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Wie Schweizer Firmen von Snapchat profitieren

 

Der Messaging-Dienst ist inzwischen fast so populär wie Facebook. Firmen wie IWC oder Swiss haben ihren eigenen Account. Aber was bringt ihnen der Snapchat-Auftritt?

Von Stefan Mair und Tim Höfinghoff
am 29.06.2016

Snapchat hat sich zu einem kulturellen Phänomen entwickelt, von dem es fast schon schick ist, zu behaupten, dass man es nicht versteht:  zu kompliziert die Anwendung, zu kurzlebig, die Videos, die sich nach kurzer Zeit selbst vernichten. Das alles sei eher was für Teenager. Also können Firmen Snapchat  vernachlässigen? Die rasant wachsenden Nutzerzahlen der App geben eine deutliche Antwort: Mehr als 100 Millionen  tägliche Nutzer laden pro Sekunde 9000 Snaps, also Kurzvideos und Bilder auf dem Netzwerk hoch.

In der Schweiz sind laut einer Nutzerstudie aus dem Jahr 2015 knapp 60 Prozent der 14- bis 19-jährigen auf Snapchat aktiv. Tendenz steigend. Facebook gilt bei diesen Jüngeren inzwischen als Plattform von gestern, auf der sich vor allem ihre Eltern und Grosseltern austoben. Das Konzept hinter der Snapchat: Jeder Nutzer der App erstellt aus den vielen Videoschnipseln seine persönliche «Story», die von anderen Nutzern angeschaut wirden.  Spontan und ungeschönt erhalten Zuschauer Einblicke in unzählige Accounts.

IWC als Vorreiter-Marke

Doch was bringt eine Präsenz bei Snapchat den Firmen, wie IWC und Coca Cola Schweiz, die bereits ein Snapchat-Profil haben?  «Ganz einfach: Nähe zum Kunden», sagt Manuel Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der HWZ Hochschule für Wirtschaft in Zürich: «Die Möglichkeit, Nachrichten mit Emojis und personalisierten Notizen, Verzierungen und Filtern anzureichern ermöglicht einen emotionalen und direkten Zugang zur eigenen Zielgruppe.» Die Atmosphäre auf Snapchat sei locker und entspannt, die User wollten unterhalten werden, so Nappo.

Wenn eine Firma ihre lockere Unternehmenskultur präsentieren will, eigne sich Snapchat dafür hervorragend. So können Vorgesetzte oder Mitarbeiter live aus Teammettings, Events oder Firmenausflügen snappen und damit potenziellen Bewerbern oder auch Kunden, einen ungefilterten Einblick in die Unternehmenskultur geben. Bisher nutzen Schweizer Firmen die App vor allem dazu, für Sonderaktionen oder Neueröffnungen von Shops zu werben. So machte es die Modekette H&M bei der Eröffnung eines neuen Flagship Stores in Genf.

Schweizer hinken hinterher

Die Luxusuhrenmarke IWC will auf ihrem Kanal eine jüngere Zielgruppe für die Marke begeistern. Das machen die Marketingverantwortlichen von IWC dadurch, dass sie über Snapchat Einblick in verschiedene Events von IWC bieten, zu denen die meist minderjährigen Snapchat-Nutzer eher keinen Zugang haben. «Die Schweizer Unternehmen hinken beim Thema Snapchat, wie so oft, leider noch etwas nach», sagt Digitalfachmann Nappo. «Im deutschsprachigen Raum finde ich vor allem die Autovermietung Sixt besonders spannd.» Wenn Nutzer die Inhalte des Accounts @SixtDE verfolgen, sehen sie Livevideos von einem Fotoshooting mit einem BMWi8 oder Einblicke in einen Testtag mit einem neuen Wagen.

Das klingt zwar nicht wahnsinnig innovativ. Der Social-Media Teamleiter von Sixt Matthias Stock sagt aber: «Wir sind damit auf grosse Resonanz gestossen, obwohl wir Snapchat bislang kaum promotet haben. Bereits am ersten Tag zählten wir mehr als 1.000 Views. Wir wurden während der Drehpause sogar von Passanten angesprochen, der SixtDE auf Snaphat folgt.»

Bloss nicht langweilen

1000 Views für eine Marketingkampagne klingt erst nach einer überschaubaren Zahl, verglichen mit hohen Reichweiten, die andere Marketingaktionen erreichen. Social-Media-Experten argumentieren aber, dass es einen grossen Unterschied gebe, der Snapchat von anderen Kanälen unterscheide. Die Nutzer seien bei Snapchat viel aufmerksamer, während etwa bei Facebook, nur schnell über den Feed gescrollt wird - und zwar an zahlreichen Inhalten einfach vorbei. Weil es auf Snapchat keinen Feed , also eine Oberfläche wie bei Facebook gibt, sei die Aufmerksamkeit des Nutzers fokussierter, zudem würden die Videos bei Snapchat stets bildschirmfüllend betrachtet.

Durch diesen starken Aufmerksamkeitsfokus sind Firmen aber besonders herausgefordert. Mit langweiligen oder irrelevanten Inhalten die Nutzer langweilen, das kann sich auf Snapchat schneller schädlich auswirken, als auf anderen Plattformen. Ist Snapchat daher nur eine Plattform für Marketingprofis, die sich keinerlei Fehler erlauben? «Wenn der Chef die Zeit findet, zu snapchatten, umso besser,» erklärt Manuel Nappo.

Bilder aus allen Abteilungen

Besonders für Firmen sei ein passender Mix entscheidend für erfolgreiches Snapchatting: «Ob mal das Back-Office, der Empfang oder die Marketing-Abteilung postet - alle mit kreativen Ideen sind willkommen.» Snapchat sei so einfach zu bedienen, dass es nicht unbedingt einen Social-Media Manager dazu brauche. Bei den Problemen, die vor allem manche ältere Nutzer (also im Fall von Snapchat - alle, die über 20 Jahre alt sind) mit der Nutzung der App haben, kann auf eine kurze Schulung aber wohl nicht verzichtet werden. Ein Punkt, der ebenfalls für Snapchat spricht: Inhalte vernichten sich nach kurzer Zeit, spätestens nach 24 Stunden von selbst.

Gefeit vor Hackerattacken oder Datenschutzproblemen ist der Dienst aber nicht. 2013 erbeuteten Hacker Millionen von Userdaten bei Snapchat. 2014 wurden Hunderttausende Bilder der Snapchat-Nutzer gestohlen. Und nicht zu vergessen: Auch Snapchat selbst behält sich das Recht vor,  «jederzeit auf beliebigen Gründen auf Inhalte zugreifen, diese einzusehen und zu löschen.» In Sachen Datensammelwut steht Snapchat seinen Social-Media-Vorgängern also in nichts nach.

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