«Handelszeitung Online»: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Absprung noch rechtzeitig geschafft.
Stefan Gross-Selbeck: Ich weiss gar nicht, wie ich auf diesen Glückwunsch reagieren soll. (lächelt) Wie meinen Sie das?

Sehen Sie keine Parallelen zwischen dem serbelnden Netzwerk Studi VZ mit dem grossen Konkurrenten Facebook und Xing mit dem internationalen Konkurrenten Linkedin?
Der Vergleich hat nun aber einen Bart.

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Warum sollte sich Xing gegen Linkedin behaupten können?
Studi VZ hat mit Facebook einen Wettbewerber, den ich nicht haben möchte. Mark Zuckerberg ist ein Genie. Er hat in dieser kurzen Zeit mehrfach das Internet revolutioniert.

Was spricht noch für Xing?
Ein professionelles Netzwerk ist anders beschaffen. In einem privaten Netzwerk kommuniziert man mit den Freunden und der Familie. Die können rasch auf ein anderes Netzwerk wechseln. In der Geschäftswelt will man sich hingegen über die Hierarchien hinweg vernetzen, dazu muss man dem Netzwerk treu bleiben. Sicher ist Linkedin ein Wettbewerber, gerade international, aber wir sind sehr gut aufgestellt und wachsen stark.

Haben Sie Zahlen über lange Zeit ungenutzte Accounts? Es gibt sicher viele, die Xing nur dann nutzen, wenn sie einen Job suchen.
Das ist völlig legitim. Unternehmen zahlen eine Menge Geld, um bei uns Talente zu finden. Unser Netzwerk lebt von der hohen Qualität der Profile und der Leute. Wir freuen uns darüber, wenn Mitglieder Xing stark nutzen - aber auch die, die das nicht tun, haben einen Wert für uns, da sie für Andere auffindbar und ansprechbar sind.

Es heisst, Linkedin habe in der Schweiz mehr Nutzer.
Wir sind das führende Netzwerk in der deutschsprachigen Schweiz. Hier gibt es eine hohe Zahl von Doppelnutzern. 80 Prozent davon bevorzugen ein spezielles Netzwerk - und das ist Xing.

Was können Sie von Linkedin abschauen?
Die beiden Unternehmen beobachten sich gegenseitig sehr genau. Linkedin hat sich in den letzten Monaten im Recruiting gut entwickeln, das ist für uns Ansporn, unsererseits weiter Gas zu geben.

Interne soziale Netzwerke wie Yammer sind auch bei Schweizer Unternehmen immer beliebter. Ist das eine Gefahr?
Es gibt den Trend, dass die Mechanismen der sozialen Netzwerke für die interne Kommunikation verwendet werden. Junge Mitarbeiter erwarten das. Hier besteht auch eine Chance für uns. Zum Beispiel integrieren wir uns mit einem neuen Recruiting-Produkt stark in Unternehmensprozesse. Als soziales Netzwerk bringt man ja nicht nur die Technologie mit, sondern auch die Nutzer. Wir können uns sicher Partnerschaften mit Unternehmen vorstellen, die interne Prozesse abbilden.

Was machen US-Unternehmen im Web anders als Schweizer Firmen?
Die USA sind in diesen Dingen rund vier bis acht Quartale voraus. Da Arbeitskräfte wegen der demografischen Entwicklung knapper werden, müssen etwa  Personalabteilungen anders arbeiten. Anzeigen zu schalten und auf Bewerber zu warten reicht nicht. Die Unternehmen werden daher selber aktiv, sprechen Kandidaten an und bilden sich eine Community, auf die sie dann zugehen können, wenn sie Bedarf haben.

Was machen die Schweizer Xing-Nutzer anders als die Deutschen?
Wir wachsen in der Schweiz besser als in Deutschland. Und in der Schweiz ist der persönliche Kontakt wichtiger. Schweizer wissen genau, dass ein Soziales Netzwerk sehr hilfreich ist, aber es eben auch den persönlichen Kontakt braucht.

Ist die steigende mobile Nutzung kein Problem für Sie? Zumindest wird das bei Facebook angekreidet, da die Mobile Nutzung die Werbeumsätze sinken lässt.
Wir leben nur zu einem kleinen Teil von Werbung. Der grösste Teil kommt aus den Premiummitgliedschaften. Auch die Stellenanzeigen und Events tragen mehr zum Umsatz bei als die Werbung. Wir wollen ausserdem von der mobilen Nutzung profitieren, da es gerade bei Stellenanzeigen und Events viele Anwendungsmöglichkeiten gibt.

Sie könnten für Facebook ja ein Konzept für Premiummitgliedschaften entwickeln. Sie haben jetzt ja Zeit. Wo gehen sie hin?
Das möchte ich noch  nicht sagen. Mein Nachfolger ist seit einigen Tagen da und wir befinden uns mitten in der Übergabephase. 

Bereitet ihnen die Kursentwicklung bei Facebook, Groupon und Zynga keine Sorgen?
Als Unternehmer darf man sich nicht von der täglichen Kursentwicklung beeinflussen lassen. Wenn man ein gutes Geschäft hat, liest man das auch im Aktienkurs ab.

Erkennen Sie eine neue Tech-Blase?
Die meisten Unternehmen verfügen über  substantielle Umsätze und anständige Gewinne. Die meisten Unternehmen wachsen. Die Frage ist nur, wie stark sie wachsen werden. Ich glaube nicht, dass diese Firmen verschwinden werden.

Welche Aufgaben hinterlassen Sie ihrem Nachfolger Thomas Vollmöller, der vom Schweizer Detailhandels-Konzern Valora kommt?
Wir haben uns in den letzten Jahren stark auf unsere Kernmärkte fokussiert, zudem haben wir immer wieder neue Geschäftsfelder aufgebaut. Das Geschäft in den bestehenden und in neuen Geschäftsfeldern weiter auszubauen ist sicher eine zentrale Herausforderung.

Wie gehen sie persönlich mit Technologie um? Freuen Sie sich auf das iPhone 5?
Ich bin gespannt was da kommt, bin aber nicht der klassische Technologie-Geek.

Was war denn ihr erster Computer?
Einer mit einem 286er-Prozessor. Ich muss aber dazu sagen, ich habe meine erste E-Mail nach dem Studium geschrieben.

Haben Sie nun genug von Sozialen Netzwerken? Was werden Sie als nächstes tun?
Mein wichtigstes Projekt derzeit ist, dass ich zum vierten Mal Vater werde.