Europa droht diesen Winter eine Energie-Krise, und auch in der Schweiz werden Ängste wegen der Stromversorgung wach. Wie sollten Anleger darauf reagieren?
Eine Energiekrise ist ein starkes Schlagwort. Grundsätzlich sind weltweit genügend Energierohstoffe verfügbar. Beschliesst das Erdölkartell OPEC+ mehr Rohöl zu produzieren oder liefert Russland mehr Erdgas nach Europa, können die Preise schnell wieder fallen.

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Anleger sollten ihren Fokus nicht auf kurzfristige Preisausschläge bei Energierohstoffen richten, sondern ihrer Anlagestrategie treu bleiben. Die Gewinnmargen bei den Unternehmen scheinen trotz vorübergehendem Inflationsanstieg stabil zu bleiben.

Christoph Schenk ZKB

Christoph Schenk ist Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Quelle: ZVG

Sehen Sie derzeit attraktive Anlagemöglichkeiten neben Aktien, Immobilien und gewissen Rohstoffen?
Der Obligationenmarkt wurde durch den Inflationsanstieg und die Erwartung einer schnellen Straffung der Geldpolitik abgestraft. Sobald die Inflation wieder sinkt, ergeben sich auch am Obligationenmarkt wieder Chancen für Investoren.

Sinken die Rohstoffpreise, werden Obligationen wieder attraktiver und Investoren können von der Inflationsprämie profitieren.

Chinas Wirtschaft macht derzeit mit einer Immobilienkrise von sich reden - und auch die jüngsten Konjunkturdaten aus dem Land fallen enttäuschend aus. Wie attraktiv ist Chinas Finanzmarkt derzeit?
In der Tat hat die chinesische Wirtschaft im 3. Quartal unter den rigorosen Viruseindämmungsmassnahmen stark gelitten. Mittlerweile hat sich die Pandemielage aber wieder entspannt und die Impfquote ist rasant gestiegen. Aufholeffekte und gezielte Stimuli dürften im 4. Quartal für eine Wachstumsbeschleunigung sorgen, was die Attraktivität des chinesischen Aktienmarkts verbessert.

Gleichzeitig trüben jedoch der angeschlagene Immobiliensektor und der akute Energiemangel den Ausblick. Die regulatorischen Eingriffe der Regierung halten die Konjunkturrisken zusätzlich hoch. Investoren sollten deshalb eine hohe Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen mitbringen.

«Sinken die Rohstoffpreise, werden Obligationen wieder attraktiver (..)»

Bitte nennen Sie uns drei Entwicklungen, wieso Investoren Zuversicht schöpfen können.
Momentan beschäftigen drei grosse Themen die Finanzmärkte: Stagflationssorgen, eine weniger expansive Geldpolitik sowie die Immobilienkrise in China. Bei allen drei Themen sind beruhigende Signale zu beobachten. Die Ängste vor einer Stagflation sind momentan unbegründet, da die globale Wirtschaft auch nächstes Jahr über dem langfristigen Trend wachsen wird. Dazu kommt, dass die Inflation nicht dauerhaft, sondern nur temporär hoch bleiben wird. Bei der Geldpolitik zeigen die wichtigsten globalen Notenbanken keine Eile, restriktiver zu werden. In China wird es die Regierung den Immobiliensektor nicht fallen lassen und bei Bedarf unterstützend eingreifen.

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Wechseln wir zum allgemeinen Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte derzeit noch?
Zurzeit sind es eher die Folgen der Krise als das Virus selbst, welche die Finanzmärkte beschäftigen. Insbesondere die nicht reibungslos funktionierenden Lieferketten auf dem Weltmarkt sowie die damit verbundene erhöhte Inflation halten die Finanzmärkte in Atem. Dies führt zu einer fehlenden Balance von Angebot und Nachfrage, kurzfristig erhöhter Inflation und zu einer höheren Volatilität an den Finanzmärkten. 

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Im Fahrwasser der globalen Finanzmärkte wird sich die Schweizer Börse tendenziell positiv entwickeln. Die Sorgen um eine drohende Stagflation betrachten wir als übertrieben und die Unterstützung auf Seiten der globalen Notenbanken ist weiterhin vorhanden. So gesehen gibt es anlagetechnisch weiterhin kaum Alternativen zu Aktien. Nun steht bald das Jahresende bevor, wobei eine Jahresendrally durchaus wahrscheinlich ist. Nimmt die Nervosität dennoch zu, ist die Schweiz als defensiver Markt eine der vorteilhafteren Regionen, um Aktien zu halten.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Blickt man zwölf Monate voraus, wird der SMI unserer Ansicht nach höher notieren. Es ist keine Rezession in Sicht, somit werden die Unternehmensgewinne steigen und Dividenden ausbezahlt. Jedoch werden die Zentralbanken nach und nach ihre expansive Geldpolitik zurückfahren und erste Leitzinserhöhungen rücken näher, was Aktien tendenziell belastet und das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mittelfristig verschlechtert. In der Summe sehen wir die Entwicklung jedoch positiv.

Christoph Schenk beantwortete die Fragen schriftlich.

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