Selbst seinen Konkurrenten dürfte es schwer fallen, sich Jean-Claude Bivers Charme zu entziehen, gelingt es ihm doch, Professionalität, Bauernschläue und entwaffnende Herzlichkeit zu einem ansprechenden Ganzen zu vereinen. «Monsieur Hublot» (wie ihn seine Geschäftspartner nennen) oder «Bibi» (seine Freunde) ist ein Getriebener, beseelt von der Vision, die Produkte seiner Uhrenmanufaktur in Nyon noch besser, noch attraktiver, noch begehrter zu machen.

«Für ihn gilt rund um die Uhr: Hublot, Hublot, Hublot», gibt seine Frau vor laufender Kamera zu Protokoll, um sofort hinzuzufügen, dass sie sich glücklich schätze, mit ihm zu leben. Kein Wunder - welcher andere der 300 reichsten Schweizer spricht schon so freimütig wie er über sein Erfolgsgeheimnis, die Liebe? Alles bloss Show, um den Brand Hublot «emotional aufzuladen»? Wie auch immer - dass er nicht nur in Sachen Marketing, sondern generell im Management gewieft ist, zeigt schon die Tatsache, dass Hublot heute in einem Monat so viel verkauft wie vor fünf Jahren in einem ganzen Jahr.

Und nun kommt «Hublot TV»

Die mehreren Dutzend frei zugänglichen Filme mit, von und über Jean-Claude Biver (und Hublot) auf der Firmenwebseite oszillieren zwischen sachlicher Berichterstattung und Boulevard. Hier der CEO-Talk «The Executive Suite», dort «Ein Tag mit Jean-Claude Biver». Doch egal, ob er sich vor der Kamera über die Eröffnung eines Ladengeschäfts in Dubai freut oder den Verkauf von Hublot an den Luxusgüterkonzern LVMH (der ihm persönlich weh getan haben muss) zweckdienlich als «Fusion» bezeichnet, ob er die Verkaufsziele fürs neue Jahr bekannt gibt oder einträchtig mit den Bauern von La Tour-de-Peilz die Kühe ins Tal hinunter treibt - immer wirkt er ... nun ja, wie Jean-Claude Biver eben, oder besser gesagt: 100% «Monsieur Hublot». So mancher Redner, der seinem Publikum mühsam jedes Quentchen Aufmerksamkeit abringen muss, dürfte neidvoll bemerken, dass Biver immer dann am überzeugendsten wirkt, wenn er ganz ohne Manuskript «frisch von der Leber weg» agiert. Also immer.

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Und wie viel neidischer müssen erst Marketingverantwortliche sein, die viel Geld für hochkomplexe Werbekonzepte ausgeben und dann auf CNN eine geradezu simpel gestrickte Kampagne aus dem Hause Hublot zur Kenntnis nehmen müssen: Die geschriebene Mitteilung «Wir werben zum ersten Mal auf diesem Sender», gefolgt von Produktbildern, die aus einem Katalog stammen könnten. Das Ganze unterlegt mit der Schweizer Nationalhymne. So etwas muss man sich erst mal trauen. Aber Biver traut sich noch viel mehr.

Neues Betätigungsfeld: Fussball

Zum Beispiel an der Euro 08, wo Hublot für 10 Mio Euro den Titel «Official Timekeeper» erwarb. Die allen Sponsoren zustehende Werbefläche an der Bande überliess man grosszügig einer Non-Profit-Organisation, die sich im Kampf gegen Rassismus engagiert. «Grossmütig» dachten die einen und merkten sich den edlen Sponsor, der nur bei Spielerwechsel in Erscheinung trat oder wenn der vierte Schiedsrichter die verbleibende Zeit anzeigte.

«Clever» dachen alle anderen - die Konkurrenz wohl zähneknirschend. Denn Biver verkündete noch vor dem Anpfiff des ersten Spiels, dass sich das Investment mehr als gelohnt habe. Das dem «Official Timekeeper» zustehende Recht, ein Exklusivmodell der Erfolgsuhr Big Bang in limitierter Euro 08-Serie herzustellen, entpuppte sich als Goldgrube: 2008 Stück zu 10000 Euro und 500 Gold-Edition-Exemplare zu 19000 Euro wurden zwischen April und Juni verkauft - kurz: 30 Mio Euro umgesetzt. Dabei sind die Verkäufe der übrigen Uhren, die durch das Engagement an der Euro 08 angeregt wurden, nicht einmal eingerechnet.

«Hublot ist ein Sponsor, an dem niemand vorbeikommt», kommentierten die Marketingexperten, während sich einige der Sponsoren verärgert zeigten über den Coup des Uhrenmeisters aus Nyon. Der hat mit seiner Aktion nicht nur im Marketing, sondern auch in Sachen Corporate Responsibility gepunktet. «Ich glaube, dass das 21. das Jahrhundert des Teilens sein wird», erklärt er das sozialpolitische Engagement seiner Firma, «und dass die Luxusindustrie Verantwortung trägt gegenüber Menschen in Not.» Zu diesem Zweck unterhält Hublot eine Stiftung zugunsten mittelloser Kinder und betätigt sich als Fundraiser für Organisationen wie Smiling Children oder Make a Wish.

Die Grundzüge des Marketingkonzepts von Hublot sind schnell erklärt: «Unsere Prioritäten liegen in allen Aktivitäten und Feldern, in denen sich unsere Kunden bewegen», erklärt Biver. Rund 25% des Umsatzes flossen 2007 - und 2008 werden es voraussichtlich ebenso viel sein - in Marketingaktivitäten, vornehmlich in Events im Segelsport, Golf, Polo und Fussball.

Die Unterstützung von «Fusion Man» Yves Rossi, der am 26. September mit Flügeln auf dem Rücken den Ärmelkanal überquerte, dürfte im Marketing ebenfalls für Raketenantrieb sorgen. Wobei, wirklich nötig ist dieser nicht: Das Tourbillon (mit dem sichtbaren Innenleben) und die Big Bang (mit Gummiarmband) gehen ohnehin weg wie warme Weggli. «Auf Luxus muss man warten können», tröstet Biver seine Kundschaft über monatelange Lieferfristen hinweg. Noch liegt deren Nachfrage 40 bis 50% über der Produktionskapazität - trotz Krise und Börsencrash.

«Es wäre eine Lüge zu behaupten, wir wären nicht betroffen», erklärt der CEO zwar, doch schmerzvoll wäre erst ein Rückgang um mehr als 40%, womit selbst für 2009 nicht gerechnet wird. Im Gegenteil: In diesem Jahr werde das ehrgeizige Ziel von 250 Mio Fr. Umsatz wohl erreicht. Ein Grund mehr, neidisch zu sein.