Nur einmal, für eine Zuglänge lang, ging André Blattmanns Bubentraum in Erfüllung: Bahnhofsvorstand von Wollerau zu sein. Zu seinem Abschied lotste ihn das Feldarmeekorps 4 in Zürich im Jahr 2003 an seinen ersten Wohnort, Wollerau, wo er in die Uniform eines Bahnhofvorstands schlüpfen und den einfahrenden Zug abfertigen durfte. Welch erhebendes Gefühl!

Statt Züge durchzuwinken, befehligt der Korpskommandant seit dem 1. März dieses Jahres die Schweizer Armee. Diese besteht zurzeit aus 236000 Mann, dazu ein paar Frauen: 135000 Aktive, 77000 Reservisten und 24000 Rekruten. In Zukunft werden es immer weniger sein, denn Armeeminister Ueli Maurer vollzieht den vom Bundesrat beschlossenen Abbau in der Armee und im VBS konsequent.

Chef muss Menschen mögen

Der Abbau steht in einem gewissen Widerspruch zur Haltung, welche der 53-jährige Armeechef konsequent verkündet und verkörpert: «Wenn man Chef sein will, muss man Menschen mögen und Vertrauen in sie legen! Nur harmonierende Einheiten erreichen ihre Ziele!», hat Blattmann im Lauf seiner Militärkarriere erfahren. «Die Sozialkompetenz steht deshalb für mich über der Führungs- und Fachkompetenz.» Blattmann betont aber auch: «In der Sache gilt es, hart zu sein, klare Forderungen zu stellen - und dabei einen vernünftigen Umgang und Ton zu pflegen.» In der Miliz sei dies möglich, weil es sich die Angehörigen der Armee aus der Wirtschaft gewohnt seien.

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Er sei kein Gutmensch, relativiert der Enkel eines Gefreiten mit Aktivdiensterfahrung die Schlagzeilen zu seiner Beförderung vom Stellvertreter zum Chef auf Zeit und schliesslich zum obersten Chef der Armee: Kein einziger Flecken fand sich auf seiner Weste, als er definitiv gewählt wurde.

Als bescheidener Mensch und sanfter Reformator wurde er positioniert. «Es herrscht nicht lauter Freude um mich herum», korrigiert Blattmann den goldenen Glanz. «Auch wenn ich versuche, den Stellenabbau sozialverträglich zu gestalten. Denn es ist immer unbequem, wenn einer sich durchsetzt und klare Verhältnisse schafft.» Wichtig sei, dem Prinzip der militärischen Führung treu zu bleiben: «Ist ein Entschluss gefasst, wird er so umgesetzt.» Immerhin habe die Armee bis Ende 2011 viel Zeit, jedenfalls mehr Zeit als ein KMU, um den Stellenabbau zu realisieren.

Für den Erhalt der Freiheit

Welche weiteren Unterschiede und allfälligen Gemeinsamkeiten erkennt Betriebsökonom Blattmann zwischen Wirtschaft und Armee? «Ich habe ja von 2001 bis 2003 an der Universität Zürich ein MBA absolviert. Daher weiss ich genau, wie ein Management by Objectives funktioniert.»

Das Problem liege bei den fehlenden Kennzahlen: «Kann man den Aufwand pro Einheit vergleichen, den es braucht, um 100 gute Rekruten auszubilden? Eher nicht. Wie also soll die Armee ihre Qualität messen? Sie kann ja nicht ihren Gewinn in Zahlen beziffern. Und ein Quartalabschluss macht bei der Armee keinen Sinn!» Offenherzig bittet er um Tipps, wie der Erfolg der Armee zu erheben sei.

In den Augen von André Blattmann ist die Armee erfolgreich, solange in der Schweiz Sicherheit herrscht. Oder dann, wenn sie nach 160 oder mehr Jahren der Ruhe zum Einsatz käme: «Eine Armee muss Erfolg haben, wenn man sie braucht!» Solange Friede herrsche, seien alle Investitionen in die Armee langfristig und zielten auf den Erhalt der Freiheit ab.

«Daher ist jetzt die Ausbildung der wichtigste Bereich unserer Organisation», betont Blattmann. «Unser Interesse deckt sich zum Glück mit der Absicht der meisten Armeeangehörigen: Ein Soldat will sich nicht langweilen, sondern neue Fähigkeiten erlernen.»

Will die Wirtschaft von diesen Fähigkeiten und Tugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ausdauer profitieren? Nun wird der Armeechef deutlich: «Viele Unternehmen nutzen die Wirtschaftskrise dazu, ihre jungen Mitarbeitenden in die Rekrutenschule zu schicken, um Lohnkosten zu sparen.» Er sei zufrieden, wenn die Besten blieben, spielt Blattmann auf das Abverdienen an und findet, die Wirtschaft solle gleich denken: «Gibt es Wertvolleres als einen 20-Jährigen, der eine Gruppe von 20 bis 30 Rekruten erfolgreich zu führen weiss? Männer aus unserem Monopolbereich kann man später im Wirtschaftskader brauchen!»

Blattmann, der als ältestes von drei Kindern aus einfachsten Verhältnissen stammt, ist jedenfalls überzeugt, dass die Armee die beste praktische Führungsausbildung bietet.

Seine Hoffnung, die Privatwirtschaft wisse die Vorzüge militärischer Kaderausbildung wieder zu schätzen, bleibt im Raum stehen. Ein Raum im Bundeshaus Ost übrigens, der an Grosszügigkeit kaum zu überbieten ist: Am riesigen Holzpult voller Akten arbeiten, am steinernen Sitzungstisch diskutieren, in der ledernen Sitzgruppe ruhen oder sich im kleinen Kreis beraten und durch die grossen Fenster auf den Gurten hinaufschauen und den Weitblick geniessen - André Blattmann hat das prächtigere Büro erwischt als sein Chef Bundesrat Ueli Maurer.

Er nutzt es allerdings auch intensiv: Seine Agenda ist so eng getaktet, dass die Besucher einander die Klinke in die Hand geben. Der maximale Termin dauert 60 Minuten. Für einen Kaffee oder ein Glas Wasser mit den Gästen bleibt ihm, der in der Dorfbeiz von Hinwil aufwuchs, keine Zeit.

Bedeutung der sicheren Heimat

Der leise Verdacht, Gespräche mit der Öffentlichkeit seien André Blattmann lästig, erweisen sich als unbegründet: Locker und vif, ja gerade zu fröhlich und charmant nimmt der leidenschaftliche Biker und Walker jeden Themenball auf, den man ihm zuspielt und gibt sogar Privates preis: Dass er sich geehrt fühlte, in seiner Freiburger Wohngemeinde Lugnorre auf dem als Kraftort bekannten Mont Vully als erster Deutschschweizer in Französisch die 1.-August-Rede zu halten. Sein Wahlthema lag auf der Hand: «Bedeutung der Sicherheit und Heimat.» Er wolle der Bevölkerung das Thema Sicherheit näher bringen, erzählt Blattmann, «denn zurzeit bricht diesbezüglich das Fundament weg».

Nach seinem inneren Antrieb gefragt, zitiert André Blattmann den verstorbenen SP-Bundesrat Willi Ritschard: «Heimat ist dort, wo man keine Angst haben muss.» Sein ganzes Bestreben gelte der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Friede, kehrt der Uniformierte zu seinem Lieblingsthema zurück. Daher sei es wichtig, dass er sich regelmässig mit Kollegen gleicher Funktion aus den Nachbarländern unterhalte. «Es geht darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und einer negativen Entwicklung vorzubeugen.»

Der schwierigste Teil seines Jobs

Welche Rolle spielt eigentlich Bundesrat Ueli Maurer in André Blattmanns Alltag? Die Antwort folgt wie aus der Pistole geschossen: «Sie können davon ausgehen, dass Herr Maurer sehr stark führt! Denn er trägt am Schluss die politische Verantwortung.» Auf die kurze Pause folgt die Erläuterung: «In der Armee setzen wir uns hart miteinander auseinander. Unsere Diskussionen sind konstruktiv, aber wir sind keine Wohlfühlorganisation!»

Schockierend findet der Armeechef, dass immer wieder Verbrechen passieren mit Armeewaffen. Auch wenn André Blattmann erste Verbesserungen bei der Sicherheitsüberprüfung der angehenden Rekruten eingeleitet hat, wirkt er sehr betroffen, wenn konkrete Todesfälle besprochen werden. Die Erschütterung in seiner Stimme erzeugt Gänsehaut. «Unfälle zu verhindern ist der schwierigste Teil meines Jobs», gesteht er leise.