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«Wir müssen unsere Sensoren schärfen»

Hermini Ibarra: «Wir müssen unsere Sensoren schärfen.» Worldwebforum

Mehr denn je müssen Manager heute über den Tellerrand blicken, fordert die renommierte Insead-Professorin Herminia Ibarra. Was angesichts von Digitalisierung und politischem Populismus zu tun ist.

Von Caroline Freigang
am 24.01.2017

Frau Ibarra, in Ihrem Buch «Act like a leader, Think like a Leader» sprechen Sie von Authentizität von Führungskräften. Wie wichtig ist diese im Zeitalter der digitalen Transformation?
Herminia Ibarra*: Eines der grössten Probleme von Unternehmen ist, Nicht-Digital-Natives dazu zu kriegen, neue Arbeitsweisen zu adaptieren. Die ältere Generation macht dabei oft nicht mit, weil sie Wege um neue Arbeitsformen herum gefunden und damit Erfolg hat. Viele Führungskräfte fühlen sich in ihrer jetzigen Arbeitsweise wohl, sehen darin ihre Identität. Veränderung gibt Ihnen das Gefühl, nicht authentisch zu sein. Viele meiner Executive-Studenten sehen beispielsweise keinen Sinn darin, sich mit Social Media auseinanderzusetzen. Für sie ist es etwas, womit junge Menschen ihre Zeit verschwenden, und sie können sich nicht damit identifizieren.
 
Wie kann sich das ändern?
Sie müssen sich in einem Umfeld bewegen, das ihnen erlaubt, experimenteller zu werden. Zusammenarbeit wird im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Manager, die in einem stark hierarchischen Umfeld gewachsen sind, wissen oft nicht, wie das geht. Ihnen fehlt das Netzwerk über das hinaus, was sie tun. Wenn sie anfangen zu kollaborieren, wirkt es zunächst unecht, es ist für sie nicht instinktiv. Sie müssen sich solche Verhaltensweisen also erst aneignen.
 
Wie können Sie das tun?
Indem sie neue Führungsstile zunächst ausserhalb ihres Jobprofils üben. Das könnte im Board einer Nonprofitorganisation sein oder sogar in einem Projekt innerhalb der Firma, welches ausserhalb ihres Spezialgebiets liegt. So schaffen sie sich einen Kontext für neue Verhaltensweisen. Dies erlaubt Kreativität. In neuen Konstellationen erwarten Menschen nicht, dass sie sich wie bisher verhalten. Zudem kommen verschiedenste Hintergründe zusammen, wodurch Gedankenvielfalt entsteht.
 
Wir leben nicht nur in Zeiten der digitalen Transformation, sondern mit Brexit und Trump auch in einer Zeit der politischen Disruption. Was ist da wichtig für Führungskräfte?
Unsere Netzwerke sind insular, wir sprechen nur mit Menschen, die dasselbe wie wir tun, dieselbe Presse lesen und unsere Meinung teilen. Das ist nicht nur in der Politik gefährlich, sondern auch in Organisationen. So wurden wir von Brexit und Trump überrascht. Wir müssen unsere Sensoren dafür schärfen, was in der Welt um uns herum passiert und unsere Netzwerke ausweiten.
 
Welchen Rat geben Sie ihren Studenten?

Es geht nicht um spezifische Fähigkeiten, sondern darum, den Blick nach aussen zu schärfen. Man muss permanent nach neuen Erfahrungen und Beziehungen suchen: So kann die Perspektive erweitert und der Blick dafür geschärft werden, was wichtig ist und welche Rolle man in einer Organisation einnehmen sollte.

* Die Kubanerin Herminia Ibarra ist Ökonomin und unterrichtete 13 Jahre an der Elite-Uni Harvard. Heute ist sie Professorin am Insead. Sie wurde als eine der weltweit 50 einflussreichsten Denker im Bereich Management ausgezeichnet.

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