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Otto Ineichen: Kämpfer voller Leidenschaft

Otto Ineichen verstarb völlig überraschend. Hier ein Bild mit dem Prix Jeunes (Bild: Keystone)
In einem Buch befasste sich der Unternehmer und FDP-Politiker kritisch mit dem Zustand der Schweiz. Ein Porträt der «Handelszeitung» beleuchtete den engagierten Zeitgenossen schon 2004.
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Otto Ineichen (63) Unternehmer und FDP-Nationalrat aus Sursee im luzernischen Surental, ist kein Mann, der lange Federlesens macht. Wo er Probleme oder Missstände erkennt, packt er zu, leidenschaftlich, engagiert.

Wie ein roter Faden durchzieht dieser Tatendrang sein Buch «Was läuft schief? Wege zu einer erfolgreichen Schweiz». Kein Wunder: Hätte er 1977 nach dem Scheitern eines Unternehmens, das er zusammen mit seinem Bruder gegründet hatte, nicht zugepackt und quasi über Nacht mit den Restbeständen eines von Unwettern stark betroffenen Einkaufszentrums «Otto's Schadenposten» gegründet, gäbe es den erfolgreichen Unternehmer Ineichen (Otto's AG) heute wohl nicht.

Weil er selber die Krise gemeistert hat und somit Vorbild sein kann, duldet Ineichen keine Ausreden in der Art, man habe es schon immer so gemacht oder unser föderalistisches System lasse keine andere Lösungen zu. Wer so denkt, erntet Spott und Hohn - nicht nur im Buch, sondern auch im Parlament, in Kommissionssitzungen und an Podiumsveranstaltungen.

Ineichen ist auch als Politiker Unternehmer, der für die Wirtschaft möglichst gute Rahmenbedingungen fordert. Als typischer KMU-Vertreter wettert er gegen Bürokratie, Gesetzesflut und administrative Belastung. Dass die hohen Preise in der Schweiz dem Discounter Ineichen ein Dorn im Auge sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Folgerichtig kämpft er gegen regionale und nationale Marktabschottungen, administrierte Preise, Monopole und Kartelle. Die Wettbewerbsfähigkeit ist für Ineichen die Voraussetzung für das Wirtschaftswachstum, das für ihn nötig ist, um die Schweiz wieder auf Kurs zu bringen.

Leistungsfähig ist für den Luzerner Freisinnigen nur ein schlanker Staat: «Unser Staat leidet an Fettsucht und muss abspecken!» Entsprechend zeigt sich Ineichen begeistert von der «Wirtschaftsorientierten Verwaltungsführung» (WoV), wie es zum Beispiel im Kanton Solothurn realisiert worden ist. Als andere Sparmöglichkeit auf kantonaler Ebene schlägt er vor, statt der bisherigen sechs Departemente in den sechs Zentralschweizer Kantonen Luzern, Zug, Schwyz, Uri, Nidwalden und Obwalden ein einziges Bildungsdepartement zu schaffen.

«Überall geht es um Macht und Freunde»

Das Beispiel ist typisch: Otto Ineichen begnügt sich nicht damit, Probleme nur zu benennen. Er will sie beheben, wobei er sich nicht davor scheut, unorthodoxe Lösungen zu präsentieren und heilige Kühe zu schlachten, wie den Bildungsföderalismus. Das Geschrei, das deswegen entsteht, kümmert Ineichen wenig. Er tut es ab mit der Bemerkung: «Überall geht es um Macht und Freunde.» Auch hier die Erfahrung des Unternehmers, der sich gegen das Establishment durchsetzen musste.

Trotz seines liberalen und wirtschaftsnahen Standpunktes strebt Otto Ineichen eine Politik jenseits ideologischer Grabenkämpfe an, wie aus dem auf dieser Seite abgedruckten Schlusskapitel seines Buches deutlich hervorgeht. «Politiker, Wähler, Unternehmer, Arbeitnehmer - alle müssen jetzt zusammenstehen und die langfristige Vernunft über jedes kurzfristige Interesse stellen», lautet einer der Schlüsselsätze Ineichens.

Als Beweis, dass solche parteienübergreifende Zusammenarbeit in der Praxis auch funktioniert, führt Ineichen die von ihm initiierte Arbeitsgruppe Gesundheitswesen an, die im vergangenen Frühjahr Reformrezepte für den Dauerpatienten Gesundheitswesen entwickelt hat. Wie tragfähig das Konzept, hinter dem führende Gesundheitspolitiker aus FDP, SVP, CVP und SP stehen, sein wird, dürfte sich schon bald in der kommenden Herbstsession bei der Revision des KVG erweisen.

«Hoffnung, etwas zu bewegen»

Otto Ineichen hat sich im vergangenen Herbst mit der Hoffnung in den Nationalrat wählen lassen, in «Bern» etwas zu bewegen. Wie viele Quereinsteiger vor ihm musste auch er die Erfahrung machen, dass das schweizerische Politsystem, nicht zuletzt wegen des Föderalismus, sehr träge ist. Veränderungen und Reformen lassen sie nicht von einem Tag auf den anderen verwirklichen.

Kämpfen deshalb Macher wie Ineichen in einer Demokratie auf verlorenem Posten? Ja und Nein.

- Ja, wenn sich ihre «Qualität» auf das Poltern und Ausrufen auf Stammtischniveau beschränkt. Zum Scheitern sind sie auch verurteilt, wenn sie mit populistischer Gebärde ihrer Wählerschaft Versprechen machen, die sie nie einlösen können.

- Nein, wenn es ihnen gelingt, parteipolitische Grenzen zu überwinden und für ihre Ideen Mehrheiten zu beschaffen, ohne die in einer Demokratie nichts läuft. Nein auch, wenn die Begeisterungsfähigkeit, die Machern eigen ist, andere motiviert, gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen.

Was trifft auf Otto Ineichen zu? Noch ist es zu früh, seine politische Tätigkeit auf nationaler Ebene zu beurteilen, da er noch nicht einmal ein Jahr im Nationalrat sitzt. Sein Buch jedoch beweist, dass er aufs Ganze geht und nicht bereit ist, ein Hinterbänklerdasein zu fristen. Deshalb sucht er für seine Ideen Unterstützung von aussen für den Fall, dass er sie von seinen Kolleginnen und Kollegen im Rat nicht erhält.

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