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Wirtschaftsführer Soiron: «Wir werden Minder überleben»

Rolf Soiron
Rolf Soiron: Der Holcim-Präsident nimmt zur Abzocker-Initiative Stellung. (Bild: Keystone)Quelle: .

Holcim- und Lonza-Präsident Rolf Soiron warnt davor, das Volksbegehren zur Abzocker-Initiative bei der Umsetzung zu verwässern - und stärkt der Economiesuisse demonstrativ den Rücken.

Von Vasilije Mustur (Interview)
am 08.03.2013

«Handelszeitung Online»: Herr Soiron, Europa hört nicht auf, die Schweiz für das Ja zur «Abzocker-Initiative» zu loben. Freut Sie das?
Rolf Soiron: Dieses Lob aus dem Ausland bringt keinen einzigen Job hierhin! Und ausserdem hat man im Ausland Dinge gelobt, um die es gar nicht ging. Hier wurde im Wesentlichen über Aktionärsrechte abgestimmt. Im Ausland jubelte man jedoch über das Ende hoher Management-Saläre. 

Waren Sie persönlich über die deutliche Zustimmung der Bevölkerung für die «Abzocker-Initiative» auch so überrascht wie Europa?
Von der Annahme war ich nicht überrascht. Aber das Ausmass war dann doch ein Schlag ins Gesicht. Dieses Signal ist ernst zu nehmen. 

Nun gilt es die Initiative umzusetzen. Dabei halten sich die Gerüchte hartnäckig, dass Wirtschaftslobbyisten das Volksbegehren nicht getreu umzusetzen planen. 
Jetzt mit dem Volksverdikt zu spielen, wäre das Dümmste, was man überhaupt tun könnte. Die Initiative ist in gutem Treu und Glauben und so nahe am Initiativtext wie möglich umzusetzen. 

Was halten Sie dann vom Vorschlag der SP, eine Bonussteuer in die Umsetzung der «Abzocker-Initiative» zu integrieren. 
Ich war nie ein Freund von neuen Steuern und werde das auch auf das hohe Alter nicht sein - erst recht nicht von Dreifachsteuern, wie es eine Bonussteuer wäre. 

Während das Parlament die «Abzocker-Initaitive» noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, möchten Roche und UBS sie in den nächsten Monaten zumindest teilweise umsetzen. Wird Holcim diesen Beispielen folgen?
Holcim hat bezüglich seiner Saläre immer Mass gehalten. Darum dürfen wir es uns jetzt auch erlauben, nichts zu überstürzen. Ich werde dem Verwaltungsrat deshalb vorschlagen, zunächst einmal abzuwarten, was der Bundesrat und das Parlament konkret beschliessen werden. 

Neben der Umsetzung stellt sich darüber hinaus die Schuldfrage und dabei taucht der Name Economiesuisse in letzter Zeit besonders häufig auf. 
Wissen Sie, seit das unglaublich symbolische Label «Abzocker-Initiative» ins Leben gerufen wurde, hatten alle, die dagegen waren, eine Zwei auf dem Rücken. Es ist aber so, dass Economiesuisse schon unter dem ehemaligen Präsidenten Gerold Bührer die Salärexzesse immer wieder kritisiert hat: In Stellungnahmen, am Fernsehen oder in Interviews. Aber da hat niemand hingehört. 

Mit Verlaub Herr Soiron, aber spielen Sie das Glaubwürdigkeitsproblem des Wirtschaftsdachverbandes in Sachen Corporate Governance und Corporate Responsibility jetzt nicht herunter?
Wer auf der anderen Seite stand, billigte Economiesuisse schon vorher kaum Glaubwürdigkeit zu. 

Also hat Economiesuisse Ihrer Ansicht nach keine Fehler gemacht?
Wir müssen schon über einige Dinge nachdenken. Wie sprechen wir zur Bevölkerung - und zwar so, dass wir verstanden werden? Warum gelingt es uns nicht klarzumachen, dass wir alle die Wirtschaft sind? Hören und verstehen wir, was die Menschen an der Wirtschaft stört? Hätte Economiesuisse im Wahlkampf auch Namen nennen sollen? Vielleicht. Aber selbst mit einer solchen, wirtschaftsinternen Auseinandersetzung wäre es für Economiesuisse schwierig geworden, die Abstimmung für sich zu entscheiden. Darüber hinaus gehörte die öffentliche Kritik an Wirtschaftsführern hierzulande bislang nicht zum Stil. 

Der Ton von Economiesuisse war doch in letzter Zeit rau. Besonders der im Abstimmungskampf weitgehend abwesende Präsident Rudolf Wehrli ging nach der Niederlage an die Öffentlichkeit und prophezeite die Abwanderung einiger Grosskonzerne, ohne Namen zu nennen. 
Meines Wissens hat Rudolf Wehrli kaum eine Einladung ausgeschlagen, aber wer wollte ihn denn wirklich hören? Ob Firmen wegziehen werden, weiss ich nicht. Allerdings weiss ich wohl, dass Firmen, die ihren Sitz in den letzten Jahren hierhin verlegten, sich heute fragen, ob der Entscheid richtig war. «Minder» allein werden wir überleben, doch wenn dies erst der Anfang einer Regulationswelle ist, welche von Emotionen und Medien gesteuert wird, dann wird das Folgen haben. 

Nichtsdestotrotz hat das Führungstrio Rudolf Wehrli, Pascal Gentinetta und Ursula Fraefel Vertrauen eingebüsst und daher stellt sich letztlich die Frage nach personellen Konsequenzen. 
Hier geht es nicht um Personen. Hier geht es um die Kernproblematik eines «Verbandes der Verbände», der es allzu oft vielen gleichzeitig Recht machen muss. 

Würde Sie das Amt des Economiesuisse-Präsidenten reizen? Schliesslich werden sie sowohl von der Bevölkerung wie auch von der Wirtschaft geachtet und respektiert. 

Ich bei Economiesuisse? Schön, dass Sie mir einen guten Ruf zubilligen - das freut mich. Zur «1:12-Initiative» werde ich mich sicher äussern, aber Zusatzaufgaben liegen für mich kaum mehr drin: Ich bin 68 Jahre alt, fühle mich zwar nicht als Greis, muss aber anfangen, die Dinge zur Übergabe bereit zu machen. Meine Kernaufgabe ist es, Holcim und Lonza in guter Verfassung zu übergeben. Und dann ist da ja auch noch eine Familie mit sechs Grosskindern, denen ich enorm verbunden bin. 

Sie deuten es an: Diesen Herbst wird die Bevölkerung über die «1:12-Initiative» zu befinden haben. Lässt sich die Annahme nach der deutlichen Zustimmung für die «Abzocker-Initiative» überhaupt noch verhindern?

Davon gehe ich aus. Die Schweizer wissen nämlich, dass nicht nur Sportler und Entertainment-Stars heute mehr verdienen. Aber Geschichten, wie diejenige mit den 72 Millionen Franken für ein unnötiges Konkurrenzverbot, darf es nicht mehr geben. 

Ist diese Prognose nicht gar optimistisch? Vielmehr entsteht nach der «Abzocker-Initiative» der Eindruck, dass der gesellschaftspolitische Graben zwischen der arbeitenden Kaste und der Elite in diesem Land selten so gross war,  wie heute. 

Ob das noch nie so war, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass es einen tiefen Graben gibt. Kaum mit der mittelständischen und lokal ausgerichteten Wirtschaft, sondern mit den grossen, globalen Unternehmen.

Und woran liegt das?
Zum einen ist sich die Bevölkerung nicht bewusst, wie viel Wohlstand das Land diesem Teil seiner Wirtschaft verdankt. Zum anderen stehen diese international ausgerichteten Führungsgruppen immer weniger im direkten, ungefilterten Kontakt mit der Bevölkerung. 

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