Uniform, Instrument und Topfkollekte – sie gehören in unseren Breitengraden zur Adventszeit wie die Kerzen zum Kranz: Die Salutisten der Heilsarmee. In 113 Ländern vertreten, wirken die Mitglieder der evangelischen Freikirche seit 125 Jahren auch in der Schweiz. Sie singen, sie spielen, sie sammeln.

Ihre Aktivität wird gestützt von zwei Pfeilern: Der Verkündigung des Wortes Gottes auf der einen und der Arbeit im Sozialbereich auf der anderen Seite. Dazu gehört das Führen von Kinder-, Alters- und Obdachlosenheimen ebenso wie die Betreuung von Häftlingen oder die Beteiligung an Einsätzen in Katastrophengebieten. «Unser Motto lautet ‹Saved to serve› – gerettet, um zu dienen», betont Kommissär Kurt Burger und tippt auf die beiden Buchstaben S, welche am Kragen seines Jacketts prangen. Wohlfahrt und Wirtschaftlichkeit, Burger will das eine vom anderen nicht trennen.

Engagement und Disziplin

Zusammen mit seiner Gattin Alicia steht der 61-Jährige seit diesem Herbst an der Spitze des Territoriums Schweiz-Österreich-Ungarn mit rund 4500 Mitgliedern. Der geografisch doch recht eigentümlich anmutende Zusammenschluss ist eine Folge der beiden Weltkriege. Einmal abgesehen vom kirchlichen Hintergrund, ist das Ehepaar in seiner Chef-Rolle verantwortlich für die Geschicke eines internationalen «Unternehmens» mit mehr Mitarbeitenden als die Zürcher Kantonalbank, und fast so vielen wie Serono oder SIG.

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Da braucht es nebst der Bereitschaft zum Reisen ein überdurchschnittliches persönliches Engagement, viel Disziplin, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und den Willen, schwierige Aufgaben anzupacken. Die Kraft für all das, dies wird im Gespräch mit den beiden rasch klar, beziehen sie aus dem Kontakt mit den Menschen. Und, selbstredend für fromme Christen, die sie sind, von oben – von ganz oben.

Sein berufliches Rüstzeug hat sich Kurt Burger an den Universitäten vorab Nordamerikas und im Laufe seiner Karriere innerhalb der Heilsarmee erworben. In seiner letzten Funktion, jener des Leiters der Abteilung Verwaltung des USA-West-Territoriums, war er verantwortlich für sämtliche Finanzgeschäfte, für die Informatik, die Liegenschaftsverwaltung, das Risikomanagement, für Rechtsfragen und die Öffentlichkeitsarbeit.

Derweil oblag Alicia Burger-Pedersen als Sekretärin für interkulturelle Angebote die Herausgabe von Unterrichtsmaterial und die Organisation von Seminarien. Ein eindrückliches Portfolio also, das mit dem Pflichtenheft der beiden verbunden war und ist. «Ob man als Führungskraft nun innerhalb einer Kirche oder in der Privatwirtschaft tätig ist, ich finde es vor allem wichtig, dass man die eigenen Ziele sehr hoch steckt», führt Kurt Burger aus. Nur wer bereit sei, weiter zu gehen, als dass er denkt, gehen zu können, komme im Leben auch wirklich weiter. «Da ist es wichtig, dass man auch Leute um sich hat, die auf ihren Gebieten besser sind, als man es selber ist – von ihnen kann man stetig lernen», so der oberste Vertreter der Heilsarmee in der Schweiz.

Dass die Heilsarmee den Dienst am Nächsten meistens in Uniform erbringt und unter Berücksichtigung militärischer Graduierung, ist Programm. Und ein Vorteil, wie Kurt Burger betont: «Egal, wo wir gerade unterwegs sind, jeder und jede weiss sogleich, wer wir sind und was wir tun.»

Burger verweist auf eine Umfrage, die die Freikirche vor einiger Zeit in Auftrag gegeben hatte. Darin wird deren Image als ziemlich verstaubt bezeichnet, gleichzeitig aber werde auch die grosse Vertrauenswürdigkeit der Organisation hervorgehoben. Er erinnert sich an den 11. September 2001, an jenen Tag also, an dem die Welt sich mit einer neuen Form des Terrorismus konfrontiert sah. «Als ein Flugzeug ins Pentagon raste, weilten wir gerade in Washington. Wir fuhren sofort hin, um zu helfen. Trotz enormer Sicherheitsmassnahmen kamen wir ungehindert ans Ziel. Die Polizisten wussten: Aha, da kommt die Heilsarmee! Und haben uns einfach durchgewunken.»

Direkthilfe wird grossgeschrieben und dort erbracht, wo Leute durch die Maschen der staatlichen Fürsorge gefallen sind. Ohne Blick auf Herkunft, Kerbholz, Religion. Das beschert den uniformierten Salutisten, die entweder ehrenamtlich als «Heilssoldaten» für die Kirche aktiv oder in der Funktion von «Offizieren» beruflich mit der Heilsarmee verbunden sind, seitens der Bevölkerung grosse Sympathien. Das ursprüngliche Motto «Suppe, Seife, Seelenheil» hat sich die Heilsarmee in ihrem Kampf gegen Elend und menschliche Laster auch heute noch auf die Fahnen geschrieben. Ein Kampf mit, um es mal diplomatisch auszudrücken, offenem Ausgang. Denn der Glaube hat sich, wenn überhaupt noch praktiziert, zur mehr oder weniger individuellen Angelegenheit gewandelt.

Die Zeiten ändern sich, nicht nur, was Religionen und Weltanschauung anbelangt. Wie viele andere christliche Kirchen hat denn auch die Heilsarmee mit einem Schwund an Mitgliedern zu kämpfen. Kurt Burger setzt ein mildes Lächeln auf. «Ich weiss, wir sind überhaupt nicht trendy. Ich persönlich finde das aber auch weiter nicht so schlimm. Wir sind schliesslich dem Zwecke und der Mission verpflichtet, keinem Trend.»

So ganz verschliesst sich die Heilsarmee den modernen Marketingmitteln dann aber auch wieder nicht. Mit Fernsehspots wird auf die Aktivitäten der Freikirche aufmerksam gemacht; und wer in Zürich auf das Tram wartet, dem wird wohl auch schon jener Werbeslogan aufgefallen sein, der allenthalben für Schmunzeln sorgt. Auf der Dachtafel einiger Cobra-Trams steht in dicken Lettern geschrieben: «Entweder Sie bringen unsere Töpfe zum Klingeln, oder wir singen!»

Die Armut orten

Knapp vier Jahrzehnte waren Burgers in den USA tätig, nun ist der Sprung über den grossen Teich in die Schweiz erfolgt. Ins vermeintliche Paradies, könnte man meinen. Alicia Burger-Pedersen winkt ab. Natürlich sei es etwas anderes, ob man nun in Los Angeles tätig sei oder in Bern. «Aber», sie hebt die Augenbrauen, «wir waren ja auch in Hawaii; denkt da irgend jemand an Armut? Hawaii, das ist für viele Menschen in Europa doch das Ziel ihrer Träume.»

Die Armut in der Schweiz, sagt die Mutter dreier erwachsener Kinder, existiere primär im Verborgenen. Und: «Es sind vor allem die alten Leute, alleinerziehende Mütter und deren Kinder, die davon betroffen sind.» Hilfe zu leisten sei nicht einmal der schwierigste Part ihres Tuns, bemerkt Alicia Burger. Einer weit grösseren Herausforderung käme es gleich, die betroffenen Menschen überhaupt zu orten. «Meistens verschwinden sie ganz klammheimlich aus der Gesellschaft, niemandem fällt das auf, niemand vermisst diese Menschen.» Dabei wiege oftmals nicht einmal die materielle Not am schwersten, sondern die psychische, geistige Belastung, die mit der Situation verbunden sei, präzisiert Kurt Burger, «und rund um Weihnachten ist diese Not eindeutig am grössten.»

Weihnachten. Das Fest der Liebe steht vor der Tür. Während auf den Strassen und Plätzen der Städte die Offiziere und Soldaten der Heilsarmee ins Horn stossen, wirken Kurt und Alicia Burger-Pedersen auch in dieser Zeit vornehmlich im Hintergrund. Das hat einen Zusammenhang mit der Vielzahl ihrer Aufgaben und der fehlenden Zeit – und liegt nicht etwa an fehlender Musikalität. Beide zusammen wissen sie ganz genau, mit welchen Liedern sich Herrn und Frau Schweizers Herzen (und Portemonnaies) am einfachsten öffnen lassen: O Tannenbaum. O Du Fröhliche.