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Freie Sicht

Ein absurdes Theater ums Gesundheitswesen

Notfallzentrum im Kantonsspital Luzern: Teuere Leistungen. Keystone
Alljährlich beklagen Politiker die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Die Diskussion krankt an einigen Missverständnissen.
von am

Alljährlich beklagen die zuständigen Politiker die Gesundheitskostenexplosion und versprechen wirksame Massnahmen. Aber fast alle grossen Reformvorhaben misslangen, unter anderem weil sie vom Volk abgelehnt wurden. Nur ein wirklich grosser Wurf gelang der Politik, die Einführung der Fallkostenpauschalen im Spitalbereich ab 2012.

Die Gesundheitskosten-Diskussion ist irgendwie absurd. Erstens sind die Kosten lange Zeit nicht im behaupteten Mass explodiert. Gemäss Bundesamt für Statistik erreichten sie 2003 10,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts, sanken dann leicht und erreichten erst 2011 wieder 10,4 Prozent. Von 2000 bis 2010 war die Schweiz eines der Länder mit den tiefsten Kostensteigerungen in der OECD. Trotzdem wurde jedes Jahr über Kostensteigerungen lamentiert. Die Kosten explodierten erst ab 2012, dem Jahr, in dem mit den Fallkostenpauschalen die grosse Sparmassnahme des Bundes umgesetzt wurde. Seither sind sie auf gegen 12 Prozent des BIP gewachsen.

Geldfixierte Diskussion

Zweitens ist auch nicht das Kostenwachstum ab 2012 das Hauptproblem, sondern das enorm hohe Niveau der Gesundheitskosten. Zwar sind diese relativ zum BIP ähnlich hoch wie in Deutschland und anderen EU-Ländern. Da aber unser BIP pro Kopf zu laufenden Wechselkursen umgerechnet gut 80 Prozent höher als in Deutschland ist, sind unsere Gesundheitsausgaben pro Kopf etwa 80 Prozent höher als in Deutschland und damit extrem hoch. Deshalb brauchen wir nicht weniger Kostenwachstum, sondern echte Kostensenkungen.

Drittens ist die Diskussion geldfixiert. Die volkswirtschaftlichen Kosten im Gesundheitswesen setzen sich zusammen aus den Geldkosten und den Zeitkosten in Form von Behandlungszeit, Krankheitstagen und Arbeitsausfall. Die Politik starrt nur auf die Geldkosten und hat keine Ahnung von den riesigen Zeitkosten. Niemand weiss, ob sie steigen oder sinken und vielleicht sogar die Geldkostensteigerungen kompensieren. Die wenigen verfügbaren Daten lassen vermuten, dass sie längerfristig stark gefallen, in den letzten Jahren aber vielleicht wieder gestiegen sind. Genauso wird nicht wirksam erfasst, wie sich die Qualität der Gesundheitsleistungen verändert. Aufgrund der verfügbaren Daten kann also kaum vernünftige Politik betrieben werden.

Überteuerte Leistungen identifizieren

Für nachhaltige Geldkostensenkungen gäbe es ein einfaches, natürliches Rezept. Solange so viele Junge Medizin studieren wollen, so viele Ausländer in der Schweiz Ärzte werden wollen und die Spitäler sich um Patienten reissen, sind offensichtlich die Taxpunktwerte und Fallkostenpauschalen für viele Leistungen zu hoch. Es wäre einfach, herauszufinden, für welche Leistungen das in besonderem Masse gilt. Diese Vergütungen gehören gesenkt. Dass die Politik diesen einfachen Weg nicht wählt, nährt den Verdacht, dass es ihr gar nicht um Kostensenkungen geht.