Sie reichen von einem persönlichen Gespräch mit dem Area-Manager, also dem Manager der Team-Manager, über eine Verlängerung der Probezeit, was eine bessere Gehaltseinstufung verhindert, bis zur Kündigung.»

Ab einer gewissen Anzahl von Vorfällen werde während der Abwesenheit kein Lohn mehr bezahlt. «Deshalb schleppen sich viele Apple-Advisors auch in einem mehr als fragwürdigen Gesundheitszustand ans Telefon, gemieden von anderen Kollegen, die noch mehr als die Ansteckung selbst die damit einhergehenden incidents fürchten.»

Schlecht für Apple

Kickl selbst hat die Ohnmacht in ihrem Buch verarbeitet. Zuvor wandte sie sich vergebens mit Verbesserungsvorschlägen an die Apple-Führung inklusive CEO Tim Cook. Andere Kollegen griffen zur Flasche oder erlitten ein Burnout. Einzelne verschwanden plötzlich von der Arbeit, bis sich herausstellte, dass sie sich das Leben genommen hatten.

Sie habe ihr Buch in der Hoffnung geschrieben, die Welt etwas besser zu machen, schreibt Kickl im Vorwort. Die Missstände, welche die Mitarbeiter unglücklich machen und demotivieren, hätten auch negative Auswirkungen auf die Kunden und die Firma, sagt sie gegenüber der «Handelszeitung». Vielleicht werde Tim Cook auf das Buch aufmerksam und setze sich nun mit ihr in Verbindung.

«Falsch bleibt falsch»

Rückblickend wäre sie wahrscheinlich nicht zu Apple gegangen, wenn sie im Detail gewusst hätte, wie es tatsächlich ist, sagt Kickl heute. Dass es in anderen US-Unternehmen, IT-Firmen, aber auch in weiteren Branchen und Ländern ähnlich zugehe, sei kein Grund, nichts dagegen zu unternehmen. «So, wie es läuft, ist es falsch, und falsch bleibt falsch, auch wenn es zum Standard und zum System geworden ist.»

Den ganz grossen Skandal findet man als Leser in «Apple intern» nicht. Dennoch liefert das Buch einen guten Einblick ins Innenleben einer der grössten und schillerndsten Firmen der Welt.

«Apple intern»

edition a / 288 Seiten / 31,90 Franken

 

 

 

 

 

 

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