Ist das nicht absurd? Oder vielleicht doch eher eine Sache der Psychologie? Denn auf der einen Seite schwächeln Aktien seit ein oder zwei Wochen wegen aufflammender Ängste um den chinesischen Immobilienentwickler Evergrande. Das Unternehmen hat über 300 Milliarden Dollar an Schulden aufgehäuft und kann die Verpflichtungen aus den Krediten womöglich nicht bezahlen.

Angst vor Evergrande-Pleite

Eine Pleite hätte in China grosse Wirkung nicht nur auf einige Millionen Arbeitnehmende (Evergrande beschäftigt allein etwa vier Millionen Menschen), sondern auch auf weitere 1,5 Millionen Bürger im Reich der Mitte, die dem Unternehmen zum Teil ihre gesamten Ersparnisse als Anzahlung für den Bau einer eigenen Wohnung auf den Tisch gelegt haben. Sogar Schweizer Banken fürchten mittlerweile ein Aus von Evergrande

Voreilige Prognosen

Aber trotz dieser Ängste vor der Mega-Pleite und vor den möglichen Schockwellen weit ins Ferne Europa oder in die USA zieht es Öl immer weiter nach oben. Die Nordsee-Sorte Brent kostet jetzt wieder über 80 Dollar für das 159 Liter-Fass und damit so viel wie zuletzt vor drei Jahren. Man erinnert sich da an die Prognosen so mancher Rohstoff-Analysten, die nach den Ölpreis-Crashes von 2014, 2015 und 2016, die den Preis von 115 auf etwa 30 Dollar das Fass gedrückt hatten, prophezeiten: «Öl wird nie wieder 100 Dollar kosten!»

Die Ausgangslage ist widersprüchlich. Einerseits würde eine Evergrande-Pleite deutliche Auswirkungen auf die reale Wirtschaft haben – Stichwort fallende Ölnachfrage –, andererseits kann Öl eigentlich nur dann richtig durch die Decke gehen, wenn die globale Wirtschaft brummt. 

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Russland und Saudiarabien stehen auf der Bremse

Aber die Markt- und Preisbildungs-Gesetze kennt niemand wirklich ganz genau und deshalb wundert es nicht, dass Brent jetzt von einem Mehrjahresrekorde zum nächsten jagt. Und doch: Eine Begründung für das hohe Preisniveau liegt auf der Hand: Die grössten Ölproduzenten weltweit, Saudiarabien, Mitglied des Ölkartells Opec und Russland, haben sich nun darauf geeinigt, dass die Ölproduktion im November nur um die bereits vereinbarten 400‘000 Barrel täglich angehoben wird. 

Marktbeobachter hatten eine deutlich höhere zusätzliche Förderung erwartet. Da die Opec und die assoziierten Länder nun weiterhin mehr oder weniger stark auf der Produktionsbremse stehen werden, wundert der Ölpreisanstieg also nur bedingt. Das Partizipationszertifikat auf den Brent-Barrel-Preis konnte so in den letzten Tagen weiter zulegen. 

An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil

Es könnte mit dem Ölpreis sogar schnell und weiter nach oben gehen. Denn Brent hat den Widerstand des Siebenjahreshochs bei 85 Dollar für das Barrel fast erreicht. Fällt die Marke, könnte der Preis für das schwarze Gold aus der Nordsee bald wieder dreistellig werden. Das würde dann auch die Analystenmeinungen vor fünf Jahren klar widerlegen und eine Börsen-Einschätzung von André Kostolany bestätigen: An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil. 

Dieser Text beschreibt die jüngsten Entwicklungen im HZ Trader-Portfolio der HZ Musterportfolios.