Der Besuch beginnt mit einem völlig unerwarteten Auftritt. Christian Fischbacher kramt einen Sack mit Tierfutter hervor und bittet auf das Firmengelände, wo in einem malerischen Teich die Maskottchen des Hauses leben: Wunderschöne japanische Kois. Sie scheinen ihn zu kennen. Kaum taucht er auf, drängeln sie sich an das Ufer. «Die goldfarbenen bedeuten in Japan Glück und Reichtum, die bunten sind ein Symbol für Kreativität. Ich schaue im eigenen Interesse, dass es ihnen bei uns gut geht», sagt er lachend und wirft eine Hand voll Futter ins Wasser.

Auf dem Rückweg in den Firmensitz beschäftigt einen weniger die Lebensdauer dieser Fische als die Frage: Wie ist es möglich, sich über Jahrhunderte hinweg in einer Branche zu behaupten, welche per se für Wandelbarkeit steht? Kollektionen aus dem Haus Fischbacher sind seit eh und je tonangebend, wenn es um Heimtextilien geht. Das Gespräch mit Christian Fischbacher und seinem 38-jährigen Sohn und neuen CEO Michael lässt erahnen, wie in diesem Unternehmen das Feu sacré mit jeder Generation neu entfacht und innere Kräfte entwickelt wurden.

Fest für die Sinne

Beim Eintritt in den licht-durchfluteten Showroom, wo die neuesten Kollektionen präsentiert werden, leuchten sogar die Augen des Fotografen auf. «Das ist ein Fest für die Sinne», sagt er. Vorhangstoffe in allen Farben und Mustern, nicht zu reden von der Bettwäsche mit Blumen, Schmetterlingen, Fabelwesen oder geometrischen Mustern. Sie lassen den Wunsch aufkommen, sich neu einzurichten.

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Die Kreationen sind Antworten auf neue Lebensstile. Sie widerspiegeln zwar den Pluralismus einer individualisierten Gesellschaft und wirken trotzdem nicht wie ein Sammelsurium von Angeboten. «Wer in diesem Bereich tätig ist, muss viele Antennen haben», sagt Christian Fischbacher, der sich auf das VR-Präsidium zurückgezogen hat.

Und diese Antennen sind es, die den Produkten des Hauses ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben. Man müsse gut zuhören, beobachten und den Ideen der Mitarbeitenden freien Lauf lassen, sagt er. Das gilt auch seinem Sohn gegenüber. Fischbacher Senior bevorzugt lange Leinen. «Das hat schon mein Vater so gehalten. Als mein Sohn Interesse zeigte, in meine Fussstapfen zu treten, habe ich ihn zuerst einmal in die Wüste geschickt.» Und wo war diese Wüste? «In Japan, wo es mir so gut gefiel, dass ich am liebsten nie wieder in die Schweiz zurückgekehrt wäre» sagt Michael Fischbacher. «Er leitete die Ländergesellschaft Fisba Japan sehr gut. Dann fragte er mich eines Tages – ganz en passant – ‹Wann willst Du eigentlich zurücktreten?› Das war aus seiner Sicht verständlich, schliesslich musste er seine Zukunft planen. Ich war damals 62, voll im Saft und sagte spontan: ‹Wenn ich 70 bin.› Jetzt ist es soweit und ich halte Wort.»

Hat Michael nun einfach Platz auf dem Beifahrersitz genommen? «Ich kann mich nicht beklagen. Wir arbeiten ja schon seit so vielen Jahren zusammen, sodass ich weiss, wie viel ihm daran liegt, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Zudem bin ich dankbar, von seinen reichen Erfahrungen zu profitieren.»

Christian Fischbacher beging nicht den Fehler, seinen Sohn in die Passform des Nachfolgers zu pressen. Er durfte seine eigenen Vorlieben ohne Wenn und Aber ausleben. Allerdings haben die Eltern schon gestaunt, als er sich bereits mit 14 Jahren ohne Vorwarnung in einen Chinesisch-Kurs einschrieb und beschloss, Sinologie zu studieren. Das war zu jener Zeit noch nicht so en vogue und es sah auch nicht so aus, als ob Michael so rasch ins Geschäft eintreten werde. Aber der Freiraum, der ihm zugestanden wurde, hat sich gelohnt. Er fasste von sich aus den Entschluss, ins elterliche Geschäft einzutreten und seine eigenen Erfahrungen in der «Fremde» einzubringen. Auch sein Vater hat seinerzeit ein Stück Freiraum genutzt, allerdings als Fallschirmspringer, hoch über den Wolken.

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Passion für Qualität

Michael und Christian Fischbacher jun. verbindet das Flair für geschmackvolle Interieurs und für Dinge, auf die der Mensch zur Not auch verzichten könnte. «Klar lässt sich auch mit einem weniger geschmackvollen Vorhang oder mit einer weniger gestylten Bettwäsche leben, aber die Zahl derer, die Wert auf gepflegtes Wohnen legen, steigt, nicht zuletzt auch deshalb, weil immer mehr Menschen einen guten Teil der Freizeit am liebsten in ihren vier Wänden verbringen», sagt Christian Fischbacher.

Teure Inneneinrichtungen haben heute den Charakter von Statussymbolen. Das haben er und seine Vorfahren längst erkannt. Aber es braucht auch eine von Trends unabhängige Passion für Qualität.

Als wichtige Inspirationsquellen dienen ausgedehnte Reisen zu Kunden auf der ganzen Welt oder in neue Marktfelder. Hier sammeln beide wichtige Erfahrungen. Dazu gehören nicht nur Beobachtungen über Perzeptionen der gestalteten Lebenswelt in anderen Kulturen, sondern auch das interessante Gebiet der nationalen und regionalen Vorlieben. Darüber könnte man sich stundenlang mit ihnen unterhalten. Wie lässt sich erklären, dass in Norddeutschland schwerere Dekorstoffe bevorzugt werden, während in Süddeutschland vor allem transparente Vorhänge zur Anwendung kommen? Die Farbenwelt der Franzosen ist wiederum ganz anders als diejenige der Engländer oder der Italiener. Ein unterschiedliches Klima kann diese Differenzen nur teilweise erklären.

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Anders bei der Bettwäsche. Dass sie nicht wohlfeil ist, weiss jeder, der je damit geliebäugelt hat, sich auf Fischbacher’schen Rosen zu betten. Aber diese Bezüge verkaufen sich an der Zürcher Bahnhofstrasse genauso gut wie in New York, Kapstadt, London oder Tokio und Hamburg.

Es sind die bereits angesprochenen Kaufkraftklassen, die – um mit dem L’Oréal-Slogan zu sprechen – es sich wert sind. Hinzu kommen immer mehr junge, gut verdienende Singles und neue Oberschichten in aufstrebenden Ländern.

Seit 1819 im Geschäft

Was im Gespräch mit Vater und Sohn auffällt, ist, dass jeder den anderen ausreden lässt. Nie fallen sie sich ins Wort und ermuntern sich zuweilen sogar gegenseitig, Erfolge, die auf die Kappe des anderen gehen, doch selber zu schildern. Wahrscheinlich liegt hier eines der Geheimnisse dieses harmonischen Übergangs von der fünften zur sechsten Generation: Nicht nur Mitarbeitern und Kunden, Kreateuren und Konkurrenten zuhören, sondern auch den eigenen Familienmitgliedern.

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Könnte es sein, dass die Hingabe zur Kreativität, verbunden mit einer Geschäftstüchtigkeit, in den Genen gespeichert ist? Ein Blick in die Ahnengeschichte ist aufschlussreich. Firmengründer Christian Fischbacher hat 1819 als 16-Jähriger damit begonnen, die umliegenden Bauern mit dem Weben von Tüchern für den Hausgebrauch zu beschäftigen. Die Ware brachte er von St. Peterzell im Handwagen nach St.Gallen. Die Produkte waren offenbar so kreativ und dem Geschmack der Zeit angepasst, dass er sich schon bald in St.Gallen niederlassen und sein Geschäft ausdehnen konnte.

Wie würde er wohl reagieren, wenn ihm erzählt würde, dass das Haus Fischbacher heute nicht nur im Premium-Segment mitspielt, sondern auch noch Gütesiegel wie etwa das Swiss Guarantee VBS besitzt, ein Versprechen für tier- und umweltschutzgerechte Naturprodukte und Transparenz punkto Hygiene und Herkunft?

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«Er würde das bestimmt gut finden», sagen seine Nachfahren, «schliesslich war er immer seiner Zeit voraus.»