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Börseninterview

«Der Dollar hat den Charakter als Fluchtwährung bestätigt»

Der Dollar: Der «Greenback» hat zuletzt an Wert gewonnen. Quelle: Keystone Images
Axa-Experte Franz Wenzel erklärt, wieso der Dollar erstarkt.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Franz Wenzel*: Im Moment füllt insbesondere das Thema Handelskrieg die Schlagzeilen. Die USA und China machen sich an dieser Stelle keine Geschenke. Sollte der US-Forderung nach einer weiteren deutlichen Absenkung des chinesischen Aussenhandelsüberschusses weiterer Nachdruck verliehen werden, wäre das ein Nährboden für die Sorge um dauerhafte Spannungen. Die schwächelnde Konjunktur würde somit weiter belastet.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Für die Schweizer Börsen bleiben die wichtigsten Börsenplätze, insbesondere die europäischen Märkte, bestimmend. Im Moment ist die Dividendensaison hier in Europa noch in vollem Gange. Allerdings sollten sich Investoren in den kommenden Monaten auf eine eher vorsichtige Gangart einstellen, zumal die Konjunkturdaten eher mässig sind. Die aktuelle Frankenschwäche kommt sowohl den Schweizer Exporteuren als auch der Notenbank gelegen.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Trotz der mageren Wertentwicklung seit Jahresbeginn bleiben wir davon überzeugt, dass die europäischen Börsen das Jahr 2018 positiv beschliessen werden. Allerdings sind Investoren gut beraten, sich auf höhere Volatilität einzurichten. Steigende (US-)Zinsen und hohe Aktienmarktwertungen sind hierfür ursächlich. Allerdings hat die zurückliegende Berichtssaison gezeigt, dass sich die Unternehmensgewinne vielversprechend darstellen. Die Schweizerische Nationalbank kann sich im Moment entspannen, die Frankenschwäche kommt ihr zupasse.

Der Dollar hat in den letzten Wochen gegenüber Franken und Euro deutlich an Wert gewonnen. Wird sich der «Greenback» weiter verteuern?
Einmal mehr kam es anders, als man dachte. Vielerorts wurde der Dollar zur Schwäche geredet. Trotz oder vielmehr gerade wegen der politischen Unwägbarkeiten hat der Dollar seinen Charakter als Fluchtwährung einmal mehr bestätigt. Investoren fühlen sich im Dollar als Krisenwährung gut aufgehoben. Ferner hat das Zinsargument die Oberhand zurückgewonnen. Der neue Fed-Chairman Jerome Powell hat keinen Zweifel über die künftige Geldpolitik gelassen. Weitere Zinserhöhungen sind programmiert.

* Franz Wenzel ist Anlagestratege für Institutionelle Kunden bei AXA Investment Manager. Quelle: ZVG

Italien hat immer noch keine neue Regierung. Wie zuversichtlich sind Sie für die wirtschaftliche Entwicklung Italiens angesichts des politischen Stillstands?
Dass die Konjunktur nicht notwendigerweise auf eine stabile Regierung angewiesen ist, haben die vergangenen Jahre vielerorts gezeigt. Die aktuelle Situation in Italien macht Neuwahlen sehr wahrscheinlich. Damit werden zwei Fragen virulent: Kann die Bankenreform weiter vorangetrieben werden, um damit die Konjunktur zu fördern? Wichtiger ist die Frage, inwieweit eine instabile politische Lage nicht Richtung Europa ausstrahlt. Dieser Frage kommt damit eine weitaus bedeutendere Dimension zu, nämlich diejenige der europäischen Reformfähigkeit beziehungsweise Glaubwürdigkeit.

Öl ist so teuer wie seit über dreieinhalb Jahren nicht mehr. Hat die Preissteigerung Folgen für die globale Konjunktur?
Die Diskussion um das Iranabkommen sowie die Krise im Nahen Osten haben den Ölpreis in den vergangenen zwölf Monaten von anfangs um die 50 US-Dollar auf heute etwa 75 Dollar ansteigen lassen. Wir unterstellen, dass ein dauerhafter Anstieg von circa 10 US-Dollar etwa 0,1 Prozent Wachstum kostet. Bliebe der Ölpreis auf dem heutigen Niveau, könnte das nach dieser Faustregel etwa 0,2 Prozent Wachstum kosten und die Inflation um etwa 0,3 Prozent bis 0,4 Prozent anheben.

Die Renditen von 10-jährigen US-Staatsanleihen nähern sich der 3-Prozent-Marke. Sollten Investoren dieses Niveau nutzen und investieren?
Angesichts der guten Konjunktur und weiter zu erwartender Zinserhöhungen seitens der US-Notenbank ist sicherlich Vorsicht vor langlaufenden US-Anleihen das erste Gebot. Wir unterstellen noch drei Zinserhöhungen 2018, gefolgt von weiteren drei Zinserhöhungen 2019. Dies wird auch am langen Zinsende nicht spurlos vorübergehen. Wir wären nicht überrascht, wenn sich die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen auf Sicht von zwei Jahren Richtung 4 Prozent bewegen würden. Ferner bleibt das Thema Währungssicherung für alle ausländischen Investoren ein zentrales Thema.

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