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Freie Sicht

Erst das grosse Los, dann die Pleite

Nicht immer nachhaltig: Jackpot Quelle: Matt Biddulph | Flickr Creative Commons
Wenn einer in der Lotterie gewinnt, gehen seine Nachbarn öfter bankrott. Diese Einsicht könnte mithelfen, Finanzkrisen zu erklären.
von am

Wann benötigt man ein neues Auto? Spätestens wenn der Nachbar eines gekauft hat. Und wann einen Zweitwagen? Dito. Auf den ersten Blick wirkt dieses Schema so plump, dass man gar nicht recht dran glauben mag. Aber es wirkt. Was die Angelsachsen in der Redewendung «Keep up with the Joneses» erfassen, ist ein machtvoller Trieb. Er kann Menschen direkt in den Abgrund treiben.

Dies bestätigen drei Ökonomen, die unter dem Dach der US-Notenbank Fed neue Zahlen veröffentlicht haben. Sie fanden heraus: Wenn einer in der Lotterie gewinnt, gehen seine Nachbarn häufiger bankrott. Sumit Agarwal, Vyacheslav Mikhed und Barry Scholnick werteten die Daten von 7300 Lottogewinnern aus, ferner die der dazugehörigen Postleitzahlen und die Dossiers der Betreibungsämter. Und da zeigte sich, dass die Konkursrate um 6,6 Prozent stieg, nachdem einer im Ort oder im Quartier einen Lottogewinn abgeholt hatte.

Der statistische Sprung war speziell ausgeprägt in kleineren Gemeinden – sowie in jenen Fällen, wo der Glückspilz ein besonders fettes Millionenlos zog.

Wie kam das? Auch dazu deuten die Konkursdossiers, erfasst in Kanada, Interessantes an: Die Nachbarn von Lottogewinnern wagten riskantere Anlagen. Sie nahmen häufiger Kredite auf. Und sie gaben überdurchschnittlich viel Geld für sichtbare Güter aus, zum Beispiel für Autos. Doch sie investierten keineswegs stärker in verborgenere Werte wie Backöfen oder Bildung.

Treibstoff Ungleichheit

Welche Faktoren hier en détail wirken, können wohl nur Psychologen erklären. Wenn die Nachbarn plötzlich zu riskanteren Geldgeschäften neigen, dann dürfte etwa das schiefe statistische Vorbild hineinspielen, das ein Jackpot-Gewinner zwangsläufig abgibt. Insgesamt aber erhärtet die Studie ein altbekanntes Muster: Der soziale Status, dem wir nachstreben, wird durch die nächste Umgebung bestimmt. Wir meinen, diesen Status durch Konsumgüter ausweisen zu müssen. Und offenbar wirkt der reiche Nachbar sogar dann verführerisch, wenn er durch pures Glück zum Vermögen gekommen ist – und nicht etwa durch Leistung oder Intelligenz.

All das mag lehrreich sein. Doch Agarwal, Mikhed und Scholnick geht es um mehr: Ihre Daten spielen hinein in die Dauerdebatte zur Ungleichheit. Steigender Reichtum der einen könnte die anderen zu Risiko verführen – so der Verdacht. Es ist ja bekannt, dass der Arm-Reich-Graben oft ausgerechnet vor Finanzkrisen sehr weit aufklafft; so war es 1929, so war es 2007. Dass es danach dreht, wirkt logisch, immerhin trifft eine Finanzkrise vor allem die oberen zehntausend. Aber was war davor?

Kann es sein, dass die anderen 99 Prozent mit steigender Ungleichheit verstärkt zur riskanten Anlage neigen? Dass sie koketter haushalten? Gerade dies würde dann die Krise vorbereiten.