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Börseninterview

«Die Position von Merkel ist seit den Wahlen geschwächt»

Angela Merkel: Ihre neue Regierung nimmt bald die Arbeit auf. Quelle: Getty/Steffi Loos
Börsenexperte Christof Strässle erklärt seine tiefen Erwartungen an Angela Merkel – und sagt, warum alle den Fed-Chef beobachten.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Christof Strässle*: Mit Argusaugen beobachten die Akteure alle Aktivitäten und Aussagen des neuen US-Notenbankchefs Jerome Powell. Hinweise auf ein stärkeres Wirtschaftswachstum respektive höhere Inflationsraten in den USA schüren die Angst vor schneller steigenden Zinsen und führen zu Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten. In der Schweiz beschäftigen die Börsenschwergewichte Nestlé, Roche und Novartis, deren wirtschaftliche Aussichten im relativen Verhältnis eingetrübt sind. Und nicht zuletzt stehen in Italien an diesem Wochenende Wahlen an. Ähnlich zu Deutschland dürften diese wohl in eine schwierige Regierungsbildung münden.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die seit Februar spürbare Verunsicherung an den internationalen Börsen ist noch nicht gegessen. In deren Sog dürfte an der Schweizer Börse in den nächsten Wochen ein auf und ab zu beobachten sein. Erhöhte Tagesschwankungen sind in solchen Phasen normal. Auch heftigere Rückschläge bedeuten keine Trendumkehr, sondern widerspiegeln die erhöhte Nervosität. Insgesamt dürfte sich die Börse vorderhand seitwärts bewegen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Schlüsselgrösse für den weiteren Verlauf der Aktienmärkte sind die Zinsen. Solange die Normalisierung der Zinsen in den USA (und später auch in Europa) Ausdruck einer gesunden Wirtschaft ist und die Inflation nicht unerwartet stark steigt, bleibt das Umfeld für Aktien positiv.

Deutschland wird erneut von einer Grossen Koalition regiert. Welche Wirtschaftspolitik erwarten Sie von Angela Merkels neuer Regierung?
Die Position von Frau Merkel ist seit den Wahlen geschwächt. Das Regierungsprogramm der Grossen Koalition beinhaltet keine grossen Schritte, sondern gleicht einem Sammelsurium von Ideen ohne Schwergewichte und Visionen. Somit dürfte sich die neue Regierung primär um Machterhaltung kümmern anstatt um zukunftsweisende Lösungen der anstehenden Herausforderungen.

Nächstes Jahr wird Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank zurücktreten. Könnte dies zu einem Kurswechsel in der Geldpolitik im Euroraum führen?
Die Amtszeit von Mario Draghi dauert bis zum 30. Oktober 2019. Vorderhand ist also nicht mit einem wesentlichen Kurswechsel der Geldpolitik im Euroraum zu rechnen. Bisher konnte Deutschland nie den Präsidenten der Europäischen Zentralbank stellen. Dies stärkt die Ausgangslage potenzieller Kandidaten aus unserem nördlichen Nachbarland. Deutsche Geldpolitiker verfolgen traditionell eine andere Geldpolitik als jene von Herrn Draghi. Dies aber als Indiz zu nehmen für einen anstehenden Kurswechsel, ist verfrüht. Entsprechende Diskussionen und Spekulationen werden uns jedoch im Verlaufe des Jahres 2018 begegnen.

Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Zink haben sich stark verteuert. Welche Möglichkeiten haben Anleger, die in diese Metalle investieren möchten?
Die erwähnten Metalle nehmen im globalen Rohstoffuniversum gemessen an Produktion und Verbrauch eine Mikroposition ein. Sie sind daher in den gängigen Rohstoffindizes bescheiden bis gar nicht vertreten. Der Kauf eines diversifizierten Indexprodukts liefert somit nicht die gewünschte Exposition. Auch eine Investition in das jeweilige Metall via Futures oder darauf aufbauende ETF oder Zertifikate gestaltet sich schwierig – insbesondere bei Kobalt und Lithium. Vielfach bleibt dem Privatinvestor daher nur der Kauf von Aktien jener Minengesellschaften, welche die begehrten Metalle ans Licht holen.

Pensionskassen und andere institutionelle Investoren investieren weiterhin stark in den Mietwohnungsbau. Halten Sie diese Strategie für gefährlich? Die Mieten sind schweizweit unter Druck.
Parallel zu den Preisen an den Aktien- und Obligationenmärkten haben sich auch die Preise an den Immobilienmärkten stark verteuert. Wenn die Zinsen zu steigen beginnen, dürfte dies Auswirkungen auf alle Anlagesegmente haben. Sich davor zu schützen, dürfte kaum möglich sein. Will man verhindern, dass eine Korrektur einen zwingt, im falschen Moment schlechte Entscheide zu treffen, müssen Risikofähigkeit, Risikobereitschaft und Anlagehorizont im Einklang sein. Unter dieser Voraussetzung und im Bewusstsein, dass die Renditen bei Mietwohnungen unter Druck geraten dürften, können Pensionskassen auch heute noch in Immobilien investieren.

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*Der promovierte Ökonom Christof Strässle ist Gründer und Managing Partner der unabhängigen Vermögensberatung Strässle & Partner Vermögens-Engineering AG mit Sitz in Luzern. Er verfügt über eine ausgewiesene nationale und internationale Bankerfahrung im Bereich Private Banking und institutionelle Kunden. Quelle: ZVG