Skip to main content
Börseninterview

«An den Reformen in Italien führt kein Weg vorbei»

Giuseppe Conte: Der Akademiker wird Italiens neuer Regierungschef. Quelle: Antonio Masiello/Getty Images
Anlageexperte Christof Strässle erklärt, warum in Italien wohl alles beim Alten bleibt – und sagt, was Bitcoin für den Durchbruch fehlt.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Christof Strässle*: Wir erleben zurzeit eine von der Politik getriebene Börse. Einerseits sorgt die anstehende Regierungsbildung in Italien durch den designierten Ministerpräsidenten Giuseppe Conte als Vertreter der Protestbewegung Cinque Stelle und der rechtspopulistischen Lega für Wolken am Finanzhimmel. Andererseits hat das Hin und Her um das Treffen zwischen den USA und Nordkorea die Börsen belastet. Zudem dürfte auch der «Handelsstreit» mit den USA wieder an Brisanz gewinnen. So laufen per Anfang Juli Ausnahmeregelungen bei den Zöllen für Europa aus. Doch wie ein Sprichwort sagt, haben politische Börsen in der Regel kurze Beine, womit ich diese Ereignisse realwirtschaftlich nicht überbewerten würde.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Schweizer Börse konnte seit Anfang April deutlich an Boden gutmachen und das Gros der Februar-Verluste aufholen – dies insbesondere, wenn man die abgegangenen Dividendenzahlungen mitberücksichtigt. Der schwächere Franken hat dabei sicherlich mitgeholfen. Die jüngsten Entwicklungen in Italien haben nun den Aufwertungstrend beim Euro gebrochen, was sich auch im Schweizer Aktienmarkt widerspiegeln und für temporär tiefere Kursnotierungen sorgen dürfte.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Können die politischen Wirren gelöst werden, ist ein Durchbrechen der 9000 Punkte Marke wahrscheinlich.

*Der promovierte Ökonom Christof Strässle ist Gründer und Managing Partner der unabhängigen Vermögensberatung Strässle & Partner Vermögens-Engineering AG mit Sitz in Luzern. Er verfügt über eine ausgewiesene nationale und internationale Bankerfahrung im Bereich Private Banking und institutionelle Kunden. Quelle: ZVG

Italiens neue Regierung steht dem Euro kritisch gegenüber und will die Staatsausgaben erhöhen. Könnte der wirtschaftliche Aufschwung in der Euro-Zone durch Italien Schaden nehmen?
Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft in der Euro-Zone und hat den zweithöchsten Schuldenberg aufgetürmt (131 Prozent des BIP). Dritten die Schuld an der Misere zuzuschieben, gehört zur politischen Rhetorik. Die Drohung mit dem Austritt aus dem Euro ist nicht neu, hätte für Italien aber faktisch die Zahlungsunfähigkeit zur Folge. An den dringend notwendigen strukturellen Reformen in Italien führt kein Weg vorbei. Daran ändert auch das angekündigte Regierungsprogramm nichts. Dieses dürfte den Realitätstest kaum bestehen, womit vorderhand wohl alles beim Alten bleibt.

Neue Sanktionen gegen den Iran und Venezuela treiben den Ölpreis nach oben. Bremst der hohe Ölpreis das globale Wirtschaftswachstum?
Höhere Preise führen dazu, dass heute ungenutzte Produktionskapazitäten, insbesondere in den USA, profitabel genutzt werden können. Dies begrenzt eine Rally beim Ölpreis, absorbiert jedoch auch zusätzliche Arbeitskräfte und führt lokal zu positiven wirtschaftlichen Impulsen. Die Inflation wird im Endresultat voraussichtlich höher ausfallen, was die angepeilte Zinspolitik der US-Notenbank aber bestätigt. Der höhere Ölpreis alleine vermag die global synchrone, positive Wirtschaftsentwicklung kaum wesentlich zu bremsen.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat sich entspannt. Ist die Gefahr eines Handelsstreits nun gebannt?
Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, sondern nur aufgeschoben. Das Handelsbilanzdefizit der USA ist enorm – und dies nicht nur gegenüber China. Die Regierung Trump wird weiter versucht sein, dieses mit politischem Druck und protektionistischen Massnahmen zu verringern. Die Ausgangslage Chinas als geeinte und starke Handelsmacht ist im Machtpoker mit den USA deutlich besser als jene Europas, mit seinen länderspezifischen Partialinteressen.

Bitcoin ist in den letzten Wochen aus den Schlagzeilen verschwunden. Werden sich digitale Währungen aus Ihrer Sicht durchsetzen?
Ob Bitcoin oder eine andere Digitalwährungen langfristig überleben wird, hängt von mehreren Faktoren ab: Einerseits gilt es technologische Herausforderungen zu meistern. Erwähnt seien hier der hohe Energieverbrauch des Bitcoin-Systems sowie die begrenzte Kapazität zur Transaktionsabwicklung. Andererseits gilt es gängigen Regulierungsstandards hinsichtlich Geldwäschereibekämpfung und Kundenidentifikation zu genügen. Und schliesslich stehen und fallen Digitalwährungen mit deren Akzeptanz als Zahlungsmittel. Können keine oder nur wenige reale Dienstleistungen und Produkte damit bezahlt werden, fehlt der ökonomische Nutzen und die Währung verkommt zum «wertlosen» Sammlerobjekt.

Abonnieren Sie unseren stocksDIGITAL-Newsletter und erhalten Sie jede Woche die besten Invest-Tipps per E-Mail. Der StocksDIGITAL-Newsletter ist ein kostenloser Informationsdienst der Handelszeitung und wird jeden Freitag versendet: Hier geht es zur Anmeldung.