Welche Aktienquote halten Sie für durchschnittliche Anlegerinnen derzeit für angezeigt?
Die Portfolioallokation und das Aktienengagement hängen stark vom Anlagehorizont und der Risikotoleranz der jeweiligen Person ab, nicht vom Geschlecht. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Frauen besser anlegen als Männer, weshalb sie auf keinen Fall risikoscheuer handeln sollten. Je länger Sie Ihr Geld an den Börsen arbeiten lassen und sich von möglichen Korrekturen erholen können, desto höher sollte Ihr Anteil an risikoreicheren Anlagen sein. Das gilt für Frauen wie Männer.

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Esty Dwek Flow Bank

Esty Dwek ist CIO von der FlowBank.

Quelle: ZVG

Immer mehr Investoren kaufen Non-Fungible Token (NFT). Sind die digitalen Erkennungsmarken eine lohnende Investition – und wenn ja, welche?
NFT sind eine interessante Investition, da sie Zugang zu bisher unzugänglichen Vermögenswerten bieten. Ausserdem eignen sie sich gut zur Portfoliodiversifizierung. Auch wenn NFT bisher vor allem im Zusammenhang mit Kunst bekannt sind, gibt es viele weitere Einsatzmöglichkeiten. Tickets, Sammlerstücke und Spiele sind nur einige Beispiele.

Unternehmen aus verschiedenen Branchen wie Gucci, Disney, Nike, Marriot und Alibaba interessieren sich für die Technologie, da sie als Eingangstor zum Metaversum dient. Trotz allem sind Vorsicht und Sorgfalt geboten, denn wie bei allen Vermögenswerten lauern auch bei NFT Risiken. Zudem werden nicht alle NFT den gezahlten Preis wert sein.

Wie werden sich die Rohstoffpreise in diesem Jahr entwickeln?
Nach einem fulminanten 2021 sind die Aussichten für Rohstoffe in diesem Jahr etwas trüber. Der Hauptgrund dafür liegt in der Verlangsamung des Wachstums in China. Für 2022 rechne ich mit einer Gratwanderung zwischen einem verlangsamten globalen Wachstum und einer weiter steigenden Nachfrage nach Rohstoffen, die den Wirtschaftsaufschwung antreiben. Das grösste Potenzial sehe ich bei den Ölpreisen, dort dürfte der grösste Teil der Entwicklung jedoch bereits hinter uns liegen.

Bei den Basismetallen besteht ein begrenztes Aufwärts- wie Abwärtspotenzial. Einerseits sind sie stark von China abhängig, anderseits erwarten wir Unterstützung durch die Politik. Edelmetalle schliesslich haben nicht in dem Masse von den Inflationssorgen profitiert, wie sie es hätten tun sollen. Das deutet auf weitere Schwankungen hin – insbesondere dann, wenn die Inflation im Laufe des Jahres allmählich nachlässt.

Sind Obligationen aus Schwellenländern in diesem Jahr interessant – und wenn ja, welche?
Ja, Schwellenländeranleihen sind einer der wenigen Bereiche, in denen Anlegerinnen und Anleger Renditen erzielen können. Dank fortschreitenden Impfbemühungen und Lockerungen der pandemiebedingten Massnahmen dürften die Schwellenländer ein gutes Jahr haben – falls sich das Wachstum in China nicht zu stark verlangsamt.

Das ist allerdings nicht unser Basisszenario. Besonders attraktiv sind Unternehmensanleihen in Hartwährung, da es einerseits immer mehr davon gibt, und anderseits viele Unternehmen entweder von Natur aus oder aktiv gegen den US-Dollar abgesichert sind. Das begrenzt das Risiko eines Dollar-Squeeze.

«NFT sind eine interessante Investition, da sie Zugang zu bisher unzugänglichen Vermögenswerten bieten.»

Wechseln wir zum allgemeinen Börsengeschehen. Wie sehr beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte noch?
Die Anlegerinnen und Anleger haben inzwischen gelernt, mit Covid zu leben, weshalb die Pandemie an den Märkten immer weniger Sorgen auslöst. Dazu kommt, dass sie bei jeder neuen Welle gesehen haben, wie anpassungsfähig Unternehmen und Verbraucher sind. Auf das künftige Wachstum dürfte die Corona-Krise deshalb nur bedingt Einfluss haben.

Trotzdem kann es immer noch zu Phasen erhöhter Volatilität und Angst kommen, wie zum Beispiel beim Auftreten von Omikron. Da die USA trotz der neuen Virusvariante darauf verzichten, erneut einen Lockdown zu verhängen, haben sich die Märkte schnell wieder erholt – vorausgesetzt, die Hospitalisierungen halten sich in Grenzen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der Schweizer Aktienmarkt hat sich im vergangenen Jahr insbesondere dank der höheren Gewichtung des Gesundheitswesens und der Basiskonsumgüter sehr gut entwickelt. Das dürfte noch eine Weile so bleiben.

Dennoch ist im Vergleich zu stärker zyklisch ausgerichteten Ländern kurzfristig mit einer Underperformance zu rechnen, da der Schweizer Markt einen ausgeprägten defensiven Charakter hat. Insgesamt dürfte die Performance aber stark bleiben.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI wird Ende 2022 höher liegen. Ich gehe von einer Performance im hohen einstelligen Prozentbereich aus. Dank dem defensiven Charakter vieler grosser Indexkomponenten dürfte sich der SMI auch bei höherer Volatilität als widerstandsfähig erweisen. Auf dem Weg zu höheren Renditen rechne ich aber mit einigen Stolpersteinen.

Esty Dwek beantwortete die Fragen schriftlich.