Die Rentabilität leidet

Folgen der Restrukturierung
Europäische Banken
Viele europäische Grossbanken sind nach wie vor im Restrukturierungsmodus.
Europas Banken befinden sich zehn Jahre nach dem Platzen der Immobilienmarktblase immer noch im Restrukturierungsmodus. Zudem lasten das Niedrigzins­umfeld und die Ausgaben für Regulierung und Digitalisierung auf der Profitabilität der Banken.
by
Karl-Heinz Goedeckemeyer
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Festzuhalten ist, dass der gesamte Bankensektor sich seit 2007 stark gewandelt hat. Als Folge einer Flut an neuen Regularien haben die Institute damit begonnen, ihre Geschäftsmodelle sukzessive umzubauen und die Kapitalausstattung deutlich zu erhöhen. «Die europäischen Banken haben in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, die Folgen der Finanzkrise endlich hinter sich zu lassen», sagt Finja Carolin Kütz, Deutschlandchefin von Oliver Wyman. In einem insgesamt schrumpfenden Markt hätten die Banken strukturell unrentable Geschäftsbereiche abgestossen oder geschlossen, ihre Bilanzen auf Vordermann gebracht und neue – strengere – aufsichtsrechtliche Anforderungen erfüllt.

Unabhängig davon sehen sich alle Banken in Europa nun einer Reihe neuer, aber nicht weniger fundamentaler Herausforderungen gegenüber. Die Präferenzen und Anforderungen der eigenen Kundschaft ändern sich grundlegend. Ferner stellt die rasant fortschreitende Digitalisierung und das Aufkommen plattformbasierter Bankgeschäfte die Banken vor grosse Herausforderungen. Wenngleich die Institute inzwischen auf das sich verändernde Umfeld reagieren, zeigen nicht alle Banken das dafür notwendige Engagement oder haben entsprechende Pläne parat, um diese neuen Herausforderungen auch systematisch angehen zu können.

 

Schrumpfende Ertragsbasis

Trotz der Bemühungen, die Kosten zurückzufahren, konnten die europäischen Banken ihre operative Effzienz nicht grundlegend steigern. Nach Berechnungen von Oliver Wyman sind die Gesamtausgaben der Branche zwischen 2008 und 2016 nominal um 1 Prozent pro Jahr gestiegen. Auch beim Aufwand/Ertrags-Verhältnis seien kaum Veränderungen festzustellen, weil die Kostensenkungsbemühungen durch eine noch schneller schrumpfende Ertragsbasis weitgehend zunichte gemacht worden sind. Als Folge daraus bleibt die strukturelle Prfitabilität im europäischen Bankensektor niedrig. 

Während die Eigenkapitalrendite der amerikanischen Banken zum dritten Quartal 2017 bei 9,9 Prozent gelegen hat, generierten die europäischen Institute gerade einmal 4,4 Prozent. In diesem Kontext ist darauf hinzuweisen, dass laut dem Portal Bankreg- data.com Morgen Stanley und J.P. Morgan im dritten Quartal 2017 eine Eigenkapitalrendite von 16,5 Prozent bzw. 10 Prozent generierten. Vergleichbare europäische Banken wie Deutsche Bank, HSBC oder BNP Paribas wiesen eine Eigenkapitalrendite von minus 0,4 Prozent, 2,2 Prozent bzw. 5,9 Prozent aus. Nach Berechnungen von UBS werden die europäischen Banken erst im Jahr 2019 das Profitabilitätsniveau der US-Banken erreichen.

 

Italienische Banken hinken hinterher

Mit Blick auf die Profitabilitätskennzahlen in den ersten neun Monaten 2017 spricht wenig dafür, dass sich die Renditeschere zu den US-Banken in naher Zukunft verringern wird. Viele Banken, darunter vor allem die italienischen Institute, sind von ihrer Ziel-Eigenkapitalrendite weit entfernt. Dazu gehört auch die Unicredit, die eine Eigenkapitalrendite von über 9 Prozent anpeilt. UBS geht bei Unicredit (UCI) von einem Return on tangible Equity (ROTE) im Jahr 2018 von 8 Prozent aus. Diese Rendite-Zahl berücksichtigt nur das Eigenkapital, das von der Bankenaufsicht voll anerkannt ist. Diese Kennziffer lässt sich jedoch weniger gut mit jener der meisten europäischen Konkurrenten vergleichen. Aufgrund der Zahlen sehen Analysten bei Unicredit die Notwendigkeit, nach alternativen Wegen zur Steigerung der Ertragskraft der Bank zu suchen. 

Was die derzeitige Positionsbestimmung der Bank erschwere, seien die NPL-Kennzahlen (notleidende Kredite). Während die UBS eine NPL-Quote für Unicredit Italien von 22 Prozent errechnet hat, weist die Bank auf Gruppenbasis 11 Prozent aus. Im Dezember 2016 hat UCI einen Strategieplan (2016–2019) ent- worfen, der unter anderem zum Ziel hatte, die CET1-Quote (hartes Eigenkapital) durch eine Kapitalerhöhung auf 12,5 Prozent bis 2019 anzuheben und die Cost-Income-Ratio durch Bilanzbereinigung und Kostensenkungen unter 52 Prozent zu bringen. 

Weiter im Restruktuierungsmodus befinden sich auch Institute wie Barclays, Commerzbank, Deutsche Bank und Standard Chartered. Andere wiederum wie die Lloyds Banking Group sind bei der Profitabilitätsverbesserung weiter fortgeschritten. Unter der Leitung des neuen CEOs António Horta-Osório hat sich Lloyds aus mehr als 20 Ländern und aus dem Investmentbankgeschäft zurückgezogen. Mit 9 Millionen mobilen Kunden ist Lloyds nach eigenen Angaben die grösste Digitalbank in UK. In den ersten neun Monaten erzielte die britische Bank einen Gewinn von 6,6 Milliarden Pfund und einen ROTE von 16,2 Prozent. Seit Mai 2017 ist Lloyds vollständig reprivatisiert und hat dem Staat im Rahmen von Beteiligungsverkäufen einen Erlös von rund 21 Milliarden Pfund beschert.

 

Société Générale und Credit Suisse: Ambitionierte Gewinnziele

Im Dezember haben auch Société Générale (SocGén) und die Credit Suisse auf Investorenveranstaltungen ihre Strategiepläne für die kommenden Jahre vorgestellt. Demnach will SocGen zusätzlich, dass 2550 Stellen wegfallen werden, ist bekannt, weitere 900 Jobs streichen. SocGén erwartet dank eines höheren Umsatzwachstums (2016 bis 2020) im Umfang von 3,6 Milliarden Euro und Kostensenkungen von 1,2 Milliarden Euro bis 2020 einen Return on tangible Equity von ca. 11,5 Prozent – und liegt damit über den Analysten-Erwartungen. Die Grossbank kündigte darüber hinaus zusätzliche Effzienzmassnahmen, vor allem im französischen Retailbanking, an.

Auch die Credit Suisse (CS) hat an ihrem Investor Day höhere Gewinnziele in Aussicht gestellt. Bis 2019 peilt die CS einen Nettogewinn von 4,2 bis 4,6 Milliarden Euro an, was einem ROTE von 10 bis 11 Prozent entsprechen würde. Im Jahr darauf soll sich der Nettogewinn auf 5,0 bis 5,5 Milliarden Euro erhöhen und die Rendite auf 11 bis 12 Prozent steigen. Des Weiteren hat das Management eine Dividendenrendite von ca. 6 Prozent und ein CET1-Ziel von mindestens 12,5 Prozent im Hinblick auf Basel 4 angedeutet. Da die CS sich mit diesem Gewinnziel weit aus dem Fenster lehnt, ist der Spielraum für Enttäuschungen gross.

Die Deutsche Bank steckt mitten in einem mehrere Jahre andauernden Restrukturierungsprozess. Inzwischen wurden grosse Rechtsstreitigkeiten beigelegt, Beteiligungen veräussert und die Kostenstruktur verbessert. Auf der Ertragsseite hat die Deutsche Bank auch im dritten Quartal wiederum enttäuscht. Die nächsten Schritte dürften die Zusammenführung von Postbank, Sal. Oppenheim und des Privatkundengeschäfts der Deutschen Bank (zweites Quartal 2018), die Abgabe eines Minderheitenanteils an der Deutschen Asset Management (Börsenlisting voraussichtlich 2018) und die Gründung einer neuen Digitalbank (viertes Quartal 2018) sein.

Als Anfang Dezember 2017 bekannt geworden ist, dass der US-Investor Cerberus sich an der Bank beteiligt, sind Gerüchte aufgekommen, wonach eine Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank bevorstehe. Dort hatte sich Cerberus bereits im Sommer mit 5 Prozent der Aktien eingekauft.