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Flugverkehr

Lowcost erobert jetzt auch die Langstrecke

XL Airways: Die französische Fluggesellschaft lockt Passagiere mit Billigflügen. Quelle: Keystone
Auf der Langstrecke gibt es immer mehr Billigflüge. Europäische Airlines bekommen ein Mittel im Wettstreit mit Golf-Fluggesellschaften.
von am

Für 410 Euro von Berlin nach Singapur in Südostasien und zurück nach Deutschland? Für 539 Euro von Köln aus nach Seattle an der amerikanischen Westküste und zurück? Die Zahl der Direktverbindungen auf langen Strecken von Deutschland und anderen europäischen Ländern aus nehmen stetig zu. Das weckt Begehrlichkeiten.

Klassische europäische Fluggesellschaften wie Lufthansa und IAG (British Airways/ Iberia) bauen eigene Töchter für diese Billigflüge auf. Nicht zuletzt befeuert dieser Trend auch das Interesse, das Airlines wie eben Lufthansa und IAG an einer Übernahme von Norwegian zeigen. Die Norweger sind die europäische Nummer Eins unter den Billiganbietern im Langstrecken-Bereich.

Easyjet fliegt jetzt auch von Berlin-Tegel

Die Lufthansa hat neue Konkurrenz auf innerdeutschen Strecken bekommen: Der britische Billigflieger Easyjet fliegt nun auch von Berlin-Tegel nach Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart und München.

In Frankreich bieten in diesem Sommer sogar erstmals mehr Lowcost-Airlines als klassische Fluggesellschaften Flüge von Paris aus in die Vereinigten Staaten an: XL Airways, La Compagnie, French Bee, Norwegian, Level, Wow Air und Primera Air. Auch wenn die super-günstigen Lockangebote oft schnell ausverkauft sind, ist ein Hin- und Rückflug von Paris nach New York bei ihnen durchaus für weniger als 400 Euro zu haben.

Für Familien zählt der Preis

«Mehr als 80 Prozent der Fluggäste im Langstreckenbereich sind Familien, die mit mehreren Personen reisen und im Gegensatz zu Geschäftsreisenden ihre Tickets selber zahlen», sagt Marc Rochet, der Vorstandsvorsitzende der französischen Langstrecken-Lowcost-Airline French Bee. Das Hauptargument für diese Kunden sei jedoch der Preis, meint er.

Es gäbe jetzt so etwas wie die Revanche der normalen Konsumenten, nachdem mehr als 40 Jahre lang Fluggäste für Wachstum in der Branche gesorgt hätten, die ihre Reisen nicht selber zahlen mussten, sagt XL Airways-Chef Laurent Magnin. Wenn eine Fluggesellschaft mehr als 600 Euro für einen Langstreckenflug verlange, empfände Otto NormalKonsumenten das im Gegensatz zu diesen Geschäftsreisenden als Diebstahl.

Immer mehr günstige Langstreckenflüge

Rochet und Magnin sind deshalb überzeugt, dass sich das Lowcost-Modell auf der Langstrecke dauerhaft durchsetzen wird. Skeptiker hätten vor 25 Jahren auch öffentlich bezweifelt, dass sich Billigfluggesellschaften auf Kurz- und Mittelstrecken etablieren würden.

Der Anteil von Lowcost-Angeboten an Flügen innerhalb von Europa ist jedoch von 19 Prozent im Jahr 2007 auf 30 Prozent im Jahr 2016 gestiegen und dürfte weiter zulegen. Dagegen ist der Anteil traditioneller Airlines an Flügen in Europa im selben Zeitraum laut Eurocontrol von 59 auf 53 Prozent zurückgegangen.

Eine Antwort auf den Erfolg der Golf-Airlines

Im Langstrecken-Segment dürfte nun eine ähnliche Entwicklung folgen. IAG-Chef Willie Walsh etwa glaubt, dass der Anteil der Lowcost-Anbieter dort langfristig 40 Prozent ausmachen könnte. John Leahy, der langjährige frühere Verkaufschef von Airbus, geht sogar von 50 Prozent aus.

XL Airways-Chef Magnin wiederum ist überzeugt, dass Billig-Langstreckenangebote die einzige Möglichkeit für europäische Airlines sind, Golf Carriern wie Emirates und Qatar Airways erfolgreich die Stirn bieten zu können. Voraussetzung sei jedoch, Direktflüge für 500 Euro anbieten zu können, sagte er kürzlich auf dem Paris Air Forum.

Emirates: Die Golf-Airline transportiert viele Passagiere via ihres Drehkreuzes Dubai.

Eine neue Art des Reisens

Denn der Vormarsch der Lowcost-Airlines im Langstreckensegment verändert auch die Art des Reisens. Die Fluggäste würden Direktverbindungen gegenüber Flügen über grosse Drehkreuz-Flughäfen bevorzugen, meint etwa Norwegian-Chef Björn Kjos.

Bisher setzen klassische Fluggesellschaften wie Lufthansa, British Airways und Air France bei ihren Langstrecken-Angeboten vor allem auf grosse Airports wie Frankfurt, London Heathrow und Paris Charles de Gaulle, die sogenannten Hubs. Fluggäste mit anderen Abflugorten müssen dort in Grossraumflugzeuge umsteigen.

Billiganbieter sparen bei Flughafengebühren

Kleinere Flughäfen sind jedoch für Billiganbieter interessant, da dort weniger Gebühren anfallen. Gleichzeitig gibt es nun neue Flugzeugmodelle wie etwa den A321LR, der sowohl von den Anschaffungs- als auch den Betriebskosten her günstiger ist als Langstreckenjets wie der 787-Dreamliner oder der A350. Der A321LR bietet Platz für weniger Passagiere – und genau das macht ihn für den Einsatz an Flughäfen interessant, die eben nicht so gross sind wie Frankfurt, Paris oder London Heathrow.

«Der A321LR wird Fluggesellschaften erlauben, neue Märkte zu entwickeln», sagt Airbus-Topmanager Joachim Toro Prieto. So können Airlines damit neue Langstreckenziele erschliessen, auf denen grössere Langstreckenjets halb leer unterwegs und damit nicht rentabel wären.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr: Er erhofft sich neue Möglichkeiten für die Tochter Eurowings.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr etwa hält das Wachstum von Eurowings an neuen Flughäfen dank dieser neuen Flugzeugmodelle für möglich. «Ich bin überzeugt, dass mit neuen Interkontinental-Flugzeugen, die kleiner und trotzdem sehr effizient sind, neue Möglichkeiten entstehen», sagte er der «Süddeutschen Zeitung». Berlin wachse stark, Hamburg und Stuttgart hätten enormes wirtschaftliches Potenzial. «In einigen Jahren kann das realistisch sein.»

Gäste buchen Anschlussflüge getrennt

Der Trend zu Billigfluggesellschaften auf der Langstrecke sorgt jedoch auch dafür, dass das sogenannte Self Connecting zunimmt. Während klassische Airlines für ihre Kunden Flugverbindungen organisieren, buchen Fluggäste inzwischen ihre Anschlussflüge im Internet verstärkt selber – bei zwei verschiedenen Billiganbietern. Nach Angaben der Unternehmensberatung ICF haben letztes Jahr bereits 16 Millionen Passagiere in Europa auf das Self Connecting gesetzt. 2021 könnten es sogar 25 Millionen sein, glaubt ICF.

Das Self Connecting ist zwar günstiger, bietet jedoch auch grössere Risiken. So sind die Anschlussflüge bei Verspätungen des ersten Fluges im Gegensatz zu Flugverbindungen klassischer Airlines nicht garantiert. Zudem müssen Fluggäste beim Self Connecting ihr Gepäck einsammeln und dann wieder komplett neu einchecken.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Mit diesem Flugzeug wird die Langstrecke so günstig wie nie».