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Börseninterview

«Das könnte schnell zu einem Handelskrieg eskalieren»

Donald Trump: Der US-Präsident fährt einen protektionistischen Kurs.
Barclays-Experte Henk Potts hält einen Handelskrieg für möglich – und sagt, wie sich Anleger dagegen wappnen können.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Henk Potts*: Wir betrachten Risiken vor dem Hintergrund potenzieller wirtschaftlicher Schocks, geopolitischer Spannungen, sozialer Unruhen und Umweltschäden – alles Ereignisse, die sich für Investoren als nervenaufreibend erweisen können. Kurzfristig sind die Märkte sicherlich besorgt über den möglichen Ausbruch eines globalen Handelskrieges. Mittelfristig dürften die Inflationsgefahr und die Geschwindigkeit, in der sich die Zinsen wieder normalisieren, bei den Anlegern im Fokus stehen. Langfristig könnten sich soziale Unruhen aufgrund von Wirtschafts- und Lohnungleichheiten sowie die Folgen des Klimawandels destabilisierend auf die Finanzmärkte auswirken.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Weltwirtschaft hat in der ersten Jahreshälfte eine Verschnaufpause eingelegt, nachdem sie seit Mitte 2016 ein hohes Tempo angeschlagen hatte. Die jüngsten Frühindikatoren für die europäische Wirtschaft deuten darauf hin, dass die Region, ähnlich wie der Rest der Welt, jetzt gewissermassen kurz innehält. Wir erwarten für den Kontinent auch in der zweiten Jahreshälfte ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum. Das sollte dazu beitragen, die Aufmerksamkeit der Anleger wieder stärker auf die verbesserten Rahmenbedingungen für europäische und Schweizer Unternehmen zu lenken, und weg vom immer lärmigeren politischen Umfeld.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der Schweizer Aktienmarkt hat eine prognostizierte Dividendenrendite von knapp 4 Prozent, die in den nächsten Jahren prozentual im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen dürfte. Entsprechend können Anleger bis zur nächsten Rezession noch gut und gerne mit mittleren bis hohen einstelligen jährlichen Gesamtrenditen auf Schweizer Aktien rechnen – ohne dass der Bewertungsmultiplikator erweitert werden muss. Die Frühindikatoren deuten indes nicht auf eine unmittelbar bevorstehende Rezession hin.

Der internationale Handelskonflikt belastet die Kurse an den Finanzmärkten. Werden die neuen Zölle bald auch Auswirkungen auf die globale Konjunktur haben?
Es ist keine Überraschung, dass Länder, denen Exportzölle auferlegt wurden, nun ihrerseits Vergeltungsmassnahmen ergriffen haben. Das könnte schnell zu einem Handelskrieg eskalieren. Handelskriege können das globale Handelsvolumen reduzieren, was wiederum Unternehmen von Investitionen abhält. Auch steigen dann Verbraucher- und Erzeugerpreise, was Druck auf den privaten Konsum ausüben und zu einer erhöhten Inflation führen kann. Ein ausgewachsener Handelskrieg würde das globale Wachstum hemmen. Soweit sind wir zwar noch nicht, aber das Risiko ist sicherlich vorhanden.

*Henk Potts ist Market Strategist – EMEA im Bereich Private Bank bei der Barclays Bank. Er analysiert verschiedenste Anlageklassen und evaluiert die Auswirkungen makroökonomischer Veränderungen auf die Finanzmärkte. Ansässig in Grossbritannien, arbeitet er international mit Private Banking- und Intermediärkunden zusammen. Quelle: ZVG

Grossbritanniens Wirtschaft dürfte dieses Jahr so schwach wachsen wie seit 2009 nicht mehr. Zahlt das Königreich jetzt den wirtschaftlichen Preis für den Brexit?
Die realen Folgen des Brexit beginnen sich nun in den Wirtschaftsdaten widerzuspiegeln. Das Vereinigte Königreich ist von der am schnellsten wachsenden G7-Wirtschaft zur langsamsten geworden. Die Unternehmensinvestitionen belasten weiterhin das Wachstumsprofil Grossbritanniens. Denn die Unternehmen halten sich mit langfristigen Investitionen zurück, weil sie nicht wissen, welchen Zugang sie zum Binnenmarkt haben werden, wie die Zollunion aussehen und die Einwanderungskontrolle ausgestaltet sein werden. In Grossbritannien erwarten wir in diesem Jahr nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent, das ist das langsamste seit der Finanzkrise.  

Kryptowährungen haben in den letzten Monaten massiv an Wert verloren. Werden sich die virtuellen Währungen vom Kurssturz erholen?
Wir bleiben mit unseren langfristigen Prognosen für Krypto-Währungen sehr vorsichtig. Uns beunruhigt, wie deren Wert festgelegt wird, da keine Zentralbank oder Wirtschaft dahintersteht und sie keine Cashflows generieren. Zu erwähnen sind auch die überhöhte Volatilität, mangelnde Regulierungen und Sicherheitsrisiken. Investoren sollten sich vielmehr auf die Blockchain-Technologie hinter den Kryptowährungen konzentrieren, als direkt in sie zu investieren.

Welche Möglichkeiten stehen Anlegern offen, die sich gegen die Auswirkungen des Handelskonflikts wappnen wollen?
Bestimmte Regionen und Sektoren gelten als besonders anfällig für einen Handelskrieg. Asien, insbesondere China, sowie Mexiko und Kanada sind wichtige Exporteure mit Ziel USA. Deshalb sind die Finanzmärkte in diesen Regionen volatiler geworden. Auf Branchen bezogen könnten auch die Hersteller von Landwirtschafts-, Transport- und Industriemaschinen sowie der Technologiesektor steigenden Spannungen ausgesetzt sein. Investoren, die über einen eskalierenden Handelskrieg besorgt sind, sollten ihr Engagement in diesen Bereichen reduzieren.

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